22.12.2017   von rowohlt

Die Bibel – ein Tagebuch der Menschheit

«Leser dieses Buches werden die Bibel nie mehr auf dieselbe Weise betrachten wie zuvor» (Michael Tomasello)

© iStockphoto.com
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Gott wirft Adam und Eva aus dem Paradies, die Arche Noah übersteht die Sintflut und Jesus von Nazareth erweckt Tote zum Leben – die faszinierenden Geschichten der Bibel sind fester Bestandteil unserer Kultur. Und doch stecken sie voller Rätsel und Widersprüche, die auch jahrhundertelange theologische Kontroversen nicht lösen konnten. Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel legen in ihrem bahnbrechenden Werk «Das Tagebuch der Menschheit» (jetzt erstmals als Taschenbuch) eine verborgene Seite der Bibel frei. Sie lesen die Heilige Schrift nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit, das verblüffende Einblicke in die kulturelle Evolution des Homo sapiens bietet. Plötzlich beginnen die alten Geschichten in neuem Licht zu funkeln. Und wir lernen, dass das «Buch der Bücher» uns selbst dann angeht, wenn wir an keinen Gott glauben.

Stimmen zu «Das Tagebuch der Menschheit»


Neue Zürcher Zeitung: «Beeindruckend eigenwillige Analysen biblischer Texte.»
P.M.: «Die Bibel hat kein Mindesthaltbarkeitsdatum –  sie enthält zeitlose Botschaften für alle.»
Publik Forum: «Erstaunlich auf der Höhe der theologischen Debatten …»
Deutschlandfunk: «Ein großer Wurf. Die Informationsfülle ist klug aufbereitet, der Stil ist angenehm klar.»
SRF: «Die Bibel als Dokument, das die Grundlagen des Menschseins thematisiert und aber auch die Art und Weise, wie wir über den Menschen denken, entscheidend beeinflusst hat – das sind hochinteressante Fragestellungen.»
Deutschlandradio Kultur: «Wahnsinnig gut geschrieben!»
Jared Diamond: «Ich hätte nie für möglich gehalten, dass sich die berühmten Geschichten über den Garten Eden, die Arche Noah oder die Bergpredigt als derart einzigartige Zeugnisse der Anthropologie erweisen würden.»
Die Welt: «Ihr Versuch, die Bibel in einer ‹biologisch-anthropologisch inspirierten Perspektive› ganz anders als bisher üblich zu lesen, überzeugt durch entschiedenen Mut zu Originalität und Selbstdenken.»


In der Einleitung erklären der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker Kai Michel, weshalb sie gerade diesen interdisziplinären Ansatz für erhellend und weiterführend halten: 

«Vom Turmbau zu Babel bis nach Sodom und Gomorra: im Buch Genesis geht es drunter und drüber»


«Was aber brachte uns auf die Idee, dass die Bibel Einsichten in die kulturelle Evolution der Menschheit zu bieten haben könnte, die nicht nur für Gläubige von Interesse sind? Der Zufall, dass hier ein Evolutionsbiologe und ein Historiker zusammenfanden, die beide die Neugier auf die Bibel verband. Obwohl wir Agnostiker sind, hatten uns schon immer die phantastischen Geschichten des Alten und Neuen Testaments fasziniert und mit ihrer Rätselhaftigkeit in den Bann gezogen. Wir glaubten, in ein schillerndes Kaleidoskop zu schauen, das uns die Dramatik und Opulenz menschlichen Lebens zeigt. Da geht es um Liebe, Tod und Teufel, um Reichtum, Gewalt und Gemetzel. Da stellen sich Fragen wie die nach irdischer und himmlischer Moral oder nach der Natur der Engel. Auch delikate Themen wie Inzucht und Ehebruch, Menschenopfer und Sodomie bleiben nicht unberührt. Für allzu fromme Gemüter ist die Bibel nichts. So fingen wir mit dem Lesen an.


Dabei half uns, dass wir das Wissen aus Evolutionsbiologie und Kulturwissenschaft in den Ring werfen konnten. Wir wissen, was geschah, bevor die Bibel geschrieben wurde, und wir wissen, was danach passierte. So rücken die in den Fokus, um die es in der Bibel wirklich geht: die Menschen. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wissen, wie der Homo sapiens wurde, was er ist, und wir wissen, wie sich die Menschwerdung über die letzten zwei Millionen Jahre hinweg vollzog, in welcher Weise und in welchem Ausmaß die prähistorischen Umwelten die menschliche Psyche prägten. Wir verstehen also, wie unsere Emotionen und Verhaltensweisen als Anpassungen an eine Welt entstanden sind, die längst vergangen ist – und warum das dazu führte, dass uns das neuzeitliche Leben oft nicht gerade leichtfällt. Mit dieser Kenntnis lässt sich Erstaunliches aus der Bibel herauslesen, denn wir haben ein Gespür für die Probleme, auf die sie eine Antwort ist, können aber auch jene Probleme identifizieren, die von der Bibel erst in die Welt gesetzt wurden.


