14.11.2017   von rowohlt

«Den Pferden ist es vollkommen egal, dass ich im Rolli sitze»

Grenzen gibt es nur im Kopf: Was wir vom Pferdemediator Timo Ameruoso lernen können

© timo-ameruoso.de; Jürgen Tap, HOCH ZWEI Hamburg
© timo-ameruoso.de; Jürgen Tap, HOCH ZWEI Hamburg

Vor Timo Ameruoso lag eine vielversprechende Karriere als professioneller Springreiter, bis ihn ein tragischer Unfall mit 16 Jahren in den Rollstuhl zwang. Was ihn rettete, war seine Liebe zu Pferden und der Wunsch, wieder reiten zu können. Timo begann, sich intensiv mit dem Wesen der Pferde zu beschäftigen, und entdeckte dabei viele Parallelen zwischen ihnen und uns Menschen. In diesem Buch erzählt er anhand seiner eigenen Geschichte, wie es gelingen kann, trotz schwerster Schicksalsschläge seinen Weg zu gehen, um langfristig erfolgreich und glücklich zu werden – und zu bleiben.

«Das war es also gewesen, mein Leben»


Es ist der 19. Mai 1995. Timo Ameruoso ist sechzehn; in sechs Wochen wird er mit der Schule fertig sein und eine Tischlerlehre anfangen. Als er nach einem fatalen Sturz mit seiner schicken schwarzen Vespa auf dem Asphalt liegt, weiß er sofort, dass «etwas Unvorstellbares» passiert ist. (Dem Mädchen, das mit ihm auf der Vespa saß, ist wie durch ein Wunder nichts Ernsthaftes passiert.) Wenig später wird die Ahnung zur bitteren Gewissheit: Er wird für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen. Schlimm für jeden, dem das zustößt. Aber unerträglich schlimm für einen wie Timo Ameruoso, der von Kindesbeinen an geritten ist und der hohe sportliche Ziele mit seinen Springpferden verfolgte. Von einem auf den anderen Moment ist diese Perspektive zerschmettert: Querschnittslähmung – Komplettlähmung ab dem achten Brustwirbel. 


Der erste Gedanke nach dem Unfall: «Ich sterbe.» Der zweite: «Das war es also gewesen, mein Leben.» Aber so schnell geht das Leben nicht vorbei. Ein halbes Jahr liegt er im Krankenhaus, bis er nach Hause zurück kann, drei Wochen vor Weihnachten. Vier Jahre später der nächste Schlag – weil er verbissen an seinem Traum, eines Tages bei den Paralympics zu starten, festhält: An einem glühend heißen Tag stürzt er beim Training in Biebesheim von seinem Springpferd Pascal. Die Folge: Erinnerungslücken, Kreislaufkollaps, Koma. «Zehn Tage schwebte ich in der Welt zwischen Leben und Tod. Es ging mir so schlecht, dass die Ärzte meinen Eltern wenig Hoffnung machten. Atemstillstand, zwei Herzstillstände – offenbar wollte ich mich von dieser Erde verabschieden.» Aber auch das ist noch lange nicht das Ende. Es ist der Anfang von etwas, das Ameruoso viele Jahre später zu dem werden lässt, der er heute ist: ein froher, mit sich und seinem Leben zufriedener Mensch.

Egal, ob richtig oder falsch: Mach was! Beweg dich!


Bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg. In seinem erlernten Beruf als technischer Bauzeichner wird er gemobbt; die Kraft, in seinem Büro aufzuhören, findet er nicht bzw. erst nach fünfzehn Jahren. Den klugen Rat eines Psychologen – «Timo, du musst jetzt lernen, dass du kein großer Bär, sondern nur ein kleiner Bär bist» – kann er nicht akzeptieren, dafür ist es noch zu früh. Auf Ameruoso wartet ein tiefes Tal der Depression. Hektischer Aktionismus, Ratlosigkeit, Lebensüberdruss. Rückschläge – und Irrwege. Ohne auch nur einen Hauch esoterisch gestimmt zu sein, konsultiert er zum Beispiel irgendwann eine Magierin, um sich von den auf ihm liegenden «Flüchen» zu befreien: Bezahlung pro «beseitigtem Fluch», versteht sich. Ein Fluch wäre noch erschwinglich gewesen; blöd, dass bei ihm gleich sieben Verwünschungen weggedingst werden mussten. Resultat: nichts, außer: Geld weg.


