12.04.2018   von rowohlt

«Das Töten gehört, wie der Tod, zu unserer Natur»

«Wir sagen: ‹Wir lieben die Natur› – aber was heißt das schon?» Ein Interview mit der Autorin und Jägerin Antje Joel

© Steve Wisbauer/Getty Images
© Steve Wisbauer/Getty Images

Die Autorin und preisgekrönte Reporterin Antje Joel erzählt von einer ungewöhnlichen Passion: der Jagd. Stundenlang liegt sie als Kind vor Kaninchenbauten auf der Lauer, mit sechzehn geht sie das erste Mal zur Jagd – eine lebenslange Faszination ist geweckt. Als ihre beste Freundin, eine Försterin, sich viele Jahre später das Leben nimmt, ist Joel tief erschüttert. Sie erkennt: Der Tod ist uns immer näher, als wir glauben. Und: Sie will sich den eigenen Dämonen stellen. Im Jagdkurs geht sie der gemeinsamen Leidenschaft für die Jagd, die Tiere, die Natur und die Wildnis nach. Sie kundschaftet den schmalen Grat aus zwischen Leben und Tod, zwischen Macht und Ohnmacht, und spürt dem sensiblen Gleichgewicht der Natur nach. Dabei geht sie an ihre Grenzen – und noch darüber hinaus.

DAS INTERVIEW


«Jagd» ist ein Buch, an dem man sich reibt, weil es mit seinen Ansichten über Leben und Tod, über Jagd und Jäger, provoziert. Weil es nicht zulässt, sich in seine Komfortzone zurückzuziehen – «ein schönes Steak, gerne, aber Tiere töten? Niemals!» So, wie Sie schreiben, direkt und unverblümt: Welchen Leser-Reaktionen erwartet man da?
Wenn man sich die Rambo-Reaktionen der Leute zu allen möglichen Themen heute so anschaut, dann erwartet man selbstverständlich nur die schlimmsten! Es gibt doch kaum noch einen Diskurs über irgendwas. Stattdessen: immer mehr, immer lauteres Gebrüll. Eine Meinung darf man nur noch haben, wenn sie der Meinung der Mehrheit entspricht. Sonst hält man, wenn einem das Leben lieb ist, besser die Klappe. In unserem irren Bestreben um Harmonie schlagen wir alles kurz und klein. Und wenn es um Tiere geht, gilt nichts mehr als diese Pillepalle-Regel: Wer Tiere liebhat, ist per se ein feiner Typ.
Und wie das Liebhaben auszusehen hat, auch dafür gibt es strikte Regeln. Der Hund, der sein Leben mit Leckerli und Hundebier auf dem Sofa verbringt, beispielsweise, könnte es in unserer Vorstellung gar nicht besser haben. Tatsächlich stirbt er an schlechter Ernährung und vor Langeweile. Ein Hund, der zwei Menschen totgebissen hat, soll, statt eingeschläfert zu werden, eine «zweite Chance in einem liebevollen Zuhause erhalten». Damit auch er seinen inneren Sofa-Hund entdeckt. Wenigstens aber bitte soll er in einem Hochsicherheitstrakt «weiterleben» dürfen. Alles ist besser als der Tod! 
Wirklich? Dass der Hund ein Hund ist, mit Hundebedürfnissen, haben wir über unserem eigenen Bedürfnis, was der Hund sein soll, vergessen. Gleiches gilt für den Rest der Natur und unsere wahnsinnige Liebe zu ihr. In Wirklichkeit geht es uns gar nicht um den Hund oder die Natur, es geht immer nur um uns. 


Man muss nicht Vegetarier oder Veganer sein, um beim Thema Jagd und Töten ein kribbelndes Unbehagen zu verspüren. Sie schreiben an einer Stelle (es geht um ein Huhn, dem der Kopf mit einem Axthieb abgetrennt wird): «War das ein erstes Aufflackern meiner ‹Lust am Töten›? Oder war es der Widerschein meiner aus Todesangst geborenen, ewigen Faszination für den Tod?» Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?
Ich glaube, es ist eine Kombination aus beidem. Es ist ja oft so, dass, was einem die größte Angst macht, am meisten fasziniert. Ob das gesund ist, kann ich nicht sagen. Wenigstens halte ich es für normal. 


