20.12.2017   von rowohlt

Das soll unsere Zukunft sein?

Evolution nach Plan? Ein atemberaubender High-Tech-Thriller von Daniel Suarez, dem «Jules Verne des digitalen Zeitalters»

© iStockphoto.com
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Wir schreiben das Jahr 2045. Das Technikzeitalter ist Geschichte, die Ära der biologischen Moderne ist angebrochen. Algen und Pilze bauen Autokarosserien, die Boomstädte Asiens werden nachts von Leuchtbäumen erhellt. Genoptimierte Designerbabys sind der neueste Schrei. Legal oder nicht, das ist den Gen-Syndikaten egal; die Zeche werden eh andere zahlen. Kenneth Durand leitet bei Interpol den Kampf gegen diese Genkriminalität. Und ein Mann steht dabei im Fadenkreuz: Marcus Demang Wyckes, Kopf eines so mächtigen wie skrupellosen Kartells. Eines Tages erwacht Durand aus dem Koma. Man hat ihn entführt. Er sieht anders aus. Seine DNA ist verändert. Er ist Marcus Demang Wyckes. Der Mann, der weltweit gesucht wird.


Wall Street Journal: «Eine komplett neue Zukunftsvision, so wie William Gibson es seinerzeit mit dem Cyberpunk getan hat, aufregend und alarmierend … Er glaubt, dass es so kommen wird, ganz im Ernst. Lesen und staunen Sie!» 
Kirkus Review: «Das Beste an dem Buch ist sein beunruhigendes Bild einer Zukunft, in der Menschen ihre Körper wie die Kleider tauschen können …»
Publishers Weekly, Starred Review: «Ein herausragender Thriller. Die Tiefe und Eleganz dieser Dystopie … nimmt es mit allem auf, was Crichton je geschrieben hat.»

Menschenverachtender Optimierungswahn


Mr. und Mrs. Cherian sind sich, wie so viele Paare vor einer derart schwerwiegenden Entscheidung, ihrer Sache nicht sicher. Sind sie wirklich bereit, ihren Sohn durch Gen-Editing zu optimieren, d.h. ihm durch gentechnische Überarbeitung einen substanziellen Konkurrenzvorteil zu verschaffen in der Welt, in der er leben wird? Der Trefoil-Berater hat alle Hände voll zu tun, die Bedenken von Kamala Cherian, einer bekannten Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, zu entkräften. Ob das illegale Verfahren nicht ein weiterer Schritt in Richtung menschenverachtender Auslese sei? Maßgeschneiderte Kinder – wäre das nicht Eugenik in Reinform? «Nein, Mrs. Cherian. Das menschliche Genom enthält drei Milliarden DNA-Basen. Die meisten Leute lassen sechs bis zwölf davon bearbeiten – wahrhaft minimale Edits.» Das DAF-2-Edit schenkt Designerbabys drei gesunde Lebensjahrzehnte mehr, so die Behauptung; andere Edits, zum Beispiel für besonders kräftige Knochen oder zur Minimierung des Herzinfarktrisikos, wären eine passende Ergänzung. Klar – je mehr Edits, umso teurer für die Kunden. Und umso profitabler für die Baby-Labors.


Aus Tarnungsgründen sehen die Büros der Trefoil Labs im Mumbaier Stadtteil Kurla eher schäbig aus; das größte Gen-Editing-Konsortium der Welt hat allen Grund, keine unnötige behördliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Umso spaciger ist das, was potentielle Kunden dort zu sehen bekommen. Das Gen-Editing-Verfahren wird den Cherians über eine direkt auf die Netzhaut projizierte 3-D-Animation präsentiert. «Diese ‹Leit-DNA› wird in einen embryonalen Zellkern eingebracht, wo sie die DNA des Embryos liest. Sobald sie eine Entsprechung zu ihrer Target-Sequenz findet, agiert ein natürliches Schneideprotein als molekulare Schere, zertrennt die DNA-Sequenz. Auf diese Weise können menschliche Embryonen in vitro sicher und verlässlich ‹bearbeitet› werden, um tödliche Erbkrankheiten zu korrigieren.» 


Kamala Charian wird ihr Kind nicht mehr aufwachsen sehen, weder genoptimiert noch naturbelassen. Es wird überhaupt kein Kind geben. Bei einer Razzia von Brihanmumbai-Polizeikräften in den Trefoil Labs wird die junge Inderin von einer verirrten Kugel getroffen; ob sie von einem Wachmann oder einem Polizisten abgefeuert wurde, ist unklar.

«Veränderung kommt. Unerbittlich.»


Es sind skrupellos agierende Kartelle wie Trefoil, denen Interpol den Kampf angesagt hat. Kenneth Durand koordiniert für die supranationale Polizeibehörde von Singapur aus die weltweiten Bemühungen gegen Genkriminalität. In Europa und den USA hatte er a Schicksal seiner Eltern den Zusammenbruch der klassischen Industrien hautnah erleben können. Aber diese technologischen Erdbeben waren nichts im Vergleich mit den beiden ungleich heftigeren Eruptionen, die Durands Generation selbst traf. «Die erste war die massenhafte Verbreitung der Lichtfeldtechnik. Plötzlich war das, was man mit eigenen Augen sah, nicht zwangsläufig real. Der größte Teil der Unterhaltungselektronik-Industrie verschwand.


