11.01.2017   von rowohlt

«Der Kampf ist nicht vorbei. Der Kampf ist nie zu Ende»

Paul Mendelson – Spezialist für atmosphärisch dichte, kompromisslose Südafrika-Thriller

© iStockphoto.com
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Eine Milliardärin wird  in Kapstadt grausam ermordet. Taryn Holts Vater war eine Stütze des Apartheid-Regimes. Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht der Sohn des einflussreichen ANC-Politikers Bheka Bhekifa  – kein Wunder, dass die Ermittlungen von Colonel Vaughn de Vries und Special Crimes Unit systematisch von höchster Stelle sabotiert  werden. Der Mord an der reichen Erbin  ist aber nicht der einzige Fall, der de Vries Kopfzerbrechen bereitet: Ein Unbekannter tötet Polizisten, einen nach dem anderen. Polizisten, die vor über zwanzig Jahren ein Massaker an einer schwarzen Familie verübten. Auch de Vries war damals dabei, als unfreiwilliger Zeuge des Verbrechens  …

Hautfarbe, Liebe, Geld, Politik?


In Kapstadts Central Business District werden die Polizeikräfte zu einer Villa am Fuß des Tafelbergs gerufen. Die Tote in dem Schlafzimmer ist Taryn Holt, 38, milliardenschwere Erbin eines großen Industrievermögens. Aber warum fünf Schüsse, wenn schon der erste mitten ins Herz tödlich war? Die Tote war eine der wichtigsten Kunstmäzeninnen des Landes. Mit ihrer aktuellen Ausstellung – großformatigen Bildern der mosambikanischen Künstlerin Dazuluca Cele über die Ausbeutung von Frauen in Afrika – hatte sie wütende Proteste weißer religiöser Fanatiker  und konservativer Frauengruppen auf sich gezogen. 


Schnell ist klar, dass Taryn Holt mit einem jungen schwarzen Politiker liiert war,  dem Sohn des ANC-Veteranen Bheka Bhekifa. An dem hochdekorierten Helden des Befreiungskampfes gegen das Buren-Regime beißen sich de Vries und seine Leute die Zähne ausbeißen; der greise Bhekifa sieht sich und die Seinen moralisch immer im Recht. Mehr noch als einen weißen Polizisten wie Colonel de Vries verachtet er die junge schwarze Generation, die an die neue Demokratie eines multiethnischen Südafrika glaubt. «Ihr kommt hierher, um mich zu bedrohen, mich zu beschuldigen, und dann erwartet ihr meine Hilfe? Ihr und euresgleichen seid die Verräter, gegen die wir unser Leben lang gekämpft haben.» Aber macht die höhnische Arroganz des ANC-Patriarchen Trevor Bhekifa automatisch zum Hauptverdächtigen?


Könnte das Ganze nicht auch eine mörderischen Intrige von Holt Industries sein? «Graeme Holt hat seine Firmen auf dem Rücken des Apartheid-Regimes und des Niedriglohnsektors gebaut, hat dann in ganz Südafrika expandiert», berichtet de Vries' Freund John Marantz, ein ehemaliger britischer Geheimdienstmann, der nach dem spurlosen Verschwinden seiner Familie in Südafrika hängen geblieben war. Immerhin scheint Taryn Holt mit dem Gedanken gespielt zu haben, sich von Teilen ihres Aktienpakets am Holt Konsortium zu trennen, um damit die ANC-kritische die Democratic Reform Group, die neugegründete Partei ihres schwarzen Liebhabers, zu unterstützen.

Fünf Tote in Observatory: kein «Kollateralschaden»


Plötzlich rückt ein anderer Fall für de Vries in den Fokus: die Mordserie an weißen Polizisten. Zum ersten Mal erfährt er davon durch einen Anruf von Mitchell Smith, einem Ex-SAP-Kollegen aus den frühen 90er Jahren. Auch er war vor 21 Jahren bei der Razzia im Stadtteil Observatory beim Massaker an einer unschuldigen schwarzen Familie dabei. Jetzt scheint irgendwer unterwegs zu sein, um die Schuldigen von einst zu liquidieren. Sheldon Rich, Johan Esau, Joe Swanepoel. 1993/94 alle bei der South African Police in Observatory, 2015 alle tot. Der Nächste auf der Liste ist Mitchell Smith; der Letzte auf der Liste könnte de Vries selbst sein, auch wenn er nur indirekt Zeuge der verhängnisvollen Operation war …


Was war im Januar 1994 passiert? Innerhalb weniger Tage hatte es in Kapstadt zwei Bombenanschläge gegeben, auf die Victoria Drinking Hall und die Heidelberg Tavern. Ein Dutzend Tote, die der APIA zugeschrieben wurden, dem bewaffneten Arm des Pan African Congress. Südafrika steht am Rande eines Bürgerkriegs, weil sich die Machtverhältnisse in rasendem Tempo zu verändern beginnen. Nelson Mandela ist auf Anordnung von Staatspräsident Frederik de Klerk aus dem Victor-Vester-Gefängnis in Paarl freigekommen, kurz darauf wird das Verbot des ANC aufgehoben. 


In den Townships um Jo'burg und Pretoria brodelt es, schwarze Aktivisten fordern ein sofortiges Ende der Apartheid. Weiße Rassisten im Polizeiapparat reagieren mit gnadenloser Härte auf die politischen Umbrüche. Für Buren-Hardliner ist die Vorstellung einer Regierung der schwarzen Mehrheit, eines «neuen beschissenen kaffir Südafrika» der pure Horror: «Wir haben dieses Scheißland aufgebaut. Alles, was gut ist, geht auf uns zurück. Das sie mehr sind als wir, heißt noch lange nicht, dass wir alles zurückgeben mussten.»


In dieser aufgeheizten Stimmung kommt es zu dem folgenreichen Einsatz von Major Nels Leuten von der South African Police in Observatory. Falsches Gebäude, falsche Adresse, Pech gehabt – so ist Krieg, lautet das zynische Fazit …

Großes Thriller-Kino!


Paul Mendelson ist Dramatiker, Drehbuchautor, Journalist und Kolumnist; er lebt abwechselnd in London und Südafrika. Seine packenden Colonel-de-Vries-Thriller «treffen Südafrika ins Herz» (3sat Krimibuchtipp). Die Film- und Fernsehrechte der de-Vries-Reihe sind optioniert. Beeindruckend an Mendelsons spannenden Romanen ist der differenzierte Umgang mit dem Thema Rassismus. 


Rassismus taucht bei ihm nicht nur auf der Ebene der großen Politik auf (Apartheidstaat vs. ANC, reiche weiße Vororte vs. schwarze Townships), sondern in der Durchdringung alltäglicher Dinge durch rassistische Klischees. Zu den interessantesten Figuren des Romans zählen die schwarze Pathologin Doctor Anna Jafari, an der sich de Vries in schöner Regelmäßigkeit abarbeiten muss, und die mosambikanische Künstlerin Dazuluca Cele. «Paul Mendelsons Thriller trifft Südafrika ins Herz.» (3sat Krimibuchtipp)

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