31.07.2017   von rowohlt

«Der Dämon regt sich mir zur Seite unentwegt»

Ein Interview mit dem Baudelaire-Übersetzer Simon Werle

© ullstein bild – Roger-Viollet
© ullstein bild – Roger-Viollet

Kaum ein anderes Werk hat die europäische Lyrik so nachhaltig geprägt wie «Les Fleurs du Mal» (1857) des Décadent und Dandy Charles Baudelaire. Bei seinem Erscheinen in Frankreich ein riesiger Skandal, mehrfach verboten und verbrannt, ist dieser Gedichtzyklus zu einem zentralen Text der Moderne geworden. Mit ihrer Sprachmagie, ihren Exorzismen der Verzweiflung, ihrer Ästhetisierung des Makabren, Bizarren und Morbiden, und nicht zuletzt mit ihrer gewagten Erotik, markieren «Die Blumen des Bösen» einen Höhe- und Wendepunkt der französischen Dichtung. Nun liegt der Klassiker anlässlich des 150. Todestages von Charles Baudelaire in der Neuübersetzung von Simon Werle bei Rowohlt in einer zweisprachigen Ausgabe vor. 


Simon Werle, geboren 1957, publizierte als Übersetzer zahlreiche Übertragungen klassischer und moderner Bühnenwerke von Sophokles bis Beckett und Koltès, als Autor zuletzt 2014 den Dramenband «Mythen». Für seine Nachdichtungen der Tragödien Racines wurde er mit dem Paul-Celan-Preis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Im Juli 2017 wurde er für seine «überragende Neuübersetzung» von Baudelaires «Les Fleur du Mal/Die Blumen des Bösen» mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.


Andreas Isenschmid, Die Zeit: «Charles Baudelaires legendärer Gedichtband in einer glänzenden Neuübersetzung ... Simon Werle gewinnt ohne Verlust an prosaischer Eleganz ein Maximum an Wörtlichkeit; erstaunlich, wie wenig er opfert, wie viel er retten kann! So viel Baudelaire war nie.»

Das Interview


Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zum Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis 2017 für die Neuübersetzung von Baudelaires «Les Fleurs du Mal». Was bedeutet Ihnen – neben dem finanziellen Zubrot – diese Auszeichnung?
Die meiner Arbeit so prompt zugesprochene Ehrung in Form eines Preises vermittelt mir das beruhigende Gefühl, dass dieser geistige Marathonlauf im Gegensatz zu anderen, die ich bereits zurücklegen durfte, soziale Resonanz erfahren wird.


Das Bild des Dichters Charles Baudelaire ist von Extremzuschreibungen überlagert: Décadent und Satanist, Dandy und Junkie, Reaktionär (Jean-Paul Sartre) und Revolutionär (Walter Benjamin), Urvater des Symbolismus und französischer Klassiker. Ist ein solch diffuses Bild des zu übersetzenden Autors eher Last oder Anreiz?
Jede Neuübertragung eines kanonischen Werks der Weltliteratur bietet auch die Chance der Klärung und Neusichtung. Bei einem Autor wie Baudelaire mit seinen rezeptionsgeschichtlichen Sklerosierungen in Frankreich wie in Deutschland scheint mir der Bedarf danach besonders hoch. Die für mich selbst überraschendste Entdeckung im Lauf meiner Auseinandersetzung war das von der glamourösen Aureole des «Fleurs du Mal» völlig überstrahlte, aber in meinen Augen zu Unrecht vernachlässigte lyrische Frühwerk des Autors.


Ihre Übersetzungen werden wegen ihrer «einfühlenden Vielfalt» und Sprachmusikalität gelobt. Wie viel Freizügigkeit haben Sie sich bei Baudelaire erlaubt, wie viel unreine Reime verträgt das Versmaß des französischen Alexandriners?
Ein erklärtes Hauptziel meiner Übertragung besteht darin, trotz Versifikations- und Reimzwang den Umfang der Paraphrasierung und damit der sogenannten «dichterischen Freiheit» zu minimieren. Im Umgang mit dem französischen Alexandriner, diesem zwölfsilbigen prosodischen Schwebstoff, halte ich Flexibilität, sowohl rhythmisch als auch reimtechnisch, für den praktikabelsten Umgang. Und zugleich scheint mir aufgrund langjähriger Erfahrung, jeder Originaltext erteile der Übertragung individuelle Gesetze, die mitunter auch sehr streng ausfallen können. In Corneilles «Cid» zum Beispiel strenger als in Racines «Phèdre», und bei Baudelaire strenger in den großen Gedichten der «Tableaux Parisiens» als in so manchen Sonetten.


Gibt es für Sie einen Unterschied im «handwerklichen» Herangehen an so unterschiedliche Autoren wie Corneille, Racine, Molière oder Baudelaire auf der einen Seite und «modernen Autoren» wie Michel Leiris oder Marguerite Duras? 
Ja, es gibt für mich einen entscheidenden Unterschied zwischen der Arbeit an klassischen, also in poetischer und rhetorischer Tradition verankerten Texten, die strengen Formzwängen unterliegen, und der Übersetzung von Prosa oder von moderner Dramatik. Bei ersteren ist der Arbeitsaufwand ungleich höher und im Allgemeinen – von wenigen Ausnahmen abgesehen wie etwa Koltès und Genet – auch meine Begeisterung.


Sie arbeiten als Übersetzer und Autor. Sie haben mehr als ein Dutzend Theaterstücke geschrieben, außerdem einen Roman, Essays, Erzählungen. Wie kann man sich das Nebeneinander des Schriftstellers Werle und des Übersetzers Werle vorstellen? Als friedliches Nebeneinander (heute übersetz' ich, morgen dichte ich, übermorgen weiß ich noch nicht …) – oder kommt es doch immer mal wieder zu Kollisionen zwischen Ihren verschiedenen Talenten und Leidenschaften?
Solange ich vor allem als Prosaautor tätig war, ergab sich meist eine Art Pendeln zwischen Schreiben und Übersetzen. Die Auseinandersetzung mit Koltès brachte mich dann allmählich zum szenischen Schreiben. Und insofern ich in der Lage war, mich als Übersetzer mit klassischen Stücken meiner Wahl zu beschäftigen, ergaben und ergeben sich eher Synergien zwischen den beiden Tätigkeiten. So verstehe ich meine Neuübersetzungen von Sophokles und Euripides als so etwas die andere Seite der Medaille zu der Arbeit an den antik inspirierten Stücken, die in «Mythen/Mutanten» versammelt sind.

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