12.10.2017   von rowohlt

«Den Menschen und dem Leben zugewandt»

Sylke Tempel ist tot. Zu ihren wichtigsten Werken zählt die Biografie der Widerstandskämpferin Freya von Moltke

© Marco Limberg
© Marco Limberg

Sie zählt zu den Opfern des Orkans «Xavier»: Am 5. Oktober 2017 wurde Sylke Tempel in Berlin-Tegel von einem umstürzenden Baum getroffen. Als Chefredakteurin der Fachzeitschrift Internationale Politik und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik zählte die 1964 in Bayreuth geborene Journalistin und Wissenschaftlerin zu den wichtigsten deutschen Stimmen, wenn es um internationale Politik ging. Sylke Tempel veröffentlichte sechs Bücher in den Rowohlt Verlagen, darunter «Israel. Reise durch ein altes neues Land» (2008), «Die Tagesschau: Das große Deutschlandbuch» und die Freya-von-Moltke-Biografie (2011).

Aus den Nachrufen


Shimon Stein, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland: «Deutschland, Israel, Amerika: Das war das Dreieck ihrer geistigen und emotionalen Heimat. (…) Wenn es um Israel ging, scheute sie in der deutschen Öffentlichkeit keine Auseinandersetzung. Sie hatte auch keine Scheu, sich damit unbeliebt zu machen, sondern stand zu ihrer Meinung und zu ihren Überzeugungen. Jeder, der sie kannte, war beeindruckt von ihrem Intellekt, ihrem Charme und ihrem breiten Wissen. Und von ihrer Lebensfreude, ihrem Witz.»
Der Spiegel: «Tempel vereinte die Souveränität einer Weitgereisten mit dem wachen Blick einr Analystin, die verstand, dass die Interessen von Staaten die Politik bestimmen, aber eines immer gleich bleibt: das Interesse der meisten Menschen, die in Frieden leben und ihre Kinder großziehen wollen, gleich ob Christen, Muslime oder Juden.»
Steffen Seibert, Regierungssprecher: «Die Nachricht vom Tod Sylke Tempels macht uns tief traurig. Ihr kluges Urteil in der Außenpolitik wird uns fehlen.»
taz. die tageszeitung: «Sie war eine eloquente und engagierte Welterklärerin. Deswegen arbeitete sie auch so gern mit jungen Leuten, unterrichtete an der Berliner Außenstelle der Stanford University und hat eine ganze Reihe von Jugendbüchern geschrieben. (…) Sylke Tempel kannte sich in Nahost, Europa und den USA sehr gut aus, aber ihre eigentliche Stärke lag darin, über den Tellerrand regionalen Expertentums hinausblicken zu können – eine seltene Eigenschaft unter Journalisten und Wissenschaftlern. Sie zeichnete sich außerdem dadurch aus, dass sie ein untrügliches Gefühl dafür hatte, was richtig und was falsch ist.»


Zu Sylke Tempels wichtigsten Veröffentlichungen zählt die große Biografie der Widerstandskämpferin Freya von Moltke:

«Miteinander leben zu lernen»


Freya von Moltke zählte zu den herausragenden Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus; gemeinsam mit ihrem Mann Helmuth James bildete sie den Kern des berühmten «Kreisauer Kreises». «Als sie und ihre beiden Söhne Kreisau wenige Monate nach seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945 verlassen müssen, hat sie nicht das Gefühl, alles verloren zu haben. Vielmehr nimmt sie, wie sie später sagt, einen Schatz mit sich, den ihr keiner mehr nehmen kann: die Erinnerung an ein ‹gutes Leben mit meinem Mann›, an vier Monate innigen Abschieds und dazu über tausend Briefe, die Helmuth ihr seit dem Sommer 1929 bis zu seinem Tod geschrieben hat. Lange hat es gedauert, bis man in Deutschland diesen Schatz zur Kenntnis nehmen wollte.»


Pfingsten 1942. Auf Gut Kreisau, südwestlich von Breslau, treffen nach und nach die Gäste ein. Harmlose Sommerbesucher sind es allem Anschein nach, katholische und evangelische Priester, Gewerkschafter, Professoren, Beamte aus Reichsstellen der Hauptstadt Berlin. Man nascht am Mohnstollen der Hausherrin, genießt die schlesische Landschaft, macht Spaziergänge. Und man redet über das, was in diesen Tagen für die meisten Deutschen unvorstellbar und für den Großteil von ihnen auch nicht erstrebenswert scheint: Wie könnte eine Zukunft Deutschlands ohne Nazis aussehen?


Die Gastgeber sind Helmuth James von Moltke und seine Frau Freya, die Tochter eines Kölner Bankiers. Sie wissen, worauf sie sich eingelassen haben, als sie den «Kreisauer Kreis» ins Leben riefen: Man nennt es Hochverrat. Nicht ganz drei Jahre später, am 23. Januar 1945, wird Helmuth mit seinem Leben dafür bezahlen. Als er im Konzentrationslager Ravensbrück und im Todestrakt von Tegel auf das Ende wartet, haben Freya und ihr Mann vier Monate Zeit, voneinander Abschied zu nehmen. Er schreibt ihr Hunderte von Briefen, sie bekräftigt ihn bis zuletzt in der Überzeugung, das Richtige getan zu haben. «Nur wir zusammen sind ein Mensch. Wir sind ein Schöpfungsgedanke», lautet der letzte Satz, den er ihr hinterlässt.


Sylke Tempels Buch ist das anrührende Zeugnis einer großen Liebe und das Porträt einer unerschütterlichen und warmherzigen Frau. Gleichzeitig aber zeichnet es ein beklemmendes Bild des Alltags in der Nazizeit, als jeder Mensch mit Gewissen sich tagtäglich neu fragen musste: Wie verhalte ich mich zum Regime zu und den Gräueln, die es anrichtet? Wie kann meine Unterstützung für Juden oder Oppositionelle aussehen, ohne dass ich gleich selbst weggesperrt werde? Kurz: Wie bewahre ich Haltung unter lauter Spitzeln, Mitläufern und Henkern?


Nach dem Krieg zog Freya von Moltke mit ihren beiden Söhnen nach Südafrika, anschließend nach Vermont. Später, schon über achtzig Jahre alt, arbeitete sie mit nicht nachlassender Energie an der deutsch-polnischen Aussöhnung, ehe sie am Neujahrstag 2010 starb, fast 99 Jahre alt.                                 


(Mit Material aus der  Rowohlt Revue 91, Autor: Thilo Vonderheide)


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