22.05.2017   von rowohlt

«Das Spiel ist eine Insel im Leben»

Temperamentvoll und subversiv, ideensprühend und verspielt: «Lebenskünstler», Rolando Villazóns zweiter Roman

© Monika Höfler; lavendertime/iStockphoto.com
© Monika Höfler; lavendertime/iStockphoto.com

Weltberühmter Operntenor, Regisseur, Autor, Moderator, Cartoonist, Clown, begnadeter Entertainer: Rolando Villazón, 1972 in Mexiko geboren, seit 2007 französischer Staatsbürger, ist ein Multitalent. Vom Stimmwunder zum Literaturwunder: Villazóns poetischer zweiter Roman «Lebenskünstler» zeigt, wie konsequent er seinen literarischen Weg weitergeht. Mit dem ihm eigenen Sinn für Sprachmelodie beschreibt er Menschen, deren Herz mehr für Fantasie und Kunst als für Geld und Erfolg schlägt. Seine Lebenskünstler philosophieren, komponieren, fabulieren, falten Origamis, arbeiten an der Oper hinter den Kulissen: Palindromus und Golondrina, Mopsos und Calcas, Vilma und Sandrine – sie alle stehen nie im Rampenlicht, aber ihre Träume sind groß, manchmal zu groß. 

«Ich liebe es, ein Clown zu sein»


Nichts, was Palindromus angefangen hat – als Liedermacher, als Autor –, hat er auch zu Ende gebracht. Er arbeitet nur, wenn er unbedingt Geld braucht, ansonsten lässt er sich durch die Stadt, durch das Leben treiben. Spiele und Rätsel, das ist sein Lebenselixier. In der Cava de los Espejos, die ihren Namen von den deckenhohen Spiegeln hatte, treffen er und seine Freunde sich gern. Das Lokal – in einem Ort ohne Namen, der aber gut Mexiko-Stadt sein könnte – wird von zwei Frauen geführt, Skylla und Charybdis. Alle, die sich hier um Palindromus scharen, sind schiffbrüchige Seelen, randständige Individualisten mit leicht autistischen Zügen. Miniatur-Philosophen ohne finanziellen Background, dafür mit heftigem Mitteilungs- und Liebesbedürfnis. Immer sind sie mit Gott und der Welt beschäftigt. Und sie alle suchen das Glück im Kleinen.


Eine von ihnen ist Golondrina, die stumme Schöne, die mit Hingabe Origami faltet. Und die allen Männern, denen sie im «Spiegelkeller» begegnet, den Kopf verdreht – auch Palindromus. Dessen große Leidenschaft sind Sprachspiele, egal ob Palindrome (Wörter und Sätze, die vorwärts wie rückwärts gelesen gleich sind) oder Wort- und Sinndreher: je verrückter, desto besser.. Ständig heckt er kindliche, verwegene, absurde Spiele aus. «Genau das sind wir, ein Teil des großen Spiels. Wir spielen … und werden gespielt.» Dazu passt, dass sein Leben aus rätselhaften Gründen sechzehn Minuten vorgeht. «‹Und so›, sagte Calcas mit feierlicher Stimme und hob sein Weinglas sowie seinen aller Illusionen beraubten Blick in die Höhe, ‹so fand Palindromus heraus, dass seine Seele des Morgens sechzehn Minuten vor den Hähnen erwacht, der Schlaf ihn sechzehn Minuten früher als andere müde Menschen erreicht und ihn der Sensenmann wohl auch sechzehn Minuten früher holen wird als all die anderen Wettläufer ins Nichts.›»

Eine philosophische Metapher über Leben und Tod


Im spanischen Original heißt der Roman «Paladas de sombra contra la oscuridad» («Schaufelweise Schatten gegen die Dunkelheit»), ein Zitat aus einer Julio-Cortázar-Erzählung. Wer sich auf Villazóns Roman einlässt, löst ein Ticket in eine ganz und gar wunderbare Welt. Parabeln, Märchenträume wie aus dem literarischen Arsenal von E. T. A. Hoffmann, Gleichnisse, ein buntes Mosaik aus unzähligen schillernden Facetten. Wer Villazón schon einmal live erlebt hat, wird sein überschäumendes Temperament, seine Fabulierlust in seinen Romanen wiederfinden. Der in Paris lebende Künstler verschlingt Bücher geradezu – kein Tag ohne ausgiebige Lektüre: «Ich liebe das Lesen beinahe mehr als das Singen. Schon als Kind wollte ich unbedingt ein Roman-Charakter sein.» Zu seinen Helden zählen Protagonisten der literarischen Moderne wie Borges und Calvino, Garcia Márquez und Cortázar. 


«Als Gott Rolando Villazón schuf, da muss er in Verschwenderlaune gewesen sein. Er gab ihm ein großes Herz, eine herrliche Stimme, Feuer, Adrenalin und so viele weitere Gaben» (Stern). Seit 2011 führt der «Tenor mit Starkstrom-Temperament und Samt-Timbre» auch Regie, zuletzt in Düsseldorf, in Donizettis komischer Oper «Don Pasquale». Er ist einer, der sich an sich selbst entzünden kann. Dann ist er, wie die Welt am Sonntag in einem Porträt schreibt, ziemlich vieles in einem: «Villazón, der feurige Mexikaner, Villazón, der glühende Opern-Mensch, Villazón, der quirlige Clown, Villazón, der schwärmende Romantiker und Villazón, der nachdenkliche Intellektuelle mit schwarzer Nerd-Brille. Ein Mann der Superlative, der alles mit der größten Emphase tut.»


Bei aller Emphase weiß der Autor Villazón aber, die Mühen der Ebene realistisch einzuschätzen: «Inspiration ist eine romantische Idee. Aber Schreiben ist ein langer Prozess …»

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