Katholizismus, Buddhismus, Indianerglauben, Feng-Shui, «es gibt so viele Krücken, die sich uns anbieten, auf ihnen durchs Leben zu hinken». Hat Ihnen, nach dem Abschied von allen spirituellen Tröstungen, die Jagd in freier Natur «auf der Suche nach dem Weg zu uns selbst» etwas Substantielles geboten?
Für mich liegt der viel und so oft vergebens gesuchte „Sinn des Lebens“ darin, zu erkennen, dass es einen solchen übergeordneten Sinn nicht gibt. Und trotzdem glücklich zu sein. Vor diesem Hintergrund ist das Durch-den-Wald-Streifen, jenseits (fast) aller materiellen und bitte auch spirituellen Anforderungen, mit nichts weiter befasst als dem Augenblicklichen, eine tolle und tröstliche Sache. 


Wären Sie so freundlich, all denen, die weder Ihr noch ein anderes Jagdbuch gelesen haben, anhand einiger Beispiele die «Schönheiten der Jägersprache» (die ja im Kern ziemlich bizarr ist) vorzuführen? (Man wundert sich, dass die Deutsch-Rapper diesen Spezialslang noch nicht für ihre Zwecke entdeckt haben …)
Die Jägersprache dient, wie alle kodierten Spezialsprachen, natürlich in erster Linie der Abgrenzung vom gemeinen Fußvolk. So, wie man sich früher als Kind eine coole Gemeinsprache ausgedacht hat, die nur der beste Kumpel verstand. Sicher hat das auch dort zu einiger unfreiwilliger Komik geführt. Nur hatte man eben das Glück, dass man dem Kauderwelsch-Alter entwuchs. Und dass die Sprachschöpfungen auch sonst nicht zur «Veröffentlichung» im weitesten Sinne fanden. 
Jäger-Rap – das ist allerdings eine vorzügliche Idee, der ich mit ein paar Vokabeln hier gern Vorschub leisten will. Am ehesten bieten sich hier wohl die Bezeichnungen der Geschlechtsorgane (des Wildes) an. Als da wären: die Vagina des Rehs, das Feuchtblatt. Der Penis des Hirsches, die Brunftrute. Die Hoden des Wildschweins: Klötze. Ein den «Schnepfenstrich» diskutierender Jäger ist darum noch kein Sexist. Er spricht lediglich vom Paarungsflug der Schnepfen(-Vögel). Und der dem Fußvolk geläufige Begriff für «Passwort» («Losung»), bedeutet dem Jäger «Scheiße». Ob sich aus all dem ein Lied basteln lässt? Wir wollen es hoffen. 


Zu den großartigsten Teilen Ihres Buches zählt für mich die Schilderung jenes Tages, als Sie mit dem Wolfs-Trapper Robert und dessen Tochter Marilyn auf Schneemobilen hoch oberhalb des Saint Joe River dahinrasten – und Sie dann in abstürzten, ein Unfall der Marke «Mehr Glück als Verstand». War das die Nahtoderfahrung Ihres Lebens – eine Erfahrung irgendwo zwischen lähmender Todesangst und halbem Glücksgefühl? 
Ein Gefühl der Lähmung befällt mich immer nur dann, wenn gar nichts passiert. Niemals im Angesicht großer Gefahr. Als ich mit dem Schneemobil über die Kliffkante flog, stellte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen eine knallharte Betriebsamkeit ein. Ich muss von dem Ding runter oder ich lande im Fluss! Das erkannte ich und handelte danach. Darauf bestehe ich. Auch, wenn Robert weiter (fälschlich!) behauptet, ich sei vom Schneemobil gefallen. Nicht gesprungen. 
Einer meiner Lieblingsmenschen, ein alter Cowboy, hat mal zu mir gesagt: «Es gibt zwei Arten Pferde. Die einen, wenn du die in die Ecke drängst, legen sie sich einfach hin und sterben. Die anderen aber, Junge, dräng die in die Ecke und du erlebst dein blaues Wunder!» Wir waren beide dieselbe Art Pferd. Ich glaube, ich habe einen ausgeprägten Überlebenstrieb. Der bringt mir, seit ich denken kann, immer wieder eine Menge Ärger ein. Aber er trug auch entscheidend dazu bei, dass ich noch hier bin. Ich halte auch nicht für ausgeschlossen, dass ich mich immer wieder mal willentlich in Situationen bringe, in denen mein Überlebenstrieb extra gefordert ist. Das ist nicht immer angenehm, ich will also keinem dazu raten. 
Das Glücksgefühl darüber, dass man es dann wieder mal geschafft hat, stellt sich erst viel später ein. Als wir im Truck nach Hause saßen und alle anrufen und ihnen von der tollen Nummer erzählen konnten, zum Beispiel. 


