05.12.2016   von rowohlt

Ritualmörder im Piemont

«Ein melancholisch-philosophischer Krimi, gepaart mit modernem Bergroman: düster, ungewöhnlich – und ungewöhnlich gut.» (WDR 2)

© iStockphoto.com
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Für einen winzigen Augenblick setzt Corso Bramards Herzschlag aus, als er den Brief öffnet und die letzten Zeilen aus Leonard Cohens Song «Story of Isaac» liest. Es ist die dreizehnte Nachricht in den letzten zwanzig Jahren – Briefe, in denen Bramard an den Tag erinnert wird, als seine Frau Michelle bestialisch ermordet wurde und seine kleine Tochter Martina für immer verschwand. Damals quittierte er den Dienst als Kriminalkommissar, um in seinem Elternhaus in der schroffen Bergwelt Piemonts ins Vergessen zu flüchten. Um an seinem leer gewordenen Leben nicht wahnsinnig zu werden. Oder den Ritualmörder nach all den Jahren doch noch zur Strecke zu bringen ...

Stimmen zum Buch


Die Welt: «Mörderisch gut geschrieben. Der Fall Bramard ist der mit einiger Sicherheit am schönsten geschriebene Thriller des (bisherigen) Jahres.»
Deutschlandradio Kultur: «Longo schafft es durch ein geschicktes Spiel von Zeigen und Verbergen, den Leser in den Bann zu schlagen. Bis zum Schluss entwirft man Hypothese um Hypothese. Doch dann entwirren sich die Fäden und man will nur eines: das Buch noch einmal lesen.»

Endlich eine Spur – nach zwanzig endlosen Jahren


Kommissar Arcadipane würde seinem geschätzten Kollegen von einst, der sich im Piemont als Teilzeitlehrer an einer Dorfschule mehr schlecht als recht durchschlägt, am liebsten die Beschäftigung mit dem alten Fall verbieten. Weil die alte Geschichte Bramard auffrisst, weil sie ihn zu einem immer verschlosseneren Menschen macht – und weil Arcadipane keine Chance sieht, nach so langen Jahren noch die Ritualmordserie aufzuklären.


Die entführten Opfer waren grausam zugerichtet worden. Der Rücken mit tiefen Schnitten gezeichnet, fünf Zehen abgetrennt, die Kehle durchgeschnitten, die abgeschnittenen Haare ringsum verstreut. Keine Drogen, keine sexuelle Gewalt, keinerlei Fingerabdruck oder Spuren von DNA. Alle Frauen waren groß, schlank, zwischen 25 und 30.


Aber dieses Mal, mit den letzten Zeilen von Cohens «Story of Isaac», liefert der Mörder Bramard eine Spur frei Haus: ein einzelnes Haar. Es führt ihn zurück zum ersten Opfer – der einzigen Frau, die der Täter am Leben ließ: Clara Pontremoli. Der Frau, die seither im Cottolengo, einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung, dahinvegetiert. Und die regelmäßig Besuch von einem distinguierten Herrn erhält, der niemand anders als der Gesuchte sein kann: Autunnale, wie er in den Polizeiakten genannt wird …


Dass kein 08/15-Krimineller hinter den Ritualmorden steckt, war Bramard schon bewusst, bevor Michelle und Martina aus seinem Leben gerissen wurden. Dass ihn seine mit der coolen Jungpolizistin Isa geführten Ermittlungen nach zwanzig endlosen, verzweifelten Jahren mitten hinein in moralisch degenerierte Kreise der High Society mit einem irritierenden Faible für japanische Kunst führen würden, damit hat auch er nicht gerechnet ...

Die schlafenden Schönen


Davide Longo gilt als derzeit aufregendster Schriftsteller Italiens – einer der feinsten Stilisten seiner Generation. «Der Fall Bramard» ist Longos erster Kriminalroman: brillant komponiert, in einer wundersam kargen, melancholisch-poetischen Sprache – mit einem Finale, das man so schnell nicht vergisst.


Longo bezieht sich ausdrücklich auf einen berühmten Text von Yasunari Kawabata: «Die schlafenden Schönen» (1960/61). Hier – wie auch in anderen Romanen des japanischen Literaturnobelpreisträgers von 1968 – geht es um das Verhältnis von Schönheit und Trauer, von Unschuld und Gewalt, von Genuss und moralischer Enthemmtheit. Bramard ist überzeugt, dass es einen «Dreh- und Angelpunkt in jedem Leben gibt, der Augenblick, von dem man dachte, etwas zu sein, was man danach nie mehr sein wird. Das Ende der Unschuld.»


«In seinem Fall war es nicht so gewesen, wie alle glaubten. Nicht Michelles Tod, nicht die vergebliche Suche nach Martina, nicht die Einsamkeit, der Verlust seiner Arbeit und schließlich der Alkohol hatten ihn zu dem Mann gemacht, der er jetzt war … Bei ihm war es das Öffnen der Tür zu dieser Hütte gewesen, in der er Schönheit entdeckt hatte dort, wo der Mensch, der er zu sein glaubte, nur Grauen hätte sehen können.»

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