12.01.2018   von rowohlt

Der Tag, an dem sie Txato töteten

«Ich habe seit langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch gelesen.» (Mario Vargas Llosa) «Unvergesslich, phantastisch.» (El Pais)

© Getty Images/Filiep Colpaert/EyeEm
© Getty Images/Filiep Colpaert/EyeEm

Vor über zwanzig Jahren wurde der baskische Unternehmer Txato von Terroristen erschossen. Nun kehrt seine Frau Bittori in das Haus zurück, in dem sie damals wohnten. Um wieder unter denen zu leben, die damals den Mord an ihrem Mann schweigend hingenommen hatten – und um endlich herauszufinden, wer für die tödlichen Schüsse verantwortlich war. Schlagartig ist es mit der trügerischen Ruhe im Dorf vorbei. Vor allem die Nachbarin Miren, einst Bittoris beste Freundin, ist beunruhigt. Kann es sein, dass ihr Sohn Joxe Mari, der als ETA-Häftling in einem spanischen Hochsicherheitsgefängnis sitzt, etwas mit Txatos Tod zu tun hat?  Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich ein Aufeinandertreffen nicht mehr vermeiden ...

«‹Patria› liefert das große Gemälde nach der Schlacht»


«Patria» ist ein epochaler Roman über Schuld und Vergebung, Freundschaft und Liebe. Das kunstvoll aus hundert Einzelkapiteln komponierte Epos erzählt von der wechselvollen Geschichte zweier baskischer Familien, die durch einen infamen Mord von einem auf den anderen Tagen zu erbitterten Feinden werden.Und – es ist eine Geschichte über die Zeit, die es braucht, bis Menschen wieder zueinanderfinden, die ein brutales Schicksal auseinandergerissen hat.


Fernando Aramburus Buch ist ein internationaler Bestseller. In Spanien stand «Patria» – ausgezeichnet mit dem Premio Nacional de Narrativa 2017 – fast ein Jahr lang auf Platz 1 der Bestsellerlisten (und ist jetzt, Anfang 2018, genau dort wieder: ganz oben). In zwanzig Länder wurden Übersetzungen verkauft, HBO bereitet eine Verfilmung als Serie vor. Der immense Erfolg des Romans in Spanien verwundert nicht. Vor Aramburu ist es noch keinem Autor auf so überzeugende Weise gelungen, den jahrzehntelangen blutigen Kampf zwischen der baskischen ETA und der spanischen Zentralregierung aus der Binnenperspektive eines dramatischen Familienkonflikts  zu beschreiben. «Ohne Zweifel einer der großen Romane der letzten Jahre» (ABC), «In dieser Geschichte stecken viele hundert Geschichten. Phantastisch!» – das sind nur zwei Beispiele für die begeisterte Reaktion der spanischen Presse auf den 760 Seiten starken Roman.


Es sind vor allem vier starke Frauenfiguren, die das Geschehen vorantreiben. Bittori, unheilbar an Krebs erkrankt und von einem Wunsch beseelt: «Ich muss unbedingt erfahren, was geschehen ist … Wer mich nicht im Dorf sehen will, soll mir ein paar Kugeln verpassen.» Miren schlägt sich im Zuge der Radikalisierung ihres Sohnes Joxe Mari immer stärker auf die Seite der «Etisten» und ihre erbarmungslose Weltsicht («Wir morden nicht, wir exekutieren»). Nerea, die Tochter von Txato und Bittori: Nachdem sie weder zur Begräbnisfeier noch zur Beerdigung ihres Vaters in San Sebastian erschienen war, versucht sie später auf ihre Weise, Frieden zu schließen – weil sie es nicht mehr erträgt, dass ihre gesamte Familie «zu Satelliten eines ermordeten Mannes» geworden ist. Und schließlich Arantxa, Mirens nach einem Schlaganfall gelähmte Tochter: Sie ist die Einzige, die sich zutraut, einen Weg aus der ideologischen Erstarrung in die Aussöhnung zu finden. 


Weshalb (und wie) Aramburo «Patria» schrieb  – das erzählt der seit Mitte der 1980er Jahre in Hannover lebende Baske in diesem Interview und einem Werkstattbericht:

DAS INTERVIEW


Herr Aramburu, Sie leben in Deutschland. Wie, wann und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?  
Es ist eine so schöne wie einfache Geschichte. Im Jahr 1982 habe ich in Saragossa, Spanien, eine deutsche Studentin aus Hannover kennengelernt. Kurze Zeit später zog ich zu ihr nach Deutschland. Mittlerweile sind über drei Jahrzehnte vergangen, wir sind immer noch zusammen und haben zwei gemeinsame Töchter.


Sie sind im Baskenland geboren und haben dort noch Familie. Was ist Ihr «Patria», im Sinne von Heimat?
Ich bin kein Fan von Fahnen, Hymnen oder kollektiven Gefühlen. Meine Heimat sind eher bestimmte Personen, die ich liebe und in deren Anwesenheit ich mich gut fühle. Na ja, beeinflusst von Nostalgie könnte ich vielleicht eine bestimmte Literatur und Musik, meine Muttersprache, meine Bibliothek, ein paar Gerichte, auf jeden Fall Sachen, die niemandem wehtun, als Heimat betrachten. 


