12.10.2017   von rowohlt

«Der Tonfall ist doch sehr toxisch geworden»

Vom Gutbürger zum Wutbürger: Jan Skudlarek erklärt, wie und warum heute auf Teufel komm raus beleidigt wird

© iStockphoto.com
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Populistischer Unflat und rohe Wortspiele werden gerade wieder salonfähig. Im Wartezimmer vom Arzt, an der Kasse im Supermarkt, in den sozialen Netzwerken  – Beleidigungen sind überall. Das Kommentarfeld im Internet: ein Trollhaus. Es wird gehasst und gehetzt. Warum sind alle so aggressiv und zugleich so überempfindlich? Wo kommen all die Gemeinheiten her? Damit Sie einen Vorgeschmack auf dieses Buch bekommen, sollten Sie wissen: Jan Skudlarek ist promovierter Doktor der Philosophie, Lyriker und überzeugter Kneipengänger. Wer einen Lyrikband «Du hast Lippen wie Mozart» nennt, wird aufregende Sachen über die (Un-) Kultur des Beleidigens mitzuteilen haben ...


Um auf diskursive Betriebstemperatur zu kommen, hier gleich einmal das dem Buch vorangestellte Zitat des britischen Neurologen John Hughlings Jackson: «Der erste Mensch, der beleidigte, anstatt seinem Gegenüber wortlos den Schädel einzuschlagen, legte damit den Grundstein der Zivilisation.» Merke: alles eine Sache der (historischen) Perspektive.

Die Grammatik der Geringschätzung


Wer jemanden «Spacko», «Wichser», «Schlampe»  oder «Fotze» nennt, hat gute Chancen, ohne Probleme – also juristisch unbehelligt – davonzukommen. Es sei denn, die direkte Beleidigung geht an die falsche Person. So erging es einem Mitglied der Hamburger Hip-Hop-Crew 187 Strassenbande, der einem Polizisten «Du bis ein Fuchs!» mit auf den Weg gab. Prompt folgte eine Strafanzeige. Wie es Jan Böhmermann wohl ergangen wäre, wenn sein Erdogan-Schmähgedicht sich vorwiegend um Füchse gedreht hätte? Ab in die Nachbarzelle von Deniz Yücel?


Es gibt vielerlei bizarre Sachen, die wegen Beleidigung vor Gericht landen. So verklagte eine ältere Dame, die Bundesrepublik, weil der Deutsche Wetterdienst den Ausdruck «Altweibersommer» verwendete. Die Klage wurde selbstverständlich abgewiesen. Die Altweiber-Schmähung war definitiv nicht krass genug. «Beleidigungen sind überall. Wie geht man am besten mit Ihnen um? Wie teilt man sie aus, wie steckt man sie ein? Überhaupt: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Es ist eine ziemlich spannende Frage, was man sagen ‹darf› – und zu wem. Was man mit Worten machen kann. Was für eine Wirkung man in wenigen Sekunden erreicht, wenn man will.» 


Wie beleidigt man gekonnt? Das ist ziemlich einfach, sagt Jan Skudlarek – und kann tausend Formen und Farben schillern. Generell eignen sich Vergleiche und Metaphern bestens, aber auch anderswie gearbeitete Schmähungen funktionieren. «Ich kann einen Koch beleidigen, indem ich kräftig nachsalze. Ich kann meine Freundin beleidigen, indem ich einer anderen Frau ein Kompliment mache. Ich kann Eltern beleidigen, indem ich ihnen gratuliere, dass ihr Sohn ‹tatsächlich noch das Abitur› geschafft hat. Wenn ich einer Frau die Tür aufhalte, kann ich sie beleidigen. Wenn ich ihr demonstrativ dieselbe Tür nicht aufhalte, ebenso.» Und dem falschen Adressaten ein munteres «Du bist ein Fuchs!» zuwerfe – das hatten wir bereits. (Mehr Glück hatte jene Satire-Sendung, die eine populistische Politikerin als «Nazi-Schlampe» titulierte und unbehelligt blieb. Begründung: Satire-Kontext, Kunst-Kontext).


«Entkörpert» im Internet lässt sich enthemmt pöbeln, hier kann man so richtig die Sau rauslassen. Hier ist die Stimmung in Windeseile kontaminiert, zivilisierte Menschen werden mit einem Klick oder zwei zu Monstern. Im Netz gehen manchen Zeitgenossen üble Sachen über die Lippen, die sie nie und nimmer äußern würden, wäre die beschimpfte Person mit ihnen in einem Raum. Beleidigungen mit und ohne gereckten Mittelfinger generieren Klicks, das ist die Währung im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie. 