Mit Hilfe einer systematischen Bibellektüre lässt sich die Entwicklung von Kultur und Religion in einem für die Menschheit entscheidenden Exempel rekonstruieren. Den Schlüssel dazu fanden wir in der Tora, den fünf Büchern Mose. Wir wunderten uns über die Vielzahl und Vielfalt der Katastrophen, mit denen die Bibel ihre Leser gleich am Anfang konfrontierte. Gott hatte die Menschen fürs Paradies gemacht, seine Geschöpfe aber plagten sich jenseits von Eden. Nicht allein die Schufterei im Schweiße ihres Angesichts, Geburtsschmerzen und Patriarchat bestimmten das Schicksal der Menschen, sondern auch Familiendramen, Mord und Katastrophen. Vom Turmbau zu Babel bis nach Sodom und Gomorra: im Buch Genesis geht es drunter und drüber.

Was wir aus den fünf Büchern Mose lernen können


Dann aber, eingebettet in das monumentale Epos des von Mose angeführten Exodus aus Ägypten, stoßen wir plötzlich auf eine Flut von Verhaltensregeln – die Zehn Gebote ragen da nur wie die Spitze eines Eisbergs heraus. Sie alle haben ein Ziel: den Zorn Gottes zu besänftigen und dafür zu sorgen, dass das Unheil endlich ein Ende nimmt. Die Maßnahmen, die sich in diesen 613 Mitzwot niedergeschlagen haben, bestechen durch ihre geradezu protowissenschaftliche Raffinesse. Wer Religion für eine irrationale Angelegenheit hält, hat noch keinen Blick in die fünf Buchers Mose geworfen.


Nun ist es wichtig zu wissen, dass die Menschheit tatsächlich nicht immer schon in einer Welt voller Katastrophen gelebt hat, in der sich selbst Brüder – wie Kain und Abel – an die Gurgel gingen. Um das zu verstehen, gilt es, jene Umstände in den Blick zu nehmen, die als die größte Verhaltensänderung zu bezeichnen sind, die je eine Tierart auf diesem Planeten vollzogen hat. Wir sprechen vom Sesshaftwerden des Menschen und den daraus resultierenden Folgen, von den Zeiten, da unsere Vorfahren aufhörten, als Jäger und Sammler durch die Wildnis zu streifen, wie sie das jahrhunderttausendelang getan hatten, von den Zeiten, da sie nicht mehr in kleinen Gruppen lebten, in denen jeder jeden kannte, sondern sich in großen anonymen Gesellschaften behaupten mussten, von den Zeiten also, in denen das Leben kompliziert und die sozialen Unterschiede riesig wurden


Jared Diamond nennt das, was als ‹Erfindung der Landwirtschaft› oder ‹neolithische Revolution› bezeichnet wird, provokativ den ‹größten Fehler der Menschheit›. Er widmete den Geschehnissen, die vor gut zehn- bis zwölftausend Jahren ihren Anfang nahmen, wesentliche Passagen seines Klassikers Guns, Germs, and Steel (Arm und Reich). Leider wurde seither nicht allzu viel unternommen, die Geschehnisse seit Anbeginn des Holozäns in ihrer ganzen Tragweite auszuleuchten. Erst langsam dringen Evolutionsbiologen, die den Prinzipien der kulturellen Evolution nachspüren, in vor- und frühgeschichtliches Terrain vor. Von den Historikern werden sie dort oft nicht gerade freudig begrüßt. So wartet der ‹größte Fehler der Menschheit› immer noch darauf, von der breiten Öffentlichkeit in seiner Bedeutung erkannt zu werden: als einer der wichtigsten Wendepunkte der menschlichen Evolution, der unser Leben bis heute prägt.


