26.07.2016   von rowohlt

Der Lappen ist weg!

Lustig, entwaffnend und lehrreich: Ein Blick in die deutsche Autofahrerseele

© iStockphoto.com
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Wer, bitte schön, kann sich im Alltag immer brav an die Verkehrsregeln halten? Niemand, oder? Das zumindest ist für Lehrerin Jutta, Handelsvertreter Thomas oder Lastwagenfahrer Ralph ausgemachte Sache. Prompt finden sie sich in einem Punkteabbauseminar wieder, als «Verkehrssünder». Als wären sie die Bösen und nicht all die anderen, die Spurwechsler, Drängler, Schleicher, Gehwegzuparker, Stadtverkehrraser … Oliver Uschmann und Sylvia Witt, die seit Erwerb des Führerscheins lockere 1,5 Millionen Kilometer Asphalt hinter sich gebracht haben, werfen einen Blick auf Deutschlands Straßen und zugleich in die Seele der deutschen Autofahrer. Eine Vollgas-Comedy mit Blick in den Rückspiegel, ein Lehrstück, ein rasantes Vergnügen.


Drei Sitzungen, eine Testfahrt, ein Fazit – willkommen in der Fahrschule Franks Fahrfreuden! Hier werden wir mit diversen heiklen Fahrgeschichten vertraut gemacht – und den verkehrspolizeilichen Konsequenzen, die das für Frank, Thomas, Ralf, Karin und Rainer nach sich zieht. In Franks Fahrschule lernen die Delinquenten, die Regeln (und Ausnahmen!) der Straßenverkehrsordnung korrekt zu lesen. Sie lernen, gelassener mit ihren Alltagsbefindlichkeiten umzugehen und ihre mitunter arg egomanen Eigenheiten nicht im Straßenverkehr auszutoben. Und so ist, verkehrstechnisch und zenphilosophisch betrachtet, nicht nur aus dem manischen Handy-am-Steuer-Thomas nach drei Monaten sanfter Umerziehung quasi ein neuer Mensch geworden …

Zen oder die Kunst, einfach nur Auto zu fahren


«Entschuldigen Sie? Dürfte ich Ihnen womöglich eine Frage stellen?» Thomas wendet den Kopf vom Panorama-Blick auf die Autobahn zur gegenüberliegenden Tischkante. Ein großer, graziler Mann Mitte 30 mit keckem Spitzbart, dezenten Koteletten und ebenso klugen wie neugierigen Augen hat sich auf seinem Stuhl herumgedreht. An seinem Tisch füttert seine Frau ein unsagbar süßes Kind im von der Raststätte bereitgestellten Hochstuhl. Die kleinen Füße baumeln in dicken, grünen Söckchen herunter.«Gerne», sagt Thomas.


«Ich muss Sie das einfach fragen», sagt der Spitzbart, räuspert sich und wirft ebenfalls einen kurzen Blick auf die Piste, als wäre ihm die Frage äußerst peinlich. Thomas nippt an seinem Kaffee. Den eigenen hat der junge Vater im Verbundstoffbecher gekauft. Mag sein, dass Thomas sich das einbildet, aber der Geschmack ist aus der Tasse besser.Der Mann fragt: «Wie kann es sein, dass Sie so zufrieden wirken?» Thomas verschluckt sich. Ein wenig Kaffee schießt von innen in seine Nase. Er lacht.


«Ja, verzeihen Sie, aber das habe ich wirklich noch niemals so in irgendeinem Gesicht auf der Autobahn gesehen. Auch nicht im Zug, in der Straßenbahn oder im Flugzeug. Nicht mal auf Urlaubsflügen. Sie gucken, als würden Sie völlig in sich ruhen. Als wären Sie mit allem im Reinen.» Thomas traut seinen Ohren kaum. Er weiß, er ist mit allem im Reinen, wenn er ganz bewusst eine Zen-Fahrt macht. Aber dass er einem Fremden deswegen auffällt wie ein buddhistischer Mönch im glühend orangefarbenen Gewand, beweist endgültig, dass er sich das nicht bloß einbildet. Egal, wie viele Provisionen er in seinem Leben schon durch Verkäufe kassiert hat – nie hat ihm jemand ein erfreulicheres Kompliment gemacht.


«Wollen Sie das wirklich wissen?»
«Unbedingt.»
«Es kann aber sein, dass Sie’s kitschig finden», sagt Thomas.
«Das Risiko gehe ich ein», sagt der Papa, lehnt sich zurück und fährt seiner Tochter durchs Haar.


