23.10.2017   von rowohlt

«Denn das ist alles, was zählt: das Leben»

«Eine kluge, packende Mischung aus Krimi und Zeitgeschichte» (GeoLino) – Philip Kerrs Jugendroman «Friedrich der Große Detektiv»

© Regina Kehn (sämtliche Illustr.)
© Regina Kehn (sämtliche Illustr.)

«Emil und die Detektive» wäre auch dann Friedrichs Lieblingsbuch, wenn der Autor Erich Kästner nicht zufällig sein Nachbar und Freund wäre. Seit er es gelesen hat, träumt er davon, selbst Detektiv zu werden. Mit seinen Freunden, den Zwillingen Albert und Viktoria (die so klug ist, dass sie nur «Doktor» genannt wird), hilft er der Berliner Polizei, im Tiergarten verlorene Gegenstände aufzuspüren. Sein älterer Bruder Rolf dagegen schließt sich den Nazis an und beteiligt sich begeistert an der Bücherverbrennung im Mai 1933. Friedrich muss mit ansehen, wie dort auch Kästners Bücher verbrannt werden. Als dann auch noch ein Mord geschieht, wird ihm schlagartig klar, dass die Zeit der Detektivspiele für immer vorbei ist. 


HörZu: «Ein spannender, hübsch illustrierter Jugendroman mit Haltung, der auch Erwachsene unterhält.» 

«Mir passiert schon nichts»


Friedrich Kissels Vater, der als Kulturredakteur beim großen Berliner Tageblatt (BT) arbeitet, ist ein Freund des berühmten Schriftstellers Erich Kästner. Dessen 1929 erschienenen Roman «Emil und die Detektive», eines der erfolgreichsten deutschen Kinderbücher überhaupt, hat Friedrich bestimmt zwanzig Mal gelesen. Er besitzt  sogar eine signierte Ausgabe – sein ganzer Stolz. Als am 2. Dezember 1931 im Alabama-Lichtspielhaus am Kurfürstendamm, dem schönsten Kino der Stadt, die Filmfassung von Kästners Romans anläuft, sitzt er mit klopfendem Herzen im Publikum. 


Ursprünglich waren sie ein Quartett. Vier Freunde  – jeder bereit, für den anderen durchs Feuer zu gehen.  Leo Hertz, die Knopp-Zwillinge Viktoria und Albert und Friedrich gehen auf dieselbe Schule, das Mommsen-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. Friedrich ist der Anführer der kleinen Gruppe – vermutlich weil er, wenn es drauf ankommt, die besten Ideen hat. «Viktorias Bruder Alfred … schien die Ruhe selbst zu sein. Er gab seiner Schwester gern nach, weil er respektierte, dass sie klüger war als er. Friedrich mochte Viktoria sehr. Sie wiederum bewunderte Leo, der nicht nur schlau war, sondern auch noch sehr gut aussah.»


In Neukölln und im Wedding liefern sich Nazis und Kommunisten schon in den Jahren vor 1933 blutige Straßenschlachten. Das soziale Klima in der Stadt mit den Heerscharen von Arbeitslosen und sozial Entwurzelten wird eisiger und hitziger zugleich. Als Friedrich und Leo sich im KaDeKo, dem Kabarett der Komiker in der Nähe des Lehniner Platzes, ein großes Wandgemälde von Walter Trier, der auf so unvergleichliche Weise Kästners «Emil und die Detektive» illustriert hat, anschauen wollen, lernen sie den Komiker Kurt Robitschek kennen. Der nimmt, während draußen die Braunhemden patrouillieren, kein Blatt vor den Mund – einer wie er weiß, wie schnell aus Spaß und Spott blutiger Ernst werden kann:

«In dieser Stadt kann einen Lachen umbringen»


«Wer viel lacht, riskiert einen frühen Tod. Das meine ich ernst. In dieser Stadt kann einen Lachen umbringen … Dieser Hitler fasziniert mich, wisst ihr. Er hat mir erzählt, wie er seinen Mundgeruch verbergen kann: Er hebt einfach den Arm. All diese Nazis – die sind ganz schön hässlich, was? Himmler wollte sich neulich fotografieren lassen, und der Fotograf hat ihn gebeten, sich zur Wand zu drehen. (…) Aber lasst euch raten: Wiederholt keinen meiner Witze auf dem Spielplatz. Oder vor einem dieser Schlägertypen in braunen Hemden. Verstanden? Wisst ihr, warum die braune Hemden tragen? Damit sie das Blut  nur einmal die Woche rauswaschen müssen. Weil die Nazis nämlich ziemlich schlimm sind. Wenn die je an die Macht kommen, dann werden wir vielleicht nie wieder lachen können. Und das wäre nun wirklich ein Witz.»» 


