05.06.2018   von rowohlt

Abschied von der Welt

«Texte von abgründiger Schönheit»: fünf große Erzählungen aus dem Nachlass von Denis Johnson (1949–2017)

© Cindy Lee Johnson; Coverausschnitt (COME2US/Shutterstock)
© Cindy Lee Johnson; Coverausschnitt (COME2US/Shutterstock)

Im Mai 2017 starb einer der größten Stilisten Amerikas: Denis Johnson. Berühmt wurde er durch seinen Erzählungsband «Jesus' Sohn» (1992) und den mit dem National Book Award ausgezeichneten Vietnamkriegs-Roman «Ein gerader Rauch» (2007). Mit «Die Großzügigkeit der Meerjungfrau» (übersetzt von Bettina Abarbanell) hat er ein letztes fulminantes Buch hinterlassen – fünf längere Geschichtent, Kurzromane fast, über denen der Schatten der Sterblichkeit liegt. Mitte sechzig sind die Erzähler, und immer schauen sie, konfrontiert mit Entfremdung, Einsamkeit, Alter, Sterblichkeit und Tod, zurück. Zurück auf das, wsa ihr Leben war.

Stimmen zu «Die Großzügigkeit der Meerjungfrau»


Rolling Stone: «Fünf geniale Erzählungen …Dieses trotzig-schöne Requiem bietet vielfach Anlass, sich vor Amerikas größtem Ästheten der Gegenwartsliteratur zu verneigen.»
Profil: «Die Texte sind von abgründiger Schönheit, wie das gesamte Werk dieses zu früh verstorbenen literarischen Einzelgängers.»
Der Tagesspiegel: «Ein Großer ist am Werk, dessen Können nie gefeilt oder gesucht wirkt … Seine Prosa atmet die Mühelosigkeit des geborenen Erzählers. (…) Johnson beherrscht die Sprachregister von poetisch bis gnadenlos, von lakonisch bis verschwenderisch.»
Süddeutsche Zeitung: «Denis Johnsons Geschichten können jederzeit für sich selbst stehen, und doch ist in ihnen bei jedem Wort klar, dass hier ein Autor seine letzten Sätze schreibt, seinen Abschied von der Welt.»
WDR: «Was einen bei der Lektüre immer wieder begeistert, ist Denis Johnsons besondere Fähigkeit, zugleich klar und poetisch verdichtet zu formulieren.»
der Freitag: «Als würde Johnson mit der ganzen Wucht und Hingabe, die sein literarisches Werk kennzeichnet, einen Abschiedsgruß voller Leben und inspirierender Ideen schicken.»

«Lieber Satan, ich bin hier, um mich zu ändern oder bei dem Versuch zu sterben»


Als Denis Johnson an diesen Erzählungen schrieb, wusste er, dass er nicht mehr lange leben würde. Tatsächlich ist der Tod in jede dieser Geschichten eingeschrieben – und damit den beiden letzten Werken von Wolfgang Herrndorf nahe, «Arbeit und Struktur» und «Bilder deiner großen Liebe». Anschreiben gegen die Kälte der Gegenwart – das zieht sich durch alle Werke von Denis Johnson. Drogenabstürze, Alkoholexzesse, selbstzerstörerisches Delirium, Balancieren am Rande des Abgrunds – all das, was die radikal anti-heldischen Helden seiner Texte ausmacht, kannte Johnson in seinen Zwanzigern aus eigener Erfahrung nur zu gut. Weil das Leben ist, wie es ist, und weil jedes Leben mit dem Tod endet, dürfen in der Literatur auch ruhig hin und wieder Wesen mit undefinierter Kontur auftauchen, Geisterwesen, Engel – oder eben Meerjungfrauen. 


Beschönigen und Glätten, das war ihm ebenso fremd wie Moralisieren, seine Poetik kommt klar und kompromisslos daher. Seine drei goldenen Regeln des Schreibens: «Schreib nackt, das, was du niemals sagen würdest! Schreib mit Blut, als wäre Tinte so wertvoll, dass du sie nicht verschwenden kannst! Schreib aus dem Exil, als könntest du nie wieder nach Hause zurückkehren und müsstest jedes Detail in Erinnerung rufen!»


«Heute Morgen», heißt es in einer der zehn Miniaturen der titelgebenden Erzählung Die Großzügigkeit der Meeerjungfrau,  «wurde ich von einer solchen Traurigkeit über das Tempo des Lebens übermannt – die lange Wegstrecke, die ich seit meiner Jugend zurückgelegt habe, die anhaltende Reue wegen alter Geschichten, die Reue wegen neuer Geschichten, die Tatsache, dass das Scheitern imstande ist, immer wieder andere Forman anzunehmen …» Was für eine bizarre Situation: Werbefachmann Bill Whitman hat seine besten Jahre hinter sich, er macht sich diesbezüglich keine Illusionen, alles ist ruhiger, seit er mit seiner dritten Frau Elaine von New York nach San Diego gezogen ist. Da erreicht ihn ein Anruf; die Verbindung ist schlecht, eine undeutliche Frauenstimme teilt ihm mit, sie, seine Ex-Frau, liege im Sterben, Krebs. Whitman ist schockiert, stürzt in einen Strudel der Selbstbeschuldigung. Er gesteht alle möglichen Fehler, bedauert Not- und andere Lügen – bis er plötzlich realisiert, gar nicht zu wissen, mit wem er da spricht: Ist es tatsächlich Ginny, seine erste Frau – oder doch seine zweite, Jenny?


In der Erzählung «Starlight» tauchen wir ein in das Erleben eines jungen Mannes, für den sich die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Drinnen und Draußen verwischt hat – weggesperrt fühlt er sich, wo immer er auch ist. Früher war der Ort, an dem er sich jetzt aufhält, ein «Motel der schlechten Träume», nun ist es eine schäbige therapeutische Einrichtung in «Ukiah, in der Achselhöhle Nordkaliforniens». Hier nimmt Cass an einem Entzugsprogramm teilnimmt. Der einzige Weg, sich anderen mitzuteilen, sind Briefe – Briefe an Familienangehörige, an Mitinsassen und Bekannte von früher, aber auch an imaginäre Gegenüber wie den Rolling Stone, Papst Johannes Paul oder den Satan. «Lieber Satan, ich bin hier, um mich zu ändern oder bei dem Versuch zu sterben.» Seinem Bruder beichtet Cass, am Ende, erledigt  zu sein, «fertig fertig fertig»: «Ich bin zu nah an den Rand geraten und rausgeschleudert worden.»


Der Glaube an Happy Ends war ihm nicht gegeben. «Weshalb sollen meine Bücher gut ausgehen? Das Leben geht doch auch nicht gut aus. Wir altern, unsere Freunde sterben, und am Ende müssen wir selbst dran glauben. Was ist daran positiv?» So sah Denis Johnson das. In seinem Todesjahr 2017 erhielt er posthum den Library of Congress Prize for American Fiction für sein Gesamtwerk. Nicht nur Jonathan Franzen verbeugt sich vor dem großen Kollegen: «Der Gott, an den ich glauben möchte, hat eine Stimme und einen Humor wie Denis Johnson.»

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