Die zweite und weit disruptivere Stoßwelle war die vierte industrielle Revolution: die synthetische Biologie.  Was einst industriell gefertigt worden war, erzeugten jetzt zunehmend maßgeschneiderte Organismen – Algen, Hefen, Bakterien. Autokarosserien aus Chitin. Biokraftstoff aus modifizierten Escherichia-Coli-Bakterien. Tierleidfreies Fleisch und tierleidfreie Milchprodukte aus nachhaltiger Zellkultur-Produktion. Biofabrikation statt maschineller Herstellung. Das Leben selbst wurde in Dienst des menschlichen Willens gestellt.»


So, wie Daniel Suarez in «Bios» die Metropole Singapur beschreibt, könnten Weltstädte in dreißig, vierzig Jahren aussehen: Dem Abstieg des Silicon Valley folgte der Aufstieg Singapurs als Technologiehauptstadt der Welt auf dem Fuß – kein Wunder angesichts der kulturellen Rückständigkeit Amerikas. Ein Herumtüfteln an den Bausteinen des Lebens war US-Unternehmen strikt untersagt. «Jeder Haufen aus menschlichen Zellen galt in Amerika als Baby. Ein Viertel der Bevölkerung war nicht geimpft. Die Mehrheit der Amerikaner glaubte nicht an die Evolution.» Das virulent antiwissenschaftliche Klima in den USA war die Trumpfkarte, die Zukunftsstädte wie Singapur ausspielen konnte, nicht nur im Bereich SynBio. 


Autonome Elektroautos bestimmen den Verkehr, manuelles Fahren auf den Stadtautobahnen ist seit langem verboten in der Stadt, die zur neuen Heimat billionenschwerer Unternehmen wurde. Ganze Schwärme kommerzieller Drohnen rasen über den Luftlogistik-Highway. In die Skyline ragen Cluster von Urban-Farming-Türmen; verglichen mit traditioneller landwirtschaftlicher Produktion werden hier pro Flächeneinheit zehnmal so viele Lebensmittel produziert – eine absolute Notwendigkeit angesichts der zehn Milliarden Menschen auf der Erde, die ernährt werden müssen. Aber auch im Großen hat sich die Welt massiv verändert: Korea ist nach einem nahezu unblutigen (und von Beijing clever gemanagten) Staatsstreich wiedervereinigt; viele Millionen Menschen sind auf der Flucht vor klimawandelbedingten Hungerkatastrophen, Bürgerkriegen und dem Anstieg des Meeresspiegels – es ist die größte Migrationsbewegung in der Geschichte der Menschheit. 

Vom Jäger zum Gejagten


Es ist der letzte Morgen, an dem die Welt von Kenneth Durand, seiner Frau Miyuki Uchida und Tochter Mia noch in Ordnung ist. Mia hat Geburtstag, am Abend soll Durand ihr Geschenk mitbringen. Bei einem Meeting in Interpols Global Center for Innovation (GCI) hält Detective Inspector Aiyana Mayotte, Leiterin der Interpol-Taskforce Menschenhandel, einen Vortrag, der alle Anwesenden aufschreckt. 2045, so Marcotte, unternahmen siebzig Millionen Menschen Migrationsversuche nach Norden oder Süden, weg von Krieg, Hunger, Dürre, Grundwassererschöpfung: Menschen, die alles zurücklassen mussten, was sie besaßen, Sprache, Kultur, Familie. Und die dadurch leicht ausbeutbar werden – ein gefundenes Fressen für Schleuser, Menschenhändler und Genkriminelle auf der Suche nach raschem Profit. 



Im Zentrum des Menschenhandels stehen die Huli-jing: eine kapitalkräftige, disziplinierte und klandestin agierende Sekte. Wenn es bei dieser Kaderorganisation der «Neun Schwänze» überhaupt ein Erkennungszeichen gibt, dann die Tatsache, dass alle Führungsmitglieder nach kurzer Zeit liquidiert werden, bevorzugt durch Gift. Alle bis auf einen: Marcus Demang Wyckes, Gründer und Anführer der Huli-jing. «So ein Kartell haben wir noch nicht gesehen. Es ist unmöglich, Informanten in die Führungsriege einzuschleusen. Oder Verhaftungen vorzunehmen. Jeder, der irgendetwas Wichtiges weiß, stirbt bald. Außer Wyckes.»


Die Trefoil Labs sind das öffentliche Gesicht der Huli-jing. Hier werden neue Edits entwickelt und nach kommerziell verwertbaren Mutationen geforscht. Interpol konzentriert alle Kräfte, um unter der Führung von Marcotte und Durand einen Doppelschlag gegen die Profiteure von Menschenhandel und Genkriminalität zu landen. Aber noch bevor die Taskforce loslegen kann, muss sie schon einen schweren Schlag wegstecken: Kenneth Durand wird auf abenteuerliche Weise gekidnappt. 


Wochenlang bleibt Durand verschwunden. Seine Familie, seine Kollegen wissen nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Da erreicht eine irritierende Nachricht Interpol: In einem Krankenhaus ist ein Mann aus dem Koma erwacht. Er behauptet, Kenneth Durand zu sein. Aber er sieht aus wie ein ganz anderer: wie der Huli-jing-Pate Marcus Demang Wyckes. Wie der meistgesuchte Mann der Welt, den Zehntausende Sicherheitskräfte in 190 Ländern der Erde zur Strecke bringen wollen …


Ein gnadenloserKampf beginnt, in dem es um viel mehr geht als um Leben und Tod der Frauen und Männer, die ihn führen … 

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