11.10.2017   von rowohlt

«Denn es ist alles nicht lang her …»

Tyll Ulenspiegel – die Neuerfindung einer legendären Figur: Daniel Kehlmanns neuer Roman

© Beowulf Sheehan
© Beowulf Sheehan

Tyll Ulenspiegel wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Als sein Vater, ein philosophierender Grübler und Welterforscher, auf grausame Weise stirbt, flieht Tyll gemeinsam mit der Bäckerstochter Nele. Als umherziehender Vagant versucht er, dem drohenden Tod immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Auf ihren  Wegen und Irrwegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum großen Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, Seiltänzer, Possenreißer, Balladensänger und frivolen Provokateur, der eines Tages beschloss, niemals zu sterben.

Über Daniel Kehlmanns «Tyll»


Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung: «Ein Meisterstück (…). Es handelt sich um ein phantastisches Geschichtenbuch, es ist großes Theater, es ist Kino und Dichtung in einem. (…) Wir sehen Daniel Kehlmann auf der Höhe der Kunst.»
Claudio Armbruster, ZDF heute-journal: «Kehlmann ist ein Sprachzauberer … ‹Tyll› ist verdammt großartig.»
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau: «Meisterlich kühl und extrem mitreißend erzählt (…). ‹Tyll›, ein wild unterhaltsames Buch, hat Züge eines Klassikers.»
Jens Jessen, Die Zeit: «Ein großer Spaß.» 
Tilman Spreckelsen, F.A.Z.: «Auch davon handelt dieser Roman, Kehlmanns bislang bester: vom Erinnern und vom heilsamen Vergessen, vom Verschweigen des allzu Furchtbaren (…) Hier sind es die Gestorbenen selbst, die sich bemerkbar machen (…). Dass wir sie nun deutlicher sehen, so deutlich, dass es schmerzt, verdanken wir diesem großen Roman.»
Richard  Kämmerlings, Die Welt: «Kehlmanns Erzählkunst ist immer wieder verblüffend, ist leicht, ist Schein, ist Tanz auf dem Seil in schwindelnder Höhe.»
Sigrid Löffler, SWR 2: «Kehlmann zieht hier das Panorama einer krass mitleidslosen Epoche auf, in der ein Menschenleben nichts gilt und Menschen zuschanden gehen, einfach so. Doch gegen die Härte dieser Welt setzt Kehlmann einen neuen Ton der Achtsamkeit für menschliches Elend. (…) ‹Tyll› ist sicher Daniel Kehlmanns bisher bester Roman.›»
Christoph Bartmann, Süddeutsche Zeitung: «Daniel Kehlmanns ‹Tyll› – detailkundig, sprachmächtig und kunstfertig.»
Volker Weidermann, Der Spiegel:  Ein zu Herzen gehendes, lebensvolles, wundervoll undistanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos. (…) Die Welt, die Kehlmann hier beschreibt, ist grauenvoll. Von ihr zu erzählen, ist fantastisch. (…) Tyll ist Daniel Kehlmanns Sieg über die Geschichte, sein historischer Triumph.»
Nada Weigelt, dpa: «Ein brillantes Gemisch aus Fantasie, profundem Wissen und schrägem Humor.»
Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel: «Beeindruckend ist, wie sicher Kehlmann auf dem historischen Terrain unterwegs ist, wie er scheinbar ohne große Anstrengung und ohne großen Aufwand seine Settings baut. (…) Daniel Kehlmann ist ein versierter literarischer Entertainer, ein durchtriebener überdies. Und vielleicht hat er sich selbst dann und wann in seinem Titelhelden wiedergefunden: Tyll, das bin doch ich!»»
Hartmut Wilmes, Kölnische Rundschau: «‹Tyll› triumphiert – als Meisterwerk eines Menschenschilderers.»
Bernhard Oberreither, Der Standard: «Ein meisterhafter Roman, der trotz seiner Schreckenschroniken den Witz nicht verliert.»