Bisher wird vor allem der Fortschrittsaspekt dieses Zivilisationsschritts betont. Keine Frage: Damals wurden die kulturellen Grundlagen für eine beispiellose Erfolgsgeschichte gelegt. Innerhalb der letzten zehntausend Jahre stieg die Population unserer Spezies von vier Millionen auf bald acht Milliarden Individuen an. Doch mit welchen Kosten war der Fortschritt verbunden? Ausgrabungsfunde zeigen: Gewalt gelangte auf die Tagesordnung, die Menschen wurden kleiner, hungerten öfter, starben früher. Als begonnen wurde, Tiere zu domestizieren, sprangen Krankheitserreger von Haustieren auf die Menschen über. Pest und Pocken, Karies und Masern, Grippe und Cholera machten sich erstmals über die Menschen her. Zugleich sorgte die Erfindung des Eigentums an Grund und Boden dafür, dass Ungleichheit und Unterdrückung in die Gesellschaften einzogen; Frauen hatten besonders darunter zu leiden. Den apokalyptischen Reitern gleich kam all das über die Menschen und plagte sie jahrtausendelang. Doch ein Zurück gab es nicht.


Es musste etwas unternommen werden. Die Probleme waren akut und lebensbedrohlich. Hätte nur die in vielen Generationen arbeitende genetische Evolution zu Anpassungen führen können, die Menschheit hätte vermutlich nicht überlebt. Deshalb schlug die Stunde für das größte Talent des Homo sapiens: die kumulative kulturelle Evolution. Um sich gegen all das Unheil zu behaupten, suchten die Menschen nach Erklärungen für die Katastrophen, die Gewalt, die Seuchen. Um dann Mittel und Wege zu finden, wie man sich vor den Gefahren schützen konnte. Ein Urknall der Kultur war die Folge.

«Der größte Fehler der Menschheit»


In den Jahrtausenden, in denen sich zunächst Häuptlingstümer (Chiefdoms) formierten, dann erste Staaten, die sich mancherorts zu Hochkulturen wie in Mesopotamien oder Ägypten entwickelten, existierten Wissenschaft, Medizin, Recht oder Religion noch nicht als ausgebildete Funktionssysteme. Wir haben es mit einer Ursuppe der Kultur zu tun: Erst langsam differenzierten sich einzelne Bereiche aus, mit je eigenen Experten und Diskursen, Methoden und Institutionen. Alle aber blieben zutiefst religiös gefärbt; der Glaube an das Walten übernatürlicher Kräfte durchwirkte alles. Hinter jedem Unglück mussten zornige Geister oder Götter stecken.


Die Menschen erprobten verschiedenste Strategien, um der Schwierigkeiten Herr zu werden. Dabei standen sie vor einer doppelten Herausforderung: Ihre psychologische Ausstattung, die sich unter ganz anderen Lebensverhältnissen entwickelt hatte, taugte nicht recht für die neuen Probleme. Zudem besaßen die Menschen keinerlei Wissen, um die Ursprünge von Miseren wie Epidemien zu verstehen, geschweige denn diese zu verhindern. Gleichwohl wurden Regeln und Maßnahmen formuliert, die sich allmählich zu Systemen der Krisenbewältigung entwickelten. Ihr Ziel: den Zorn der Götter zu besänftigen – in der Hoffnung, die Menschen damit vor Krankheiten und Katastrophen zu schützen, der allgegenwärtigen Gewalt Einhalt zu gebieten und Kooperation zu ermöglichen. Vieles von dem, was heute als ‹Religion› verstanden wird, nahm seinen Anfang als Teil dieses kulturellen Schutzsystems.


Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir behaupten nicht, in der Bibel habe sich das Sesshaftwerden der Menschen direkt niedergeschlagen. Das ist schwer vorstellbar, liegen zwischen den Ereignissen doch einige Jahrtausende. Viel wichtiger ist: Mit dem Sesshaftwerden wurden Probleme in die Welt gesetzt, die über extrem lange Zeiträume hinweg bestehen blieben, teils bis heute. Die Krankheiten sind ein gutes Beispiel dafür. Ihre Virulenz hat sich abgemildert, wir haben Medikamente gegen sie entwickelt. Trotzdem macht uns eine Grippe auch heute zu schaffen – und noch immer tötet sie Menschen. Die Jäger und Sammler einst waren von Grippeviren verschont geblieben.


Die Bibel ist aber mehr als ein Spiegel historischer Umstände. Sie präsentiert uns auch die ambitionierten Strategien, den ‹größten Fehler der Menschheit› zu entschärfen und die aus ihm resultierenden Kalamitäten zu beseitigen. Fokussieren wir die zentralen Themen der Bibel, arbeiten wir die Probleme heraus, mit denen sich die Menschen seit Jahrtausenden herumschlagen. Wir können auf diese Weise nachvollziehen, wo es zur Kluft zwischen der menschlichen Psychologie und den neuen sozialen und ökologischen Lebensbedingungen kam. Eine evolutionär inspirierte Lektüre der Bibel liefert damit den Schlüssel zum Verständnis des Menschen. Und sie erklärt viele Probleme, mit denen auch wir uns noch Tag für Tag herumschlagen.»

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