02.01.2016   von rowohlt

Das netteste Mädchen von Amerika

«Die niederländische Antwort auf Jonathan Franzen.» (NRC Handelsblad)

© Mikel Buwalda
© Mikel Buwalda

Ein moderner Patriarch, eine gerissene Tochter und jede Menge Geheimnisse. Die Geschichte einer besonderen Familie und ihres Scheiterns – Peter Buwalda hat einen spektakulären Roman geschrieben. Der Sensationserfolg aus Holland: «Ein Meisterwerk, traumwandlerisch sicher formuliert, funkelnd intelligent –und von explosiver Wirkung.» (tip Berlin) 

Harte Schnitte, sinnliche Sprache


Die Vorzeigefamilie lebt in Enschede in einem umgebauten Bauernhaus nahe der Universität, wo der Vater, Siem Sigerius, Rektor ist. Eine Naturgewalt von einem Mann, körperlich, intellektuell. Mit neunzehn niederländischer Meister im Judo, Jazzenthusiast, als Mathematiker genialisch, mit höchsten Auszeichnungen dekoriert. Seine Frau schreinert zu Hause, mit Erfolg, die beiden Töchter Joni und Janis gedeihen prächtig. 


Doch ihre besten Jahre haben die vier zuvor in Berkeley verbracht, in ihrem Häuschen an der Bonita Avenue. Siem steigt an der Uni zum Zenit seines Könnens auf, zu Hause ist er begeistert Vater. Glückliche Jahre, eine glückliche Familie. Joni erfindet ein Spiel für den Morgen, das sie «Das netteste Mädchen von Amerika» nennt. «Sie schob ihr Gesicht durch die Tür des Elternschlafzimmers, ein blonder Mädchenkopf, von dem der neue Tag wie Tau heruntertropfte: ‹Papa, Mama, Achtung, Vorrunde. Nettestes Mädchen von Amerika. Liegen bleiben.›» Und verschwindet, um für alle das Frühstück zu machen.


Als sich Siem an diese Tage erinnert, befinden wir uns auf den letzten der 640 Seiten des Romans. Er sitzt im Auto, irgendwo auf einem Feldweg in den belgischen Ardennen, fährt Frau und Tochter hinterher, um mit ihnen wie jedes Jahr in den französischen Alpen Weihnachten zu feiern. In den vergangenen Stunden ist sein Leben an einen Wendepunkt gelangt. «Seine glücklichsten Erinnerungen stürzen ihn in äußerste Traurigkeit. Er öffnet die Augen, lässt die Seitenscheibe herunter und späht minutenlang in den Wald; die schwarzen Stämme stehen dicht beieinander, weiter als rund dreißig Meter reicht sein Blick nicht. In der Tiefe: Finsternis.» Finsternis draußen, absolute Schwärze in sich.


Ein gewaltiger Erzählrahmen: Was erzählt wird, lässt den Leser in einen einzigartigen, vielschichtigen Familienkosmos eintauchen; aber das Wie nimmt einem endgültig den Atem. Der Autor zeigt uns eine scheinbar mustergültige Familie – der am Ende doch alles um die Ohren fliegt. Kühn weigert er sich, etwas zu erklären, konfrontiert uns mit einer packenden Unmittelbarkeit. Statt die Familienstruktur abzubilden, unterläuft er Entwicklungen und Kausalitäten durch eine harte Schnitttechnik, gepaart mit einer expressiven, eruptiven, sinnlichen Sprache.


Das Aufbrechen jeder Chronologie ist das zentrale Mittel Buwaldas, von Absatz zu Absatz können wir jederzeit in eine neue Geschichte geworfen werden. Nach einigen Sätzen oder auch nach zwei oder zwanzig Seiten erfolgt dann übergangslos wieder der Schwenk zurück auf Geschichte eins. In diesem «stream of storys» formt sich die Wahrnehmung neu, der Leser treibt wie in einer Nussschale auf einem Fluss aus Geschichten dahin, das Tempo wird schneller, ein Sog entsteht und man ahnt, der Sturz in die Tiefe ist nah.

Beginn einer Höllenfahrt


1995, 2000, 2008 sind die zentralen Stationen des Romans, Siem, Joni und ihr Freund Aaron dessen Hauptfiguren. 1995 lernen sich Joni und der Fotograf kennen, 2000 entdeckt Siem das Doppelleben seiner Tochter, acht Jahre später spielt die Gegenwartsebene des Romans. Joni lebt mittlerweile in Los Angeles, arbeitet, so sagt sie, in einer Firma, die Frisbees und Surfbretter herstellt; in Wirklichkeit ist sie Mitinhaberin einer Firma, die mit Pornofilmen das ganz große Geld macht. Gelegentlich tritt sie selbst, immer noch, als Darstellerin in den Filmchen auf. Zuvor schon hatten sie mit einer ähnlichen Geschäftsidee Geld gescheffelt, mit einer Amateursexseite im Internet, «saubere Prostitution», wie Joni das nannte. 


Als Siem hinter Jonis Doppelleben kommt, zerbricht die Familie, sie fliegt – Buwalda adaptiert hierfür die reale Explosion einer Fabrik für Feuerwerkskörper aus dem Mai 2000 in Enschede – in der Folge förmlich in die Luft, als hätten die zerstörerischen Kräfte sich gegenseitig angestoßen. Von wo an lief alles schief? Aaron, der Außenstehende, erkennt früh: «Betrug? Natürlich. In diesem Bauernhaus logen alle (...), jeder verschwieg etwas.» Siem ist in zweiter Ehe verheiratet, Joni und Janis sind seine Stieftöchter. Sein leiblicher Sohn Wilbert ist der Missratene, der verschwiegen, verdrängt, abgeschoben wird, wann immer es geht. Als Wilbert seinen Vater, inzwischen Wissenschaftsminister, mit Jonis Vergangenheit erpressen will, setzt er damit ein zweites, das finale Inferno in Gang. 


Man mag es kaum glauben – «Bonita Avenue» ist Peter Buwaldas Debütroman. Ein Kunstwerk, überquellend vor Geschichten, eindringlich in seinen Figuren, sprachlich kraftvoll und farbig. Der Familienroman mag out sein, aber die dramatischsten Geschichten lassen sich über Familien erzählen, immer noch.


+++ Autor: Werner Irro +++

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