18.10.2015   von rowohlt

«Die Angst vor einem großen Krieg ist nach Europa zurückgekehrt»

Herfried Münklers bedeutende Studie über die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert

© Zabelin/iStockphoto.com
© Zabelin/iStockphoto.com

Die Kriege in der Ukraine wie im Mittleren und Nahen Osten lassen zweifeln, ob das 20. Jahrhundert tatsächlich als ein «kurzes Jahrhundert» 1989/90 zu Ende gegangen ist – oder nicht vielmehr auf unheilvolle Weise andauert. Wir sehen uns konfrontiert mit ungeahnten Formen der Gewalt, mit Konflikten, die uns näher zu rücken scheinen. Der Krieg ist nicht verschwunden; er hat nur eine neue Gestalt angenommen – die «Grammatik der Gewalt» hat sich grundlegend verändert. «Herfried Münkler ist ein wandelnder Ein-Mann-Think-Tank.» (Die Zeit)


Wir dokumentieren einige Passagen aus der Einleitung von «Kriegssplitter»:

Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts, die hybriden Kriege des 21. Jahrhunderts

«Die Angst vor einem großen Krieg ist nach Europa zurückgekehrt; die Ursache dafür sind weniger der nun schon seit Jahren andauernde Bürgerkrieg in Syrien und die zeitweilig überraschenden Erfolge der Milizen des Islamischen Staats in der Levante, sondern vor allem das aggressive Agieren Russlands gegen die Ukraine, nachdem diese sich zu Beginn des Jahres 2014 in einem Umsturz aus dem Gefolgschaftsverhältnis zu Russland gelöst hat. Sobald Russland im Spiel ist, werden Erinnerungen an den Ost-West-Konflikt und die einstigen Empfindungen des Bedrohtseins wach. Das macht den Unterschied zu dem sehr viel blutigeren und grausameren Bürgerkrieg in Syrien aus.


Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und der von Russland massiv unterstützte Separatistenkrieg im Donbass haben die Zuversicht, dass es in Europa keine Kriege mehr geben werde, schwer gedämpft. Jedenfalls ist die mehr als zwei Jahrzehnte umfassende Zeitspanne, während der sich in Europa die Friedensdividende unbesorgt konsumieren ließ, vorerst zu Ende gegangen, und keiner kann sagen, ob sie jemals in dieser Form wieder zu haben sein wird. (…)


Die enttäuschte Erwartung, dass es eine Ära verlässlichen Friedens geben werde, hat sich freilich auf eine bemerkenswert eurozentrische Weltwahrnehmung gestützt – nach 1989/90 hatten die Kriege weltweit ja keineswegs aufgehört. Im Gegenteil: Zahlenmäßig haben sie im globalen Rahmen zeitweilig sogar zugenommen, und ihre Intensität war des Öfteren größer als die der vorangegangenen Stellvertreterkriege zwischen Ost und West – zumal dann, wenn man die Exzesse des Tötens in Ruanda und im Ostkongo als Kriege begreift.

Ruanda, Afghanistan, Ukraine

Der Völkermord in Ruanda etwa hatte eine größere Gewaltintensität als schrecklichste Kriege, und der Konflikt im Ostkongo ist mit viereinhalb Millionen Toten der mit der höchsten Opferzahl seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch der Krieg in Afghanistan, der bis zum Abzug der Roten Armee vom Hindukusch als einer der vielen Stellvertreterkriege des Kalten Krieges geführt worden ist,1 ging 1989/90 nicht wirklich zu Ende; er wurde unter veränderten Bedingungen weitergeführt, zeitweise auch mit deutscher Beteiligung, mit der Folge, dass sich die deutschen Streitkräfte strukturell tiefgreifend transformiert haben.


Aber dieser Krieg in Afghanistan wurde, sieht man von den Erregungsphasen nach Anschlägen auf Bundeswehrsoldaten einmal ab, hierzulande zu keinem wirklichen Thema im öffentlichen Diskurs. Dafür war Afghanistan geographisch zu weit entfernt; es herrschte die Auffassung vor, wenn man die Truppen von dort abziehe, sei das Problem «für uns» gelöst. Dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werde, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck einmal formulierte, wollte ohnehin kaum einer so recht einsehen. Unausgesprochen stand im Hintergrund die Vorstellung, wenn sich der Westen aus den Konflikten in aller Welt entschlossen heraushalte, würden sich diese nach einiger Zeit schon von selbst regeln. (…)


Bei einer historisch informierten Betrachtung der Kriege an der europäischen Peripherie fällt auf, was die jugoslawischen Zerfallskriege, die Kriege im Kaukasus von Tschetschenien bis Georgien und den jetzigen Krieg in der Ostukraine verbindet: Sie finden alle in einem postimperialen Raum statt, der aus dem Zerfall der alten Großreiche Mittel- und Osteuropas, dem Habsburgerreich und dem russischen Zarenreich, hervorgegangen ist und in dem es nicht zu einer konsolidierten Nationalstaatsbildung gekommen ist.

Klassische Geopolitik und neue Raumvorstellungen

Vielmehr entstanden hier erneut multiethnische und multireligiöse «Reiche», im einen Fall Sowjetrussland beziehungsweise seit 1924 die Sowjetunion und im anderen Fall das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik Jugoslawien, denen es über längere Zeit gelang, die ethnischen und religiösen Konflikte zu dämpfen, nicht aber sie zu beseitigen. So tauchten sie mit dem Zerfall der «Reiche» wieder auf oder trugen zu deren Zerfall bei. Letzten Endes gehört auch die Ukraine in diesen Raum; ihr ist es nach 1991 nicht gelungen, eine erfolgreiche Nationenbildung zu durchlaufen, sondern die ethnisch, konfessionell und nicht zuletzt auch lingual zentrifugalen Kräfte wurden zum Ansatzpunkt eines separatistischen Bürgerkriegs, der Russland die Gelegenheit zur Realisierung geopolitischer Projekte (Krim) bot.


Wer die historische Tiefe dieses Krisen- und Kriegsraums vom mittleren Balkan bis zum Kaspischen Meer ausloten will, stößt zwangsläufig auf die Ergebnisse und Folgen des Ersten Weltkriegs. Das gilt im Übrigen in ähnlicher Weise auch für die Kriege in dem zweiten postimperialen Raum an der europäischen Peripherie, nämlich dem zwischen Syrien und dem Irak, zwischen Libyen und dem Jemen (…)»

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