25.04.2016   von rowohlt

Der Espresso unter den Geschichtsbüchern: stark, gehaltvoll, anregend

Adam und Apple, Moses und Mondlandung, Dschingis Khan und Donald Trump – Alexander von Schönburg im Interview

© Sebastian Hänel
© Sebastian Hänel

Alexander von Schönburgs «Weltgeschichte to go» wirft Licht in viele dunkle Ecken der Menschheitsgeschichte – und fördert jede Menge Bizarres, Rätselhaftes und Überraschendes zu Tage. Sie kennen das Humpty-Dumpty-Problem? (Falls nicht, empfehlen wir Kap. 5: «Kann man die Welt reparieren? Und wenn ja, wie?») Sie möchten statt Grexit-Chaos Griechenland retten? Filmregisseur Jean-Luc Godard weiß, wie sich das Bruttosozialprodukt des Landes auf einen Schlag sanieren ließe. Haben Kannibalen ihre Opfer in den Kochtopf gesteckt? (Radio Eriwan sagt: ja – und nein.) Sie wollen endlich kapieren, weshalb Zeitreisen unmöglich sind? Stephen Hawking verrät es Ihnen. All das und vieles mehr erfahren Sie in «Weltgeschichte to go», dem Espresso unter den Geschichtsbüchern.

Das Interview

Sie müssten, was die Geschichte Ihrer eigenen Familie, der von Schönburg-Glauchaus, angeht, praktisch qua DNA an der Historie interessiert sein.  Was hat Ihnen die historische Rückschau gebracht – außer das Sie für dieses Buch extrem viel gelesen und recherchiert haben?
Mein Vater ist noch auf dem Schloss unserer Familie in Sachsen aufgewachsen und musste, als die Rote Armee 1945 anrückte und ihn als Klassenfeind deportieren wollte, in den Westen flüchten, wo er ohne einen Heller in der Tasche ankam. Meine Mutter ist ebenfalls Flüchtling, auch sie flüchtete aus dem Osten, aus Ungarn, 1951 war das. Ihr Urgroßvater war István Széchenyi, der ungarische Sozialreformer und Nationalheld. Mit dem Bewusstsein, dass da mal was war in der Vergangenheit, an das es sich erinnern lohnt, bin ich schon aufgewachsen. Aber auch mit einem Sinn für Vergänglichkeit. Geschichte aufschreiben hat was von Vergänglichkeit aufhalten wollen, vermute ich.


Sie sind mit Yuval Harari, Professor an der Universität Jerusalem, befreundet. Was konnten Sie von seinen Arbeiten für Ihre «Weltgeschichte to go» lernen?
Mein Buch würde es ohne Yuval geben. Er hat mir sehr wertvolle Ratschläge gegeben. Und das mit einer unfassbar liebenswürdigen Großzügigkeit. Als ich ihm sagte, dass ich auch ein Buch über die Menschheitsgeschichte schreibe, das sich ein wenig an seines anlehnt, sagte er, dass es Platz genug auf der Welt für zwei großartige Geschichtsbücher gäbe. Sein Weltbestseller «Sapiens» hat mir vor allem die Augen dafür geöffnet, Geschichte nicht, wie konventionell üblich, ab dem Aufstieg der Hochkulturen zu betrachten. In gewisser Weise ist der Aufstieg des Menschen seit der landwirtschaftlichen Revolution auch ein Abstieg. In den letzten 10.000 Jahren haben wir unseren Planeten ziemlich gründlich ausgebeutet und überfordert. Den Homo sapiens, so wie er heute ist, gibt es aber mindestens seit 200.000 Jahren. Eigentlich müsste man sich auf diese Zeit konzentrieren, sie ist gewissermaßen die erfolgreichste Episode humaner Geschichte.


Gibt es Epochen, historische Zäsuren, Figuren oder eine Lieblingsverschwörungstheorie der Weltgeschichte, die Sie so sehr reizen, dass Sie sich damit am liebsten in einem ganzen Buch beschäftigen würden?
Wie gesagt, die ersten 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte sind eigentlich am faszinierendsten, weil wir damals wohl im Einklang mit der Natur lebten, statt uns als ihr Herrscher aufzuspielen. Nur ist es leider so, dass es bis auf paar Knochenteile nicht viele Quellen aus der Zeit gibt, über die man sich beugen kann. Der frühe Mensch war offenbar zu gechilled, um sich die Mühe zu machen, sich mit Dingen wie der  Schrift rumzuschlagen. Damit hat erst der Zivilisationsmensch angefangen. Am Nächsten kommt man der frühen Menschheitsepoche wahrscheinlich über alte, mündlich überlieferte Mythen. Von Gilgamesch über Kain und Abel, Babel oder Märchen wie Eisenhans. Ich glaube, das ist ein Gebiet, auf das ich mich noch einmal stürzen werde, wenn Rowohlt mich lässt.

