12.09.2016   von rowohlt

Der beste Sommer von allen

«Akins Verfilmung hat etwas Ungezwungen-Lässiges. Die Freude beim Lesen des Romans kann man nun abermals im Kino haben.» (Der Tagesspiegel)

© Studiocanal GmbH; Vanessa Maas (Autorenfoto)
© Studiocanal GmbH; Vanessa Maas (Autorenfoto)

Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf, mit einem himmelblauen geklauten Lada. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Berlin-Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel einer gelungenen Integration. Und damit beginnt eine unvergessliche Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz … Die Geschichte von Maik, Tschick und Isa ist eines der meistgelesenen Bücher der letzten Jahrzehnte. Am 15.9.2016 kommt «Tschick» endlich ins Kino – verfilmt von Fatih Akin.


«Fatih Akins Kinoversion ist rasant, lustig und klug, weil sie nicht zu ehrfürchtig mit der Vorlage umspringt. (...) Tatsächlich gewinnt Akins Film eine schöne Leichtigkeit, weil er eine Welt entwirft, in der nur die Logik des Erzählens zählt.» (Der Spiegel)


«Was für ein Glück, dass ‹Tschick› ausgerechnet in den Händen von Fatih Akin (‹Soul Kitchen›) gelandet ist ... Wunderbar, mit Potenzial zum ewigen Lieblingsfilm.» (Brigitte)

Das Interview


Fatih Akin ist ein Autorenfilmer, fast ausnahmslos verfilmst Du eigene Stoffe. «Tschick» ist Deine erste Literaturverfilmung.
Es gibt zwei, drei Schlüsselsequenzen im Roman, danach wusste ich: Das will ich verfilmen. Tatjana, die dem Helden das Herz bricht, das kenne ich sehr gut aus meiner eigenen Jugend: Ich war als 14jähriger unheimlich verliebt in eine Mitschülerin, die nichts von mir wissen wollte. Das Erlebnis der abgewiesenen Liebe als Teenager ist bestimmt einer der Gründe, warum ich überhaupt Filmemacher geworden bin, so wie in dem Song der «Ärzte»: «Eines Tages werde ich mich rächen.» Ein anderer Moment: Wie Tschick und Maik in den Himmel schauen und darüber philosophieren, ob es noch jemanden da draußen gibt. Oder der Dialog Maik und Isa am Steg. Als ich das gelesen habe, da war mir Herrndorf sehr nahe, und ich habe gedacht: Das will ich inszenieren.
Ich liebe Coming-of-Age-Filme, «Stand By Me», «Crazy» oder «The Breakfast Club».  «Nordsee ist Mordsee» von Hark Bohm gehört zu meinen Lieblingsfilmen. «Huckleberry Finn» habe ich mit 14 gelesen, übrigens weit besser als «Tom Sawyer». In meiner Jugend waren Bücher und Filme meine Freunde – niemand versteht mich, aber diese Bücher, diese Filme, da fand ich mich wieder.
Und dann kam im Sommer dieser Anruf: In sieben Wochen wird gedreht. Ich habe das Angebot, «Tschick» zu verfilmen, an einem Mittwoch bekommen, und am Sonntag musste ich mich entschieden haben, denn am Montag darauf sollte mein erster Arbeitstag sein. Das hat mich ganz schön aus der Bahn geworfen. Normalerweise hätte ich mich nie darauf eingelassen – aber es ging um «Tschick».


Der Roman ist filmisch geschrieben, ein literarisches Roadmovie. Wolfgang Herrndorf war ein Cineast, und er orientierte sich bei «Tschick» an der Struktur der sog. Heldenreise, wie sie in Drehbuchmanuals steht. 
«Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.» So beginnt der Roman, einen besseren Anfang kann man sich gar nicht denken. Aber so filmisch das Buch auch ist, wir haben erst den Roman noch einmal zerlegt und uns gefragt: Was wollen wir im Film sehen, was nicht? Wir haben ganz klassisch blaue, gelbe und rote Karteikarten an die Wand gesteckt. Neues Material wollten wir nicht hereinbringen, sondern aus dem vorhandenen die Essenz herausarbeiten. Das funktionierte sehr lange gut, doch das letzte Drittel des Romans, ab der Begegnung mit Fricke, fand ich problematisch für den Film. Die Dramaturgie löst sich auf, Szenen werden additiv aneinandergereiht, es wirkt anekdotisch und doppelt sich. Maik und Tschick bauen einen Unfall, die nette Sprachtherapeutin bringt sie ins Krankenhaus, dort gibt es nachts um vier dieses legendäre Telefonat mit «Tante Mona», sie flüchten aus dem Krankenhaus, der total verbeulte, trotzdem noch fahrtüchtige Lada steht auf dem Krankenhaus-Parkplatz, am nächsten Morgen sind sie wieder auf der Autobahn und bauen noch einen Unfall. Im Film musste das anders laufen und alles auf den einen Unfall mit dem Schweinetransporter zusteuern. 


Hier weicht der Film auf der äußeren Handlungsebene stark vom Roman ab, doch die Stationen der inneren Reise des Helden seid ihr in einem veränderten Setting genauso abgefahren.
Die Brücke wird im Roman beschrieben als das Ende der Welt. Waste Land. So etwas haben wir gesucht, u.a. in einem Tagebau, irgendwo im Osten, wo es riesige abgebaute Flächen gibt. Aber keine Brücken. Im Harz gab es eine Brücke, 200 Meter Höhe, Wahnsinn, aber man konnte dort nicht ohne Absicherung drehen, alles musste angebunden werden, auch das Auto – kurz, es war unmöglich. Die Sümpfe kommen schon im Roman vor, und dann hatte Rainer Klausmann, mein Kameramann, die Idee, anstelle der Brücke einen Holzsteg zu bauen, ein bisschen wie bei «Lohn der Angst». (Ich bin mir sicher, dass Herrndorf «Lohn der Angst» gesehen und auch zitiert hat, wenn nicht in «Tschick», dann mit Sicherheit in «Sand».) Diese Sümpfe, wenn sie am Ende stecken bleiben, Bäume, nichts als Bäume, und Wasser, das ist das Ende der Welt, der Zivilisation. Eine Szenarie, wie in «Das Herz der Finsternis» von Joseph Conrad …


+++ Das Interview führte Michael Töteberg. Das vollständige Interview finden Sie auf der Seite der Rowohlt Medienagentur.+++

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