Weshalb viele Rezensenten «Tyll» als Kehlmanns «Meisterstück» bezeichnen und Judith von Sternberg den Roman als Klassiker-verdächtig einstuft, wird vielleicht an einigen dieser sechs Textstellen aus «Tyll» deutlich. Sie bringen einem den Sound, die Sogwirkung dieses sprachmächtigen Werks ins Ohr. Es beginnt mit einem legendären «Schuhtrick» – und endet mit dem Sterben des letzten Drachens des Nordens inmitten der Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges: 

«Der Tyll ist da!»


Schuhe. «Tyll Ulenspiegel über uns drehte sich, langsam und nachlässig – nicht wie einer, der in Gefahr ist, sondern wie einer, der sich neugierig umsieht. Der rechte Fuß stand längs auf dem Seil, der linke quer, die Knie waren ein wenig gebeugt und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Und wir alle, die wir hochsahen, begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden.
‹Zieht eure Schuhe aus!›»


Der Krieg, der Tod. «Und ein gutes Jahr später kam der Krieg doch zu uns. (…) Die Söldner waren hungriger als üblich, und sie hatten noch mehr getrunken. Lange schon hatten sie keine Stadt betreten, die ihnen so viel bot. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnung gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb, als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb, als sie versuchte, Goldmünzen zu verstecken, der Bäcker und der Schmied und der alte Lembke und Moritz Blatt und die meisten anderen Männer starben, als sie versuchten, ihre Frauen zu schützen, und die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.
Martha starb auch. Sie sah noch, wie die Zimmerdecke über ihr sich in rote Hitze verwandelte, sie roch den Qualm, bevor er so fest nach ihr griff, dass sie nichts mehr erkannte, und sie hörte ihre Schwester um Hilfe rufen, während die Zukunft, die sie eben noch gehabt hatte, sich in nichts auflöste: der Mann, den sie nie haben, und die Kinder, die sie nicht großziehen, und die Enkel, denen sie niemals von einem berühmten Spaßmacher an einem Vormittag im Frühling erzählen würde, und die Kinder dieser Enkel, all die Menschen, die es nun doch nicht geben sollte. So schnell geht das, dachte sie, als wäre sie hinter ein großes Geheimnis gekommen.»


Claus und Tyll. «Nicht mehr lange, dann wird er die letzten Lücken geschlossen haben. Dann wird er selbst ein Buch schreiben, in dem alle Antworten stehen, und dann werden die Gelehrten in ihren Universitäten sich wundern und schämen und sich die Haare raufen.
Aber leicht wird das nicht. Seine Hände sind groß, und der dünne Federkiel zerbricht ihm immer wieder zwischen den Fingern. Er wird viel üben müssen, bevor er ein ganzes Buch mit den Spinnenzeichen aus Tinte füllen kann. Aber es muss sein, denn er kann all das, was er herausgefunden hat, nicht für immer im Gedächtnis halten. Es ist schon zu viel, es schmerzt ihn, oft ist ihm schwindlig von all dem Wissen im Kopf.
Vielleicht wird er irgendwann seinem Sohn etwas beibringen können. Er hat gemerkt, dass ihm der Junge beim Essen manchmal zuhört, wider Willen fast und bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Dünn und zu schwach ist er, aber er scheint klug zu sein. Vor kurzem hat Claus ihn dabei ertappt, wie er mit drei Steinen jongliert hat, ganz leicht und ohne Mühe – reiner Unsinn, aber doch auch ein Zeichen, dass das Kind vielleicht nicht so stumpf ist wie die anderen. Neulich hat der Junge ihn gefragt, wie viele Sterne es eigentlich gibt, und da er erst vor kurzem nachgezählt hat, hat er ihm nicht ohne Stolz eine Antwort geben können. Er hofft, dass das Kind, das Agneta trägt, wieder ein Junge wird; mit etwas Glück sogar einer, der kräftiger ist, damit er ihm besser bei der Arbeit hilft, und dem er dann auch etwas beibringen kann.»