Wie erklären Sie sich den außergewöhnlichen Publikumserfolg von «Patria»? Welchen Nerv haben Sie getroffen?
Das Phänomen lässt sich nicht in wenigen Worten erklären. Bewiesen sind nur zwei Aspekte: Es gibt in unserer modernen Gesellschaft einen großen Bedarf an Geschichten, die uns das Leben in emotionaler Form erklären. Und gleichzeitig hat mein Buch glücklicherweise viele Leser literarisch überrascht und, soweit ich weiß, überzeugt.


Wäre dieses Buch auch ein, zwei Jahrzehnte früher denkbar gewesen?
Ich glaube nicht – und das aufgrund des Inhalts. Die Geschichte, die ich erzählt habe, ist so etwas wie eine Rekonstruktion und entsteht aus der Tatsache, dass der Terrorismus der ETA zu Ende war. Früher waren andere Romane denkbar, aber nicht «Paria».


Was wollen Sie Ihren deutschsprachigen Leserinnen und Lesern für die Lektüre des Romans mit auf den Weg geben?
Den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern möchte ich sagen, dass es nicht nötig ist, über die Geschichte der letzten Jahrzehnte in Spanien informiert zu sein, um «Patria» zu verstehen. «Patria» ist in erster Linie ein Familienroman und ein Stück europäischer Geschichte. Ich würde mich freuen, wenn mein Roman in der Lage wäre, nicht nur Unterhaltung anzubieten.

DER WERKSTATTBERICHT


«Patria ist mein neunter Roman. Er verdankt sich verschiedenen Anregungen aus der Vergangenheit. Die erste war nicht mehr als eine hingeworfene Anmerkung in einem Notizbuch. Eine Frau, die einen geliebten Menschen durch ein ETA-Attentat verloren hat, will, dass man sie, bevor sie stirbt, um Verzeihung bittet. Das ist alles. Der Grundgedanke bestand darin, ein Bild namens ‹Patria› zu entwerfen, dessen erzählerische Einzelteile auf räumliche und zeitliche Episoden so verteilt sind, dass sich am Ende ein vollständiges Puzzle ergibt. Also setze ich hier ein paar Stücke ähnlicher Größe hintereinander, danach dort ein paar andere und so weiter. Damit der Roman nicht aus dem Gleichgewicht gerät (z.B. indem einigen Figuren viel mehr  Platz eingeräumt wird als anderen), habe ich beim Schreiben eine Tabelle angelegt, in der nebeneinander die Namen der neun Protagonisten stehen und darunter die Kapitel, in denen sie die Hauptrolle spielen.


Die Frage der Zeit – besonders heikel in einem Roman, der nicht chronologisch linear verläuft – löste ich mit Hilfe eines an die Tür meines Arbeitszimmers geklebten Bogens Papier, der vom ersten Tag meiner Arbeit an bis zum letzten dort hing. Der Leser wird bemerken, dass sich im Roman nur wenige ausdrückliche Zeitbezüge finden. Wohl indes werden historische Ereignisse und Personen genannt, die es ihm ermöglichen, hier und da bestimmte Episoden in der realen Welt zu verorten. Der Autor dagegen brauchte strikte Kontrolle über den zeitlichen Verlauf seines Romans. Der auf dem Türblatt verzeichnete Lauf der Zeit beginnt in den sechziger Jahren des 20, Jahrhunderts, als Bittori und Txato sowie Miren und Joxian heiraten und Xabier geboren wird.


Müsste ich das zentrale Thema von ‹Patria› in wenigen Worten umreißen, würde ich ohne zu zögern die Menschen in meiner Heimatprovinz erwähnen. Hauptsächlich von ihnen handelt der Roman, ihre Geschichte dargestellt an einer Handvoll Personen, die eine blutige und tragische Epoche des Baskenlandes durchleben. Ihre privaten Schicksale zu erzählen, war meine Aufgabe. Eine weitere war es, mich jeglichen politischen, moralischen oder sonstigen Urteils über meine Figuren zu enthalten, ihnen niemals Humanität anzudichten, wo Ideologie der Antrieb war. Ich wollte nie – wie beim Schach – eine Partie Schwarz gegen Weiß oder, wenn man so will, Gut gegen Böse spielen. In meinem Buch schultert jeder sozusagen seinen eigenen Roman. Es bleibt dem Leser überlassen, das zu interpretieren, wahrhaftig zu finden oder nicht und sich vielleicht anrühren zu lassen.


Ehrlich gesagt, wäre ich froh gewesen, kein Buch wie ‹Patria› schreiben zu müssen; doch die Geschichte des Landes, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, ließ mir keine Wahl. Der lange Versuch einiger weniger, ein politisches Projekt mittels organisierten Verbrechens durchzusetzen, konnte mich nicht gleichgültig lassen. Ich nahm mir vor, literarisches Zeugnis davon abzulegen und – in aller Bescheidenheit und falls das Vergessen es nicht verhindert – dazu beizutragen, kommende Generationen wissen zu lassen, dass es Basken gegeben hat, die in Zeiten von Bomben und Pistolen, von Totenmessen und zerbrochenen Familien zum ETA-Terror nein gesagt zu haben.»

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