Manch Persönliches deuten Sie an (Familie, Männer, Kinder, journalistische Arbeit), anderes erzählen Sie ausführlich – wie die fürchterlich traurige Geschichte Ihrer Freundin Hanne, die sich umgebracht hat. Wo haben Sie für sich die Grenze gezogen – das kann/muss ich erzählen, und das geht keinen anderen was an? 
Ich weiß nicht, ob es da eine bewusste Grenze gibt. Grundsätzlich, denke ich, muss alles erzählt werden, was im Zusammenhang mit dem jeweiligen Thema steht. Jagd, Natur, Sterben – vor allem – dem Überleben. Alles, was das Denken und Handeln verständlich oder doch wenigstens verständlicher macht. Nicht nur meines, sondern der Menschen überhaupt. 


Weshalb nimmt man einen extrem anstrengenden Jagdkurs bei der nordfriesischen Jägerschaft (ab 2001) auf sich (und dann noch bei einer so rabiaten Person wie der selbstherrlichen «Magda»), um dann doch keine Jägerin zu sein – oder haben wir das Kapitel «Ausgejagt» falsch verstanden?
Ich glaube, das erste, die Teilnahme, gehört zu jenem Phänomen «ausgeprägter Überlebenstrieb und das Bedürfnis, ihn immer wieder herauszufordern». Zwar wusste ich bei meiner Anmeldung noch nichts von Magda. Aber dass diese norddeutsche Jägerschaft «nicht so ganz mein Volk» war und dass das zu den üblichen Schwierigkeiten führen würde, war mir sicher von Anfang an klar. Auf Jagd würde ich auch weiterhin gerne gehen. Aber unter anderen als den norddeutschen Umständen. Neulich habe ich ein Video von Robert und seinem Sohn auf Elchjagd in Alaska gesehen. Das weckte in mir sogleich eine unsägliche Lust, mich in Schwierigkeiten zu bringen. Es müssen nur bitte die richtigen sein. 


Sie echauffieren Sie sich über «dieses verfluchte Monstrum idiotischer Rechtschaffenheit» jener «fleisch-leder-pelz-eier-milch-honigfrei lebenden Edelbürger» – was regt Sie an denen so auf?
Diese Edelbürger, die «alles richtig machen», die sich lauthals als fehlerfrei erklären und noch lauter jeden und alles verurteilen, machen den anderen das Leben schwer. Das war schon immer so, hat aber durch die sozialen Medien einen scheußlichen Aufschwung erfahren. Auf Facebook ist jeder ein toller Typ und nimmt sich das Recht raus, andere ungefragt in Grund und Boden zu stampfen. Ist doch keiner von uns ohne Tadel. Das hat schon Jesus gesagt, an den ich übrigens auch nicht glaube. 
Tatsächlich sind wir alle auf die ein oder andere Art beschädigt und wandeln am Rande unseres persönlichen Abgrunds. Mir sind diejenigen sympathisch, denen das bewusst ist. Und zwar auf banale Art. Nicht auf die «Ach, wie bin ich so verrückt und speziell!»-Tour. Die ja auch nur wieder dazu dient, sich als rundherum tollen Typ darzustellen. Neulich sah ich einen Vortrag des Schweizer Philosophen Alain de Botton. Er fragte ins Publikum, wer von ihnen sich als «ganz okay» und «angenehm im Umgang» einstufen würde. Denen, die sich da meldeten, rief er zu: «Oh, mein Gott, bitte kommen Sie später zu mir. Sie brauchen dringend Hilfe!» So ist das. Die sich für ganz gesund halten, sind erfahrungsgemäß die Beklopptesten. Vor denen nimmt man sich tunlichst in Acht! 