Also erzählt Thomas. Davon, wie es sich anfühlt, einfach nur zu fahren. Was es mit der menschlichen Seele macht und wie es funktioniert. 275 Kilometer lang kein Radio, keine Nachrichten über den nahenden Weltuntergang und die große Krise, vor denen aber immer noch ausreichend Zeit ist, für Netto, OBI oder Carglass zu werben. Keine Musik, nicht auf seiner Zen-Fahrt, denn wenn die Lieder fremd sind, lenken sie zu sehr ab, weil sie im Gehirn neue Synapsen bilden, und sind sie vertraut, lenken sie zu sehr ab, weil sie Erinnerungen hervorrufen und die Vergangenheit ins Boot holen. Nur Augen und Ohren fürs Fahren, für die anderen Autos und Laster. Für die Spurführung, der man das erste Mal im Leben wieder richtig folgt und sie nicht bloß als vage Empfehlung betrachtet. Für die Landschaft links und rechts der Straße, die zu beobachten in Ordnung ist, weil sie sich häufig logisch mit den Verkehrsschildern verbindet. Achtet man schließlich auch das erste Mal seit der Fahrschule wieder ganz bewusst auf die Beschilderung und denkt wirklich an nichts anderes, ergeben 90 Prozent der Hinweise Sinn. Wer eine Zen-Fahrt Marke Thomas macht, sieht beispielsweise ein Schild, das vor möglichem Wildwechsel auf den folgenden fünf Kilometern warnt, und empfindet plötzlich Freude.


«Freude?», fragt der Spitzbart. «Wegen eines Verkehrsschildes?»
«Ja», sagt Thomas, «weil das bedeutet: Es gibt Rehe hier, links und rechts der Autobahn, hier in diesen Wäldern. Rehe und Hirsche und, wie wir wissen, mittlerweile sogar wieder Wölfe. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich beruhigt das. Dass es wilde Tiere gibt in diesem Land. Lebewesen, die sich nirgendwo registrieren oder ausweisen müssen und die keiner schon beim ersten Kennenlernen fragt: ‹Und, was machst du so?› Ja, was sollen sie schon machen? Sie leben. Ohne einen Begriff davon, unbedingt noch irgendwo hinzumüssen oder bis spätestens Sonntagnacht die Steuerpapiere fertig zu kriegen.»
Der Mann lacht. Seine Tochter quietscht zufrieden und zappelt mit den Beinchen.


Thomas sagt: «Das Wildwechsel-Schild bedeutet auch: Die Menschen kümmern sich um die Tiere. Sie haben das Schild aufgestellt, damit andere es bemerken und auf den folgenden fünf Kilometern langsamer fahren. Langsamer, aber vor allem: mit Blick auf den Straßenrand. Stellen Sie sich mal vor, jeder würde das tatsächlich machen. Nur für diese fünf Kilometer. Langsamer fahren und alles andere sein lassen. Telefon, Radio, Kaffee, den ganzen inneren Film. Nur für fünf Kilometer die Augen auf die Piste vor der Windschutzscheibe und den Straßenrand. Man würde ein Tier, das auf die Straße läuft, rechtzeitig sehen. Natürlich kommt nie eins. Vielleicht ein-, zweimal in einem ganzen Autofahrerleben. Aber jedes Mal, wenn man fünf Kilometer auf diese Weise verbringt, fühlt es sich an – passen Sie auf, ich hab Sie gewarnt, dass es kitschig klingt –, dann fühlt es sich an, als hätte man etwas wirklich Sinnvolles getan.»


Der Spitzbärtige sieht ihn an, den Kopf in seine Hände gebettet. Sein Blick sagt: Das ist so vernünftig, dass es auf faszinierende Weise wahnsinnig klingt.
«Und Sie achten 275 Kilometer lang auf jedes Schild?»
«Ja. Das macht die Zen-Übung ja gerade aus. So nenne ich das. Alle Gedanken, die mir auf der Fahrt kommen, lasse ich einfach ziehen. Verdränge sie nicht. Klammere mich nicht daran. Auf die Schilder zu achten und die Landschaft und die anderen Autos, hilft dabei.»


«Und erfüllt es Sie dann sogar mit Glück, wenn ein Baustellenschild kommt? Oder ein Stau?»
«Ja», sagt Thomas, weil es tatsächlich stimmt. «Am Stau kann ich nichts ändern. Ebenso gut könnte ich mich über die Schwerkraft aufregen. Und bei der Baustelle sage ich mir: Ist doch gut. Hier werden Arbeitsplätze gesichert. Vielleicht ist kürzlich erst einer von der Firma eingestellt worden, der kurz davor war, sein Leben hinzuschmeißen. Der schon im dritten Jahr keinen Job gefunden und nur noch Scheiße gebaut hat. Sich prügelte am Wochenende wegen eines Fußballspiels oder das wenige Geld, das ihm blieb, in Geldautomaten steckte. Nicht, weil er dumm wäre oder böse, sondern weil er keine Aufgabe hatte, die seinen Tagen eine Struktur gab. Manche brauchen das. Andere wieder nicht. Aber dieser Typ, der hier den frisch gegossenen Asphalt glatt streicht, der ist gerettet. Das freut mich.»



«Aber … in der Stadt! Stresst Sie nicht wenigstens der Großstadtverkehr?»


«Durchaus. Gerade deswegen ist diese Achtsamkeitsübung da besonders hilfreich …»


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