02.01.2016   von rowohlt

«Det dette detselbe wie dette sein tut …»

«Eine charmante Hommage an die kantigen Brandenburger Bollerköppe.» (Berliner Zeitung)

Schräge Typen, Wasserbüffel und ein feuerroter Hürlimann-Traktor: Nach seinem Bestseller «Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht» lädt uns Dieter Moor zu einer weiteren Stippvisite nach Brandenburg ein. In einen Ort namens Amerika, wo er mit seiner Frau Sonja seit 2007 einen Bio-Bauernhof betreibt. Hier präsentiert der gebürtige Schweizer eine Ladung «Frisches aus der arschlochfreien Zone»: lustige und lehrreiche Episoden, hinreißend erzählte Geschichten von Menschen, Tieren und existentiellen Herausforderungen. «Eine große Liebeserklärung an Land und Leute jenseits des Ossi-Wessi-Klischees.» (WAZ) 

Gar nicht so schlimm in Brandenburg …

In Wirklichkeit heißt Amerika Hirschfeld. Es liegt nur eine halbe Autostunde von Berlin entfernt – günstig für Dieter Moor, der als Kulturschaffender ständig in der Hauptstadt zu tun hat: als Moderator des ARD-Kulturmagazins ttt und als Allzweckwaffe des RBB (mit den Sendungen «Bauer und Kultur» und «Bücher und Moor»).


In seiner karg bemessenen Freizeit ackert Moor als Agrikulturschaffender, sprich: als «Knecht, Traktorist und Senf-dazu-Geber», an der Seite seiner österreichischen Frau, die sich mit dem Kauf des Hofes in Brandenburg von ihrem Job als Kulturmanagerin und Filmproduzentin verabschiedete, um diplomierte Bäuerin, Bio-Bäuerin zu werden. Heute ist ihr Demeter-Bauernhof mit ca. 150 Hektar Grünland die Heimat von Wasserbüffeln und Galloway-Rindern, von Schafen, Eseln – und den beiden Berner Sennenhunden Zora und Momo.


Wer dieses Amerika nicht kennt, sollte Folgendes wissen: Es ist kein Straßendorf, sondern ein Pfuhlendorf. Pfuhl ist ein Teich samt Dorfanger, um den herum in lockerer Formation die Höfe stehen. Kommt man als Metropolist, also als Berliner, oder auch als touristischer Wessi zufällig hier vorbei, kann es einem passieren, dass man vor dem Dorfladen auf drei Ur-Amerikaner trifft: auf Krüpki, Teddy und Bauer Müsebeck. Wer als Besucher allzu maulfaul daherkommt, fängt sich gleich mal einen Spruch von Krüpki: «Bei uns macht man nämlich die Fresse auf, pardon, den Mund, wenn man wo dazukommt. Und ich sage euch gerne den Text vor, falls ihr ihn nicht kennt: ‹Guten Abend›, ist so 'ne Variante, die hier in Amerika gerne genommen wird, wa, Teddy?»

Das böse, böse H-Wort – H wie Hürlimann …

So, das nur zur Einführung. Und jetzt müssen wir endlich auf den Hürlimann zu sprechen kommen, den Hürlimann D 100 S, Baujahr 1968 (noch so ein kämpferischer 68er!). Ein feuerwehrrotes, 45-PS-starkes Einzelstück dieses Wunderwerks Schweizerischer Ingenieurskunst ist im Besitz der Moors: ein unverzichtbares Arbeitstier. Es mäht Gras, presst Heu und bringt es ein, eggt die Wiesen, zieht den Wasserwagen zu den Schafen. Im Prinzip ist es unverwüstlich. Dann das Drama, quasi der Untergang des Abendlandes: die Kupplungsscheibe ist defekt, Ersatzteile werden längst nicht mehr produziert. Schluss und Aus für den Hürlimann! Oder doch nicht?


Zum Glück gibt es Jakob. Jakob ist der liebste Hausfreund der Moors aus Schweizer Tagen. Er ist Besitzer eines Bauernhofs in den Voralpen – und einer der pfiffigsten Mechaniker der westlichen Hemisphäre: ein begnadeter Tüftler und Erfinder, ein stilles Genie. Kein Problem, das er nicht zu lösen verstünde, vorausgesetzt, man lässt ihm die Zeit dazu. Nachdem Moor sein Eheweib mit seinem Gejammere über den kranken Hürlimann fast in den Wahnsinn getrieben hatte (samt Drohung mit Trennung und Auszug), steht Jakob eines Tages vor der Moor-Tür in Amerika.  