Es wird lange dauern, bis er endlich sagen kann: Das ist mein Lebenssinn, deshalb bin ich auf der Welt. Dafür lernen seine Pferde Pascal (ein Haflinger-Connemara-Mix) und Paolo (und auch Anton, der «halbblinde Zwerg» – ein nur neunzig Zentimeter hohes Shetland-Pony) Unglaubliches. An ihnen und mit ihnen demonstriert er das, was Menschen im Umgang mit dem Vierbeiner lernen müssen: Innere Kraft aufzubauen, um das Pferd zu führen. In den Herden dominiert in der Regel eine erfahrene, ältere Leitstute. «Aufgrund dieser Herdendynamik kommt es für uns bei der Arbeit mit einem Pferd immer darauf an, dass wir Tempo und Richtung bestimmen, wir müssen also die Position der Alphastute übernehmen. Das ist nicht undemokratisch oder grausam, sondern entspricht der natürlichen Struktur einer Herde.»


«Anton und Paolo haben mich gelehrt, nicht dem ersten Anschein zu trauen, sondern abzuwarten und Raum für Entwicklung zu schaffen. Sie haben mich dazu gebracht, ihnen mit Liebe und Geduld zu begegnen, nichts zu erwarten und trotzdem die Hoffnung nicht aufzugeben. Beide haben mich belohnt. Sie haben sich wunderbar entwickelt, jeder nach seinen Möglichkeiten.»

«Bleibt tapfer und haut rein!»


«Zum Aufgeben ist es zu spät» ist ein Buch für alle, die leidenschaftlich gern reiten. Von Ameruosos Ansatz des autodynamischen Reflexionsprinzips kann vermutlich jeder, der Zeit mit Pferden verbringt, eine Menge lernen. Es gibt keine Geheimformel – es sind, so Ameruoso, «nur» einige  Dinge, die man im Umgang mit Pferden lernen muss: 1. Sich fokussieren. 2. Sein Ego erkennen. 3. Durchhaltevermögen entwickeln. 4. Auf das richtige Timing achten. 5. Im Hier und Jetzt sein.


Was so klar und einfach klingt, ist mit immens viel Arbeit verbunden: Arbeit mit dem Pferd, Arbeit an sich selbst. Das gilt in erster Linie für Timo Ameruoso selbst. Benötigte er früher eine Rampe oder andere Hilfsmittel, um aus dem Rolli auf den Rücken des Pferdes zu kommen, schafft er es heute, dass Paolo sich hinlegt und ihm so ermöglicht, auf seinen Rücken zu gleiten – und gemeinsam aufzustehen. Das Training dafür dauerte sage und schreibe vier Jahre: zwei Jahre fürs Hinlegen, zwei Jahre fürs kontrollierte Aufsitzen. Als der Hessische Rundfunk im Juli 2015 einen Beitrag über ihn und Paolos «Superkunststück» zeigt, gehen die Zugriffe auf den Facebook-Beitrag des HR durch die Decke. Nach wenigen Tagen hatten mehrere Millionen  Menschen den Film angeklickt.


Allen, die Pferde lieben, ist Timo Ameruosos Buch ans Herz gelegt. Aber es geht um mehr.  «Zum Aufgeben ist es zu spät» zeigt uns einen Menschen, der körperlich und seelisch am Ende war. Der nicht mehr konnte und nicht mehr wollte. Der dann sein Schicksal in beide Hände nahm und beruflich wie privat einen Neustart wagte. Es sind die Tage mit Freundin Gloria in Palo del Colle, dem Heimatort seines Vaters in Apulien («seit meinen Kindheitstagen mein Paradies auf Erden»), die endlich Klarheit in sein Leben bringen. 


Ameruoso weiß jetzt, was er will – und welche Herausforderung vor ihm liegt. Er wird sich mit einer eigenen Firma selbständig machen, professionell Pferdetrainings und Coachings anbieten, als Speaker Führungskräfte schulen. Und er wird endlich mit aller Kraft an der Entwicklung pferdefreundlicher Halfter, Zügel usw. arbeiten: ein Anliegen, das ihn lange schon umtreibt. Er weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist. Die Zweifel, ob er das durchhält, quälen ihn nicht mehr. Weil er gelernt hat, dass es gar nicht ums Durchhalten geht, sondern ums Weitermachen. Und um den Mut, Neues zu wagen.

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