An vielen aktuellen Beispielen schärft der Autor unser Gefühl für – begründete wie bizarre – Fälle von «politischer Korrektheit» (Skudlarek bevorzugt den Begriff «soziale Achtsamkeit»). Wer erinnert sich noch an den Aufschrei der Empörung, als der Oetinger Verlag in den Kinderbuchklassikern um Pippi Langstrumpf – mit ausdrücklicher Erlaubnis der Erben von Astrid Lindgren – den Begriff «Negerkönig» durch «Südseekönig» und die «Negersprache» durch «Taka-Tuka-Sprache» ersetzen ließ? Unbedingt lesenswert in Skudlareks kluger, temperamentvoller Analyse der herrschenden Beleidigungskultur sind auch die «Trivia» («Zum Schluss 15 Mittelfinger») – und Illustrationen wie jene: Zwei – was eigentlich: Gazellen? –, die eine groß, die andere klein. Sagt die Kleine zur Großen: «Wenn ich einmal doof bin, wär' ich gern so doof wie du.»


Hier zum Einlesen drei Passagen: 

Clint Eastwood und die «Pussy Generation»


«Wer spricht überhaupt am meisten von politischer Korrektheit? Interessanterweise: ihre Gegner. Daher hat politische Korrektheit keinen sehr guten Ruf. Kritiker benutzen Vokabeln wie ‹Gesinnungspolizei›, ‹Knebel», ‹Hexenjagd› und ‹Gehirnwäsche›.
Ein Dicker heißt nunmehr Bürger mit molligem Hintergrund – man darf ihn nicht mehr als Fettsack bezeichnen. (Feridun Zaimoglu)


Hollywoodlegende Clint Eastwood sprach von einer ‹Pussy Generation›. Und damit meinte er nicht mal die jungen Leute. Er meinte uns alle. Den Zeitgeist. Zu verweichlicht. Mit Bezug auf die Entrüstung, der man den rassistischen Äußerungen Donald Trumps während seines Wahlkampfs begegnete, sagte er eastwoodianisch: Just fucking get over it. Doch nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Da haben wir ihn also. Den starken Mann, der austeilt und einsteckt und dem politische Korrektheit einen Scheißdreck bedeutet. Clint Eastwood würde sich ein Zigeunerschnitzel gönnen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Zum Nachtisch gibt’s Negerkuss. Und deine Gefühle bleiben bitte schön deine Gefühle.


Denn früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch sonst einiges anders. Die Neger wussten noch, dass sie Neger sind, und das galt nicht als rassistisch, sondern als normal. Heute hingegen kommt bei jeder Kleinigkeit die Sprachpolizei – bewaffnet mit politischer Korrektheit und vom Anprangern geschwollenem Zeigefinger. Und dann wird mündigen Bürgern der Mund verboten. Pussy Generation halt. Es geht um Verbot und Vorschrift, um schlechtes Gewissen und Moral. Ab in die Ecke – und schäm dich.
So oder so ähnlich sieht das Bild politischer Korrektheit aus, das ihre Gegner zeichnen. Die Grundidee ist jedoch eine andere. Es geht nicht um Nachhilfe, Scham und Schande. Wie immer geht es um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Es geht um Wirkung und Wirklichkeit. Und natürlich um Sprache: also das Ding, das uns alle verbindet. Oder trennt, je nachdem.»

Wenn der Günther und die Frauke ...


«Vom Politiker Günther Oettinger mag man denken, was man will. Zum Beispiel von seinen Englischkenntnissen, die zeitweise so klangen, als hätte er eine quasienglische Phantasiesprache erfunden. In seiner Muttersprache kann er sich jedoch artikulieren, mitunter amüsant. Das bewies er im Februar 2016. Damals hat er die Berufsgermanin Frauke Petry in einem Gedankenexperiment gleich mehrfach beleidigt.
Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen. (Günther Oettinger, CDU, EU-Kommissar für Haushalt und Personal)


Wie hat er das gemacht? Erstens redet er über sie als ‹die Petry› – ohne Anrede, ohne Vornamen, einfach nur ‹die Petry›. Das ist an sich schon etwas unhöflich vom Oettinger. Genau hat er gesagt: ‹die komische Petry›. Das ist höchstwahrscheinlich kein Kompliment für Frau Petrys komödiantisches Talent. Der Hörer interpretiert das ‹komisch› nicht als ‹humorvoll› oder ‹lustig›, sondern als ‹merkwürdig› oder ‹sonderbar›. Am Satzende folgt der Knaller: Dann würde er sich erschießen.


