09.10.2018   von rowohlt

Fünf Menschen auf der Suche nach dem Glück

Eine Geschichte, irgendwo zwischen Patricia Highsmith und Hitchcocks «Fenster zum Hof», spannungsreich und literarisch raffiniert

© Nodar Ladaria
© Nodar Ladaria

Davit Gabunia ist einer der wichtigsten Autoren der Gegenwartsliteratur Georgiens, Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Mehrfach wurde er mit den bedeutendsten Theaterpreisen seines Landes ausgezeichnet. «Farben der Nacht», Gabunias Debütroman, spielt in Tiflis, im Sommer 2012: Surab, glücklicher Vater und weniger glücklicher Hausmann, hat seine Arbeit verloren. Deshalb bleibt ihm viel Zeit, seinen neuen Nachbarn zu beobachten, den auffälligen jungen Mann mit dem roten Alfa Romeo, der so offenkundig eine Affäre mit einem anderen Mann hat. Schnell gerät Surab in den Bann des fremden Lebens. Doch dann beobachtet er einen furchtbaren Streit mit furchtbaren Folgen – und sieht seine Chance, wieder für seine Familie sorgen zu können …

Seit 1991 ist die ehemalige Sowjetrepublik Georgien unabhängig. Dass das Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien eine facettenreiche Literatur zu bieten hat, davon kann man sich in diesen Oktobertagen 2018 bei der Frankfurter Buchmesse ein Bild machen. Rund 150 Bücher erscheinen jetzt aus Anlass des Frankfurter Gastauftritts Georgiens. Nach siebzig Jahren als Teil des Sowjetimperiums, nach Bürgerkrieg und massiver Wirtschaftskrise liegen die Themen für junge Künstler und Literaten in Georgien quasi auf der Straße: der Machtwechsel von 2012 in Tiflis, Armut und Arbeitslosigkeit, Homophobie und die Geringschätzung von Frauen – Georgien, ein Land zwischen Tradition und Aufbruch nach Europa.


«Das große Ding für mich ist das Aufbrechen von Geschlechterrollen», sagt Gabunia im Interview mit der Berliner Zeitung. «Die Männlichkeit fühlt sich dadurch bedroht. Ich meine die Männlichkeit in einem patriarchalen Sinn, diese traditionelle, brutale, machohafte Männlichkeit, die besagt, dass der Mann der Kopf und der Ernährer der Familie ist. Diese Art von männlicher Identität zerbricht gerade. Und das wollte ich zeigen, nicht als Katastrophe, sondern indem ganz normale Leute etwas Außergewöhnliches tun. So wie bei Fassbinder, den ich anbete.»


Wir haben Davit Gabunia gebeten, uns einige Fragen zu Politik und Literatur in seinem Heimatland zu beantworten.

DAS INTERVIEW


Sie sind einer der Autoren, die im Oktober Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse repräsentieren. Was überwiegt: die Vorfreude oder die Befürchtung, dass die Tage in Frankfurt sehr anstrengend sein werden?

Ich habe mal ein Interview mit Rainer Werner Fassbinder gelesen, in welchem er auf die Frage nach der irrsinnigen Menge an Arbeit sagt, schlafen könne er immer noch, wenn er tot sei. Also möchte ich mich nicht über zu viel Stress beklagen – die Frankfurter Buchmesse ist in diesem Jahr eine so einzigartige Gelegenheit für die georgische Literatur, dass man sie auf keinen Fall verpassen sollte. Neben der Vorstellung meines eigenen Buches habe ich viel zu tun mit der generellen Präsentation von georgischer Literatur. Wenn alles vorbei sein wird Ende Oktober, werde ich «tot sein». Dann kann ich zu meinem zweiten Roman und meiner Katze zurückkehren.