Am 30. Januar 1933 ernennt Reichpräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Kurz darauf brennt der Reichstag – mit ihm gehen die Überreste der Weimarer Demokratie in Flammen auf. Bist du für oder gegen die Nazis?, das wird zu einer Frage von Leben und Tod. Der Riss geht quer durch Familien – auch durch die von Friedrich. Während seine Eltern wissen, dass Hitler Krieg bedeutet, läuft Bruder Rolf stolz in SS-Uniform herum. Ein naiver Scharfmacher der «deutschen Revolution», fanatisch und verblendet. der auch  nicht davor zurückschreckt, seinem Bruder das Lieblingsbuch wegzunehmen: «Emil und die Detektive».  


Am 10. Mai 1933  brennen am Berliner Opernplatz die Scheiterhaufen; Tausende Bücher werden ein Opfer der Flammen – Bücher von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, von Bertolt Brecht, Arnold und Stefan Zweig, Marieluise Fleißer, Lion Feuchtwanger, Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky Heinrich und Thomas Mann, Joachim Ringelnatz, Anna Seghers, Franz Kafka, Ödön von Horváth und vielen anderen. Erich Kästners «Emil» schleudert Rolf, Friedrichs Bruder, höchstpersönlich in die Flammen.

Man kann ein Buch verbrennen, aber niemals einen Gedanken


Dass Leo Hertz Jude ist, war den Freunden vorher nicht bewusst. Es spielte keine Rolle – nicht für sie, nicht für ihn. Das ändert sich, als die NSDAP auch die Schulen ihrem antisemitischen Regiment unterwirft. Mathematiklehrer Dr. Braun ist ein großer Bewunderer der Nazis; er lässt keine Gelegenheit aus, Leo zu schikanieren und auszugrenzen, mit Sprüchen wie: «Es gibt 66 Millionen Menschen in Deutschland. Unglücklicherweise sind 499000 davon Juden.» Es dauert nicht lange, bis Leo selbst die Konsequenzen zieht: Er steht auf, packt seine Bücher und verlässt ohne ein weiteres Wort das Klassenzimmer. Er wird nie mehr dorthin zurückkehren …


Eines Tages erhält Friedrich ein großes Paket. Absender: Erich Kästner. Darin befindet sich ein Koffer mit fantastischer Detektivausrüstung: Mikroskop, Lupe, Polizeipfeife, Notizblock mit Stift, Schweizer Taschenmesser, Latexhandschuhe, Pinzette, Maßband, Puder für Fingerabdrücke, Voigtländer Faltkamera mit mehreren Rollen Film, Taschenlampe, ein Exemplar des Buches «Kriminalfälle».  Als Friedrich und seine Freunde eines Tages die Leiche des Malers Eduard Ehrlichs finden, fangen sie an, auf eigene Faust zu ermitteln. Dass dieses «Detektivspielen» gefährlich, ja lebensgefährlich sein kann in einem Land, in dem unzählige Menschen von den Nazi-Schergen in den Gefängnissen und Lagern gequält und getötet werden, ist ihnen nicht bewusst …


Philip Kerrs Jugendroman «Friedrich der Große Detektiv» ist eine wunderbare Hommage an Erich Kästner und sein Werk. Wie auch in seinen Krimis um den privaten Ermittler Bernie Gunther lässt Kerr auch hier eine Reihe prominenter Zeitgenossen auftauchen. Neben Kästner u.a. Walter Trier (von dem die Original-Illustrationen für «Emil und die Detektive» stammen), Pastor Dietrich Bonhoeffer (im April 1945 im KZ Flossenbrück ermordet), den Maler Max Liebermann, Rolf Wenkhaus (er verkörpert in der Ufa-Verfilmung von Kästners Erfolgsroman den Emil Tischbein), den homosexuellen Schriftsteller Christopher Isherwood, dessen Buch «Leb wohl, Berlin» unter dem Titel «Cabaret» erfolgreich verfilmt wurde – und Billy Wilder, der als Jude 1933 aus Berlin floh, um als Filmregisseur in Hollywood zu einer Legende zu werden. 

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