Natürlich interessiert uns auch Ihre Meinung zum US-amerikanischen Waffenwahn und zur NRA mitsamt ihrer Polit- und Medienlobby, den Schulmassakern und dem March For Our Lives befragen: Wenn Sie für ein paar Tage als US-Präsidentin Gesetze in Sachen neues Waffenrecht durchsetzen könnten – was stünde oben auf Ihrer Agenda?
Das sehe ich als genau solchen: einen Wahn! In Amerika ist der Verkauf von Kinder-Überraschungseiern verboten, weil die US-Behörden das Spielzeug als «zu gefährlich» eingestuft haben. Eine Familie die versucht hatte, zehn Ü-Eier aus Kanada in die USA zu schmuggeln, wurde zu 1200 Dollar Strafe pro Ei verurteilt. 12000 Dollar Gesamtstrafe für dieses entsetzliche, die Sicherheit unschuldiger amerikanischer Kinder gefährdende Vergehen. 
Zum Alltag derselben Kinder gehört ein «Schulmassaker-Training», bei dem sie lernen, sich (hoffentlich!) unter Tischen und Bänken vor etwaigen final durchgeknallten, schwerbewaffneten Mitschülern zu schützen – weil die US-Bürger zwar keine Ü-Eier, aber jederzeit in beinahe jedem Supermarkt eine halbautomatische Waffe kaufen können. Die Logik dahinter soll mir einer erklären! Und zwar so, dass ich sie verstehen kann. Ein paar meiner Jagdkollegen in Idaho hatten solche Knarren geschultert. Ich konnte mir nicht verbeißen zu bemerken, dass das eher aussähe als seien sie zum nächsten Schulmassaker unterwegs, statt auf Wolfsjagd. Das fanden sie lustig. Ich nicht. 
Als Präsidentin – Gott bewahre! – würde ich eine vergleichende Untersuchung anordnen, die die Zahl der Opfer von Ü-Eiern (doch, die gibt es) der Zahl der Opfer von Schulmassakern gegenüberstellt. Und die Gesetze dem Ergebnis entsprechend verkehren. 


Last but not least: Wie lebt sich's in Irland – ist es wenigstens ein bisschen «hygge» da? Und – weshalb eigentlich Irland?
In Irland ist es, auch wenn es die Iren nicht gerne hören, vor allem nass. Und grau. Und kalt. Wer «hygge» – das dänische Nationalgefühl, das sich die trendsüchtige Welt nun inflationär zu eigen gemacht hat – mit Rund-ums-Jahr-Kaminfeuer, dicken Strickpullis und noch dickeren Socken in Verbindung bringt, ist hier also genau richtig. Ich habe das alles auch einmal für gemütlich gehalten, schließlich habe ich zuvor an der dänischen Grenze gelebt. Kann gut sein, dass ich darum nach Irland gezogen bin.
Vielleicht ist mein Hiersein aber doch wieder nur meinem Bedürfnis geschuldet, mich in überlebbare Schwierigkeiten zu bringen. Vom Wetter abgesehen, ist es hier allerdings nicht übel. Fände jemand heraus, wie man die Insel in Äquator-Nähe rücken kann, würde ich möglicherweise bleiben. Aber nach zehn Jahren auf einen Sommer warten, der nicht kommt, klopft mein Überlebenstrieb immer öfter und lauter an. Im Grunde packe ich schon seit einiger Zeit meine Sachen. Und wenn ich endlich den Ort finde, an dem ich sie wieder auspacken sollte, mache ich es tatsächlich.

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