23.05.2018   von rowohlt

«Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei»

«Ich denke keine Minute an meinen Ruhm. Die Vögel hier wissen nicht, dass ich berühmt bin» – Zum Tod von Philip Roth

© picture-alliance/Reuters
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Philip Roth war ein Titan der US-amerikanischen Literatur. Sein Werk – von «Goodbye, Columbus» und «Portnoys Beschwerden» über die Kepesh-Trilogie und den Zuckerman-Zyklus bis zum grandiosen Alterswerk mit Romanen wie «Der menschliche Makel», «Das sterbende Tier» und «Nemesis» – machte ihn zu einem der wichtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Am 22. Mai 2018 ist Philip Roth in New York gestorben.


In seinem Nachruf in der New York Times nennt Charles McGrath Philip Roth den «letzten der großen weißen Männer: Das Triumvirat der Schriftsteller – Saul Bellow und John Updike waren die beiden anderen – überragte die amerikanische Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er überlebte beide und schrieb deutlich mehr als sie, getragen von einem außergewöhnlichen zweiten Aufschwung. 2005 wurde er erst der dritte lebende Autor (nach Bellow und Eudora Welty), dessen Werke in die Library of America aufgenommen wurden. ‹Updike und Bellow hielten ihre Taschenlampe in die Welt, um sie zu erkunden›, sagte Roth einst, ‹ich grabe ein Loch und halte die Lampe hinein›.»


Einige Stationen im Leben des Philip Roth – vom Baseball-faszinierten Jungen aus New Jersey zum amerikanischen Starautor (mehr dazu in Thomas Davids vorzüglicher rororo-Monographie):

Weequahic, Bucknell, Bellow


Weequahic. Am 19. März 1933 kam Philip Roth im Beth Israel Hospital von Newark, New Jersey, zur Welt. Sein Vater Herman Roth arbeitete für die Versicherungsgesellschaft Metropolitan Life; die Eltern seiner Frau Beth stammten aus der Nähe von Kiew; die Großeltern sprachen Jiddisch, «die Geheimsprache, die Sprache der Überraschung und des Ärgers». 1933 zog die Familie in die Summit Avenue in Weequahic, ein Viertel im äußersten Südwesten der Stadt: ein Zentrum jüdischer Assimilation, bewohnt von amerikanisch-jüdischen Patrioten, eine Insel inmitten wüster antijüdischer Ressentiments (mehr als einhundert antisemitische Organisationen agitierten in den 1930er Jahren gegen «die Juden»). 


Bucknell. Philip Roth' Studienjahre fielen in die Blütezeit des paranoiden McCarthyismus, als der Antikommunismus Staatsreligion war und Schwarze Listen in Hollywood kursierten. 1952 gab Roth das Studium der Rechtswissenschaft am Newark College der Rutgers University  auf, um Englische Literatur an der Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania, zu studieren, mitten im konservativsten republikanischen Herzland. Hier vollzog sich die rebellische Häutung des jungen Autors; die Jahre der Selbstzensur und Anpassung waren zu Ende. 


Saul Bellow. Wenn es für Roth ein literarisches Erweckungserlebnis gab, dann die Auseinandersetzung mit dem bahnbrechenden Roman «Die Abenteuer des Augie March». «Es kam mir vor, als hätte Bellow alle Zwänge abgeschüttelt …» Jahre später schlug Saul Bellow, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1976, der Schwedische Akademie einen amerikanischen Kollegen vor: Philip Roth.

Eine Sprache, «so hart und nah am Beat …»


Stilbildend. Seit «Goodbye, Columbus», so Philip Roth 1969  in einem Interview mit New York Times Book Review, fasziniere ihn «eine Prosa, die die Wendungen, Vibrationen, Intonationen und Kadenzen, die Spontaneität und Leichtigkeit der gesprochenen Sprache aufweist, zugleich aber fest auf dem Blatt Papier verankert ist, wie man sie eher von literarischer Rhetorik erwartet.» Von J. D. Salinger, Autor des Kultromans «Der Fänger im Roggen», war er in Ton und Duktus weit entfernt, wie der Kritiker Theodore Solotaroff betonte: «Wenn Roths Literatur etwas von Salingers Geist und Charme hatte, die einnehmende Mischung aus jugendlichem Idealismus und Zynismus, die Atmosphäre unmittelbarer Realität, so war sie doch aus härterem Holz geschnitzt.»