In einer Welt, in der Frauke Petry die Ehefrau von Günther Oettinger ist, würde Günther Oettinger lieber sein Leben beenden, anstatt die Ehe wie auch immer fortzuführen oder aufzulösen. Das ist schon ein starkes Stück. Der Hörer versteht allerdings: Es ist kein ernstgemeintes Gedankenexperiment. Herr Oettinger möchte weder Frau Petry heiraten noch sich umbringen. Er entwirft dieses gedankliche Szenario mit der Absicht, Frauke Petry zu beleidigen. In der Tat: Das einzig Ernstgemeinte an Herrn Oettingers Aussage ist die Beleidigung. Inhaltlich erinnert dieser Satz an einen weiteren Politikerausspruch, nämlich an einen von Winston Churchill. Angeblich hat folgender Dialog zwischen dem damaligen britischen Premierminister und der britischen Politikerin Nancy Astor stattgefunden:
Nancy Astor: ‹Wenn Sie mein Gatte wären, ich würde Ihren Kaffee vergiften.›
Winston Churchill: ‹Nancy, wenn ich Ihr Gatte wäre – ich würde den Kaffee trinken.›»

«Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger …»


(Als ein eher unauffälliger deutscher Politiker namens Joachim Herrmann, seines Zeichens  Innenminister des Freistaates Bayern, unbedingt einmal in den Medien erwähnt werden wollte, gab er diesen bemerkenswerten Satz von sich: «Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat.» Dazu Jan Skudlarek …)


«Roberto Blanco sagte immerhin, dass er sich nicht beleidigt fühle. Das verwundert. Immerhin kann so gut wie jeder dunkelhäutige Mensch biographische Geschichten von Ausgrenzung und Abweisung erzählen. Oft sind es auch Geschichten sprachlicher Ausgrenzung. Vielleicht störte sich Blanco nicht so sehr an dem Wort, weil aus dem Zusammenhang heraus recht klar war, dass Herrmann ihn nicht hatte absichtlich und gezielt beleidigen wollen.
Zum ersten Mal in diesem Buch sage ich: Es kommt nicht auf Roberto Blanco an. Nicht zum ersten Mal in diesem Buch sage ich: Es kommt nicht so sehr auf die Absichten an. Wichtig ist, was die Öffentlichkeit sieht. Und hört. Die Sprachgemeinschaft. Das Publikum. Wir alle.


Viele von uns hörten ein rassistisches Schimpfwort, von einem Minister ausgesprochen im TV. Absicht hin oder her. Blancos ‹Alles halb so wild› hin oder her. Doch was hätte Blanco tun sollen? Eine Entschuldigung fordern? Vielleicht. Hätte Herrmann diese verweigert, wäre diese ganze Sache nur noch größer geworden. Und so oder so: Das Wort ‹Neger› war ja schon gefallen. Bildlich gesprochen: Hermann hatte den Fußball bereits gegen das Fenster geschossen. Ob er wollte oder nicht. Das Glas war kaputt.


Wie wäre es mit einer Anekdote aus Hollywood? Als Leonardo DiCaprio sich schwertat, am Filmset von Django Unchained ununterbrochen ‹Nigga› zu sagen, nahm ihn Samuel L. Jackson zur Seite und sagte: ‹Motherfucker, this is just another tuesday for us.› Just another Tuesday. Nur ein weiterer Dienstag. Sprich: Alltag. Vielleicht hat sich auch Roberto Blanco daran gewöhnt. Daran, dass Negersager ‹Neger› sagen. Blanco gehört vermutlich nicht zu ihnen. Zu den Negersagern. Anders ist das bei Samuel L. Jackson. Es ist sogar eine Art Markenzeichen, dass er ständig dieses Wort sagt. Ist Samuel L. Jackson deswegen ein Rassist? Nein. So einfach ist Sprache nicht. Es ist wie immer: Der Zusammenhang entscheidet. Und zum Zusammenhang gehört der Sprecher.»

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