Liz und ihr «Winterkönig». «Auf der Bootsfahrt hatte Friedrich an der Reling gelehnt und versucht, sich die Seekrankheit nicht anmerken zu lassen. Ganz kindliche Augen hatte er gehabt, aber er hatte so aufrecht gestanden, wie nur die besten Hofmeister es einem beibringen können. Du bist sicher ein guter Fechter, hatte sie gedacht, und: Du bist nicht hässlich. Mach dir keine Sorgen, hätte sie ihm am liebsten zugeflüstert, ich bin jetzt bei dir.
Und jetzt, so viele Jahre später, konnte er noch immer perfekt dastehen. Was auch geschehen war, wie sehr man ihn erniedrigt und zum Gespött Europas gemacht hatte – aufrecht zu stehen, das vermochte er noch wie zuvor, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, das Kinn erhoben, die Arme auf dem Rücken verschränkt, und auch seine schönen Kälberaugen hatte er noch.
Sie mochte ihren armen König gern. Sie konnte gar nicht anders. All die Jahre hatte sie mit ihm verbracht, ihm mehr Kinder geboren, als sie zählen konnte. Ihn nannte man den Winterkönig, sie die Winterkönigin, ihrer beider Schicksale waren unauflöslich verbunden. Damals auf der Themse hatte sie davon nichts geahnt, da hatte sie bloß gedacht, dass sie dem armen Jungen ein paar Dinge beibringen müsse, denn wenn man miteinander vermählt war, musste man auch miteinander sprechen. Mit dem da konnte das schwierig werden, der hatte von gar nichts eine Ahnung.» 


Hunderte Eimer Blut. «Vom Hradschin aus sah sie es marschieren, und mit kaltem Schrecken wurde ihr klar, dass diese blitzenden Lanzen, diese Schwerter und Hellebarden nicht einfach bloß irgendwelche glänzenden Dinge waren, sondern Klingen. Es waren Messer, geschliffen zu dem einzigen Zweck, Menschenfleisch zu schneiden, Menschenhaut zu durchstoßen und Menschenknochen zu zersplittern. Die Leute, die dort drunten so schön im Gleichschritt gingen, würden diese langen Messer anderen in die Gesichter stoßen, und selbst würden sie Messer in Bäuche und Hälse gestoßen bekommen, und so mancher von ihnen würde von gegossenen Stahlklumpen getroffen werden, die so schnell flogen, dass sie Köpfe abrissen, Glieder zerschmetterten, Bäuche durchschlugen. Und Hunderte Eimer Blut, das noch in diesen Männern floss, würde bald nicht mehr in ihnen sein, es würde verspritzen, verrinnen, schließlich versickern; was machte eigentlich die Erde mit all dem Blut, wusch der Regen es aus, oder war es ein Düngemittel, das besondere Pflanzen wachsen ließ? Ein Arzt hatte ihr gesagt, dass der letzte Samen der Sterbenden kleine Alraunenmännchen zeugte, lebendig zitternde Wurzelwesen, die wie Säuglinge schrien, wenn man sie aus dem Boden zog.»


Das Ende des Drachenzeitalters. «Im selben Jahr starb in der Holsteinischen Ebene der letzte Drache des Nordens. Er war siebzehntausend Jahre alt, und er war es müde, sich zu verstecken.
Also bettete er den Kopf ins Heidekraut, legte den Körper, der sich so vollständig seinem Untergrund anpasste, dass selbst Adler ihn nicht hätten ausmachen können, flach in die Weichheit der Gräser, seufzte und bedauerte kurz, dass es nun vorbei war mit Duft und Blumen und Wind und dass er die Wolken im Sturm nicht mehr sehen würde, nicht den Aufgang der Sonne und nicht die Kurve des Erdschattens auf dem kupferblauen Mond, der ihn immer besonders erfreut hatte.
Er schloss seine vier Augen und brummte noch leise, als er spürte, dass ein Spatz sich auf seine Nase setzte. Es war ihm alles recht, denn er hatte so viel gesehen, aber was mit einem wie ihm nach dem Tod geschehen würde, wusste er noch immer nicht. Seufzend schlief er ein. Sein Leben hatte lang gedauert. Nun war es Zeit, sich zu verwandeln.»

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