«Farben der Nacht» spielt im August und September 2012, einem historisch bedeutsamen Moment in der Geschichte Ihres Landes – kurz vor den Massenprotesten anlässlich der Parlamentswahl. Hat sich seitdem viel in Georgien verändert?
Als der Roman 2016/2017 geschrieben wurde und ich die Gelegenheit hatte, auf die Ereignisse von 2012 zurückzublicken, habe ich versucht zu sagen, dass die Veränderungen von damals nicht besonders viel gesellschaftlichen Fortschritt gebracht haben. Es gibt ein Lieblingsmotiv, das in all meinen Texten immer wieder vorkommt: Eine Person, die reglos dasteht, ohne sich an der Bewegung um sie herum zu beteiligen. Wir stehen da und schauen zu, wie das Leben an uns vorbeizieht – wir sind Fremde im eigenen Leben, unbeteiligte Zuschauer von außen. Für mich ist das keine bewusste Entscheidung, über all das zu schreiben, also politische oder soziale Prozesse so direkt zu beschreiben; aber diese Themen schleichen sich immer wieder in meine Texte hinein – einfach nur weil ich über Georgien schreibe, in georgischer Sprache.


Georgien gilt als ein ziemlich armes Land. Wie schwer ist es, als freier Schriftsteller und Theaterautor dort einigermaßen über die Runden zu kommen?
Absolut richtig, Georgien IST ein armes Land, mit einer wackeligen Wirtschaft. Der Buchmarkt entwickelt sich sehr langsam, und bis jetzt ist es kaum möglich, vom Schreiben allein zu leben. Alle von uns – alle Autoren – müssen zusätzlich zu ihrer literarischen Arbeit noch einen anderen Job haben. Für mich sind das die dramaturgische Arbeit im Theater, Übersetzungen, Lektorate, Unterricht etc. Na ja, glücklicherweise sind alle diese Betätigungen recht nah dran an der Literatur. Sie sehen also, die georgische Sprache ist für Schriftsteller Segen und Fluch zugleich – von weniger als 4 Millionen Menschen gesprochen und gelesen zu werden gibt dir nicht besonders viele Möglichkeiten, deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber gleichzeitig ist das Georgische auch eine sehr besondere Sprache, mit so vielen Zweideutigkeiten, Dialekten, extrem flexiblen Verben ... Also schreiben wir alle weiter – auch wenn es sich manchmal mehr wie ein Hobby anfühlt.


Gescheiterte Lebensentwürfe, Armut, Korruption, Homophobie – in Ihren Texten geht es immer auch um das Politische im Privaten. Zeichnet diese Verquickung generell die zeitgenössische Literatur Georgiens aus?
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat der Geist von Freiheit und einer Umgebung ohne Zensur für georgische Schriftsteller eine Menge neuer Möglichkeiten eröffnet, um politisch klarer, direkter zu werden; ganz neue Themen begannen auf einmal «aufzupoppen». Sehr glücklich macht mich, dass immer mehr Frauen in der georgischen Gegenwartsliteratur auftauchen. Die jüngsten Entwicklungen haben auch Platz für queere Stimmen gemacht. Ich für mich empfinde mich nicht direkt als politischen Autor, aber ich glaube schon, dass das Persönliche politisch ist. Das ist eine Formulierung, die ich liebend gern selbst geschrieben hätte – aber das haben clevere und mutige Frauen lange vor meiner Geburt getan.


Bei Wikipedia stößt man bei der Suche nach «Gabunia» sofort auf einen georgischen Komponisten und Pianisten (Nodar G.) – und sogar auf einen anderen David (mit -d!) Gabunia, den Sänger der Band Vitamin. Kann es sein, dass Sie einen in Ihrer Heimat sehr häufigen Name tragen?
Es gibt 5626 Gabunias und 93019 Davit/Davids (phonetische Abwandlungen des gleichen Namens) in Georgien. Ich bin kein Freak, der solche Zahlen auswendig kennt – ich hab sie einfach gegoogelt.

Farben der Nacht

Farben der Nacht

Surab, glücklicher Vater und weniger glücklicher Hausmann – er hat seine Arbeit verloren –, bekommt einen neuen Nachbarn. Gelangweilt beginnt er, den auffälligen jungen Mann mit dem roten Alfa Romeo zu beobachten – und gerät schnell in den Bann des fremden Lebens. Bald weiß Surab immer mehr über den anderen, auch über die Besuche seines Liebhabers, ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 192
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0041-0
21.08.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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