«Der Mensch vermag das Allergroßartigste. Und das Allerniederträchtigste»

Was macht einen Menschen zum Helden – als Beispiel nennen Sie neben der Wüstenkönigin Zenobia (Al-Zabba) u.a. den syrischen Archäologen Khaled Asaad, der von IS-Terroristen in Palmyra ermordet wurde?
Asaad, der Archäologe und Hüter der Schätze von Palmyra, der von verblendeten Hass-Menschen bestialisch hingerichtet wurde, nenne ich, weil er für mich für all die Helden steht, deren Namen kaum einer kennt. Die meisten Figuren der Weltgeschichte, die als «groß» gelten, haben ihren Namen mit Blut in die Geschichtsbücher geschrieben. Jeder Gymnasiast muss den Gallischen Krieg übersetzen; das Bewusstsein, dass hier ziemlich selbstherrlich ein Genozid beschrieben wird, fällt ein wenig unter den Tisch. Vom Biologen und Philosophen Jean Rostand stammt der schöne Satz: «Töte einen Menschen und du bist ein Mörder. Töte Millionen Menschen und du bist ein Eroberer.»


«Ausführlich zu schildern, was sich niemals ereignet hat», das sei die wahre Aufgabe nicht nur des Geschichtsschreibens, sondern auch jedes Kulturmenschen. Wie sehr haben Sie sich selbst an dieses brillante Oscar-Wilde-Bonmot gehalten?
Wie ich vorhin schon andeutete, die tiefsten Wahrheiten schlummern wahrscheinlich nicht in Archiven voller Dokumente mit Statistiken und Bevölkerungszahlen, sondern in Kunstwerken und in unseren Mythen. Deswegen gehe ich in «Weltgeschichte to go» auch immer wieder ausführlich – und ohne mich dafür zu entschuldigen – darauf ein.


Nachträgliche Kategorisierung als Grundproblem jeder Geschichtsbetrachtung – haben Sie diesem Problem zu entkommen versucht? Oder sich im Gegenteil dafür entschieden, lustvoll mit Labels, Etiketten, Klischees zu spielen?
Das ist ja das große Thema von Nassim Nicholas Taleb. Sein Buch «Der Schwarze Schwan» ist, glaube ich, eines der wichtigsten Bücher der vergangenen zehn Jahre. Er hat wie kein zweiter vor ihm aufgezeigt, dass wir immer erst nachträglich Sinn in Geschichte bringen. Der Geschichtsschreiber hat ja gar keine andere Wahl als zu kategorisieren und Schubladen und Etiketten zu schaffen. Denken ist Kategorisieren. Schon wenn man die Namen von Herrschern und Epochen aufzählt, ist das eigentlich eine ziemlich einseitige Kategorisierung. Die Alternative wäre allerdings ein komplett diffuser Datensalat, den man bewusst nicht ordnet, um ihn dadurch ja nicht zu verfälschen. Man muss sich dessen nur bewusst sein, dann kann man munter kategorisieren.

Französische Revolution 1789? Keine besonderen Vorkommnisse!

«Die unsicheren Zeiten sind die sichersten, da weiß man wenigstens, woran man ist …» Trifft dieser (einem spanischen Politiker zugeschriebene) Satz Ihr Geschichtsbild im Kern? Oder leisten Sie sich doch so etwas wie einen Grundoptimismus, was die Perspektiven der Menschheit angeht – auch wenn es in 5 Milliarden Jahren mit der Erde, wie wir sie kennen, vorbei sein wird?
Letztlich haben wir keine Ahnung, was uns als nächstes erwischt. Am 10. September 2001 hatte niemand islamistischen Terror auf dem Radar. Am 14. Juli 1789 schrieb der König von Frankreich in sein Tagebuch: «Rien». Also: keine besonderen Vorkommnisse. Wir könnten jetzt, genau in diesem Moment, eine der wichtigsten weltgeschichtlichen Wandlungen durchmachen und bekommen vielleicht nichts davon mit, sitzen in der Sonne und schlürfen Cappuccino. 


Letzte Frage: Wie schützen Sie eigentlich Ihren Kopf vor dem Info-Bombardement, dem Sie als Autor (und Mitglied der BILD-Chefredaktion)  täglich ausgesetzt sind: durch Sport, US-Serien, Yoga, Mozart, Avantgardelyrik …?
Da habe ich leider auch kein Rezept. Ich versuche meine Zeitungslektüre zunehmend durch Bücherlektüre zu ersetzen, um Wind aus der Sache zu nehmen, dennoch leide ich – wie wir alle, glaube ich – an Überfütterung.

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