Jüdisches, Antijüdisches. Saul Bellow schrieb mit Blick auf Philip Roth im Juli 1959 in Commentary: «Hier und dort begegnet man Leuten, die meinen, die Aufgabe eines jüdischen Schriftstellers in Amerika bestehe darin, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten – alles, was an der jüdischen Gemeinde nett ist, breitzutreten und alles andere wegzulassen, aus Loyalität. Darin besteht die Aufgabe jüdischer und anderer Schriftsteller ganz und gar nicht.» Roth hat seit jeher polarisiert. Positive Reaktionen auf sein Werk klangen damals gerne mal so: Ein Autor, «so vulgär, komisch, subtil, mitleiderregend und schmutzig … wie Newark selbst» (Leslie A. Fiedler in der zionistischen Zeitschrift Midstream). Für das konservative jüdische Establishment war er das personifizierte rote Tuch: ein jüdischer Judenhasser, ein Renegat und Nestbeschmutzer – ein Glücksfall für Nazis und Antisemiten, «Wasser auf die Mühlen eines Julius Streicher oder eines Joseph Goebbels».


Portnoys Beschwerden. Wenige Monate nach dem Amtsantritt des 37. US-Präsidenten Richard Nixon erschien «Portnoys Beschwerden». Die auszugsweisen Vorabdrucke hatten dem Buch Kultstatus verliehen und den Autor skandalisiert. Kaum eine Dinner Party, auf der nicht «Portnoy-Stellen» die Runde machten. Für die einen war der Roman ein laszives Vergnügen, für andere war er Schmutz, eine Manifestation von jüdischem Selbsthass aus der Feder eines «illoyalen Bastards». Gershom Scholem nannte es «das Buch, für das alle Antisemiten gebetet haben». In den ersten zehn Wochen verkaufte Random House mehr als 200.000 Exemplare. Um dem Portnoy-Trubel zu entgehen, zog Roth sich für mehrere Monate in die Künstlerkolonie Yaddo in Saratogo Springs zurück; später mietete er in ein abgelegenes Haus in Woodstock am Saum der Catskill Mountains.

«Amateure warten auf Inspiration. Profis setzen sich hin und arbeiten.»


Philip Roth veröffentlichte fast 30 Romane, dazu zahllose Essays, Kurzgeschichten und große Interviews. Seine Themen waren «die jüdische Familie, Sex, amerikanische Ideale, der Verrat der amerikanischen Ideale, politischer Fanatismus, persönliche Identität und der menschliche (meist männliche) Körper in seiner Stärke, seiner Zerbrechlichkeit und seinen oft lächerlichen Bedürfnissen» (The New Yorker).


About John. Als Welt-Korrespondent Hannes Stein Philip Roth vor vier Jahren im Büro seines Agenten traf, kamen sie auch auf seinen Kollegen und Antipoden John Updike zu sprechen – auch er vom Nobelkomitee bis zu seinem Tod jahrzehntelang ignoriert: «Die amerikanische Literatur ist ein scharfer Galopp. John und ich – wir haben uns viele Wettkämpfe geliefert. Ich konnte seinen Hufschlag hören, wenn er mir näher kam. Manchmal lag ich vorn, manchmal er. Fühlst du das? Diesen Wettkampfcharakter der amerikanischen Literatur? Ich fand ihn immer belebend.» (Die Welt, 23.5.2018)


Eigene und fremde Bücher, wiedergelesen. Anders als manche seiner großen US-Kollegen wie Pynchon oder Salinger hat Roth immer wieder ausführlich zu seinem Werk und seiner Person Stellung bezogen – mit einer einleuchtenden Begründung: «Da mir fast von Anfang an ebenso Anerkennung wie heftige Kritik zuteil wurde, fühlte ich mich offenbar gleich nach meinen ersten Schritten dazu aufgerufen, nicht nur eine literarische Position zu beziehen, sondern auch meine moralische Flanke zu verteidigen.» Immer wieder variiert er – in den Romanen wie in den Essays –  seine großen Themen: die fragile Identität jüdischer Intellektueller; Spielarten des Antisemitismus; Verwurzelung und Entwurzelung; Kafkas Prag – und die lebenswichtige Kraft des Humors.