Ein «Original-Kuppligsschibli» konnte der Schweizer nicht auftreiben, leider; deshalb hat er das Teil einfach nachgebaut. Bevor aber das Jakob'sche Kuppligsschibli eingebaut werden kann, muss der Trecker erst mal auseinandergenommen werden, und zwar komplett. Krüpki und Teddy sind fassungslos, als sie den Operationssaal, pardon, die Scheune betreten. «Det war et, nu is ausgehürlimannt … Dett kann selbst 'n blinder Schäfer sehen, det dette niemals wieder heile wird!» Stoisch hält Jakob dagegen: Binnen zwei Tagen sind die geschätzt 3 Millionen Einzelteile wieder zu einem sanft schnurrenden Hürlimann zusammengebaut, versprochen! 

«Bauer (32) sucht Frau mit Traktor. Zuschriften mit Bild vom Traktor bitte an …»

Jakob behält natürlich recht (und Krüpki ist seine Pulle Original-Edelbrand los). Dass es am Ende doch noch dramatisch knapp wird, liegt an einem zerbrochenen Einzelteil, dem Herzbolzen. Woher jetzt ein neues «Herzbölzli» nehmen? Wie das Leben so spielt, kommt Hilfe manchmal von ganz unerwarteter Seite. Von Bauer Müsebeck. «Ich hätte da womöglich 'ne Idee … Ich hab da 'n Neffen. Und der hat 'n Kumpel. Und dem sein Vater, der arbeitet auf 'ner Werft. Als Dreher. Ist einer der Besten?» Alles klar soweit? Die Operation gelingt. Und Teddy ist fassungslos: «Wohl seh ich det, nur glooben tu ich det nich. Det dette det Alteisen sein soll, wo ich in deiner Scheune hab liegen sehn, wie 'n ausgeweideter Bock. Det dette detselbe wie dette sein tut, dette … dette … kannste du nich hinjekriecht haben!»  


Die Beschaffung eines neuen «Hürlimaa-Herzbölzli aus Titan» durch Sandro, das Mechanikergenie von der Oder-Werft, ist eine der vielen lustigen, skurrilen und romantischen Geschichten, die Moor in seinem neuen Buch erzählt. Die vom Alice-Kind etwa, einem wunderbar aufgeweckten Stadtmädchen mit glühender Liebe zum Land. Die vom Hufschmied Karl und der Pferdepflegerin Gaby: eine entzückende Ost-West-Liebesromane, wie sie im Buche steht (in diesem nämlich). Oder auch die Begegnung mit dem Viehfahrer Waldemar, der eine ganze Wagenladung Wasserbüffel und Galloway-Rinder zu den Moors nach Amerika bringt.


Apropos Romantik: Kennen Sie die «Bauern-Fundgrube»? Für den kauflustigen Landmann samt Landfrau gibt's nichts Wichtigeres. Mostflaschen-Verkorkgeräte, Heuwender, Tisch-Schnapsdestillationen und Einweckgläser-Vakuum-Kompressoren, es gibt nichts, was man hier nicht findet. Darüberhinaus Heiratsanzeigen, die ihresgleichen suchen. Zwei Kostproben gefällig?. Nr. 1: «Überschrift: «7 oder 8?» Text: «Sieben scheint nicht übertrieben. Bin ich zu spät, sprich: zu alt? Oder findet sich noch eine Lösung? Mindestens 7 Kinder sollten es schon sein. Nun, wie solltest du sein: hübsch, natürlich. Ein großes Herz haben, Gelassenheit ausstrahlen.»» (Bei solchem Anforderungsprofil kann einen die Gelassenheit schon mal abhanden kommen …) Nr. 2: «Bauer (32) sucht Frau mit Traktor. Zuschriften mit Bild vom Traktor bitte an …» (Aber bitte auch nur vom Traktor …)


Man lernt hier auch einiges über den Schweizer an und für sich. Seine Begrüßungsrituale, sein Gefühlshaushalt, seine Begriffswelt. So nennt er sein Mobiltelefon sein «Natel», wie National-Telefon! «Sie nennen es wirklich Nationaltelefon, die Schweizer, obschon man damit auch international telefonieren kann. Was aber für anständige Schweizer eher nur eine sehr theoretische Option ist: Warum soll man mit Ausländern im Ausland telefonieren, wo man doch mit sieben Millionen Schweizern im Inland telefonieren kann? Das werden ja wohl genug sein, oder? Und wenn einer ums Verrecken mit einem Ausländer reden will, hat's ja weiß Gott auch im Inland genug von denen, oder?»

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