Baseball. «Ich glaube, einer der Gründe, weshalb ich schließlich einen Roman über Baseball zu Ende schrieb, ist der, dass Baseball zu den wenigen Themen gehört, von denen ich viel verstehe. Wären mir Forstwirtschaft, Musik, Eisenwaren oder Rotterdam ebenso vertraut, hätte ich bestimmt schon längst ein Buch geschrieben, das auf diesem Wissen basiert.»

«Ach, der Nobelpreis. Daran denke ich nicht …»


Der menschliche Makel. Philip Roth' 2000 erschienenes Meisterwerk «Der menschliche Makel» ist eine Abrechnung mit den wahnhaften Auswüchsen der political correctness, eine Tragödie klassischen Zuschnitts: Es ist der Sommer der Lewinsky-Affäre – und der Sommer, in dem Coleman Silk, Professor für klassische Literatur am noblen Athena College, wegen einer absichtslos hingeworfenen Äußerung von den Sittenwächtern der political correctness zum Rassisten abgestempelt wird. Seine akademische Karriere ist passé, seine Reputation ruiniert. Erst das späte Liebesglück mit Faunia, einer sehr viel jüngeren Frau, mildert seine Bitterkeit. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Eine Hexenjagd beginnt, die tragisch endet, und ein unheilvolles Geheimnis tritt zutage, das Coleman Silk über fünfzig Jahre gehütet hatte …


Auch wenn Literaturfreunde in aller Welt Jahr für Jahr darauf warteten,  dass die Schwedische Akademien ihm endlich den Nobelpreis zuerkennen würde, quittierte Philip Roth die immer wiederkehrenden Fragen stets mit einem Lächeln: «Ach, der Nobelpreis, der interessiert mich nicht.» Ganz anders als der Pulitzerpreis, den er 1998  für seinen Roman «American Pastoral» («Amerikanisches Idyll») erhielt


«Literaturnobelpreis? Ihm wird vollkommen gereicht haben, dass er zum exklusiven Klub jener großen Schriftsteller gehörte, die das Nobelkomitee in Stockholm souverän übergangen hat: Leo Tolstoj, Mark Twain, Henry James, James Joyce, Vladimir Nabokov, Marcel Proust, Anton Tschechow. Das waren seine Leute; das war sein Rang. Mehr Ehre brauchte er nicht.» (Hannes Stein, Die Welt)


Nemesis. «Nemesis» ist der letzte einer Tetralogie kürzerer Romane, schmale Bücher von ungeheurer Wucht, «in denen Roth die Summe seiner Themen und seines Könnens zieht, meisterhaft alles, was ihn als Schriftsteller ausmacht, zusammenführt und konzentriert» (Süddeutsche Zeitung). Am 7. Oktober 2012 gab Philip Roth in einem Interview mit dem französischen Kulturmagazin Les Inrocks bekannt, dass sein 2010 erschienener Roman «Nemesis» sein letztes Buch war. «Ich hatte einfach nicht mehr die geistige Lebhaftigkeit oder die verbale Energie oder die physische Fitness, um einen großen kreativen Angriff auf eine komplexe Struktur wie einen Roman zu starten. Jedes Talent hat seine Bedingungen, seine Beschaffenheit, sein Ausmaß, seine Kraft – nicht jeder kann für immer ergiebig sein.»


«Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei …»  Nach seinem Rückzug als Schriftsteller klebte ein gelber Zettel mit diesen Worten an seinem Computer: «Jeden Morgen schaue ich auf diesen Zettel, und das gibt mir sehr viel Kraft.»

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