15.03.2018   von rowohlt

Das Meisterwerk eines schwarzen Romantikers

«‹Miakro› ist die prächtigste, bei aller Poesie und Sanftheit schaurigste Kopfgeburt des Frühjahrs» (Frankfurter Rundschau)

© Frank Zauritz
© Frank Zauritz

Die Männer, die im Mittleren Büro ihren Dienst versehen, arbeiten, Pult neben Pult, am weichen Glas. Am Ende des Tages marschieren sie geschlossen zum aktuellen Nährflur, wo die bleiche Wand eine Speise für alle bereitstellt. Danach schlüpft jeder in seine Ruhekoje. Dort aber liegt Büroleiter Nettler seit einigen Nächten wach. Allmählich geraten die Selbstverständlichkeiten des Bürolebens ins Wanken. Es hat den Anschein, die guten Tage seien gezählt. Gemeinsam mit drei mehr oder weniger vertrauenswürdigen Kollegen passiert Nettler die Schleuse, den einzigen Weg, der hinausführt aus dem Mittleren Büro – nach draußen, in die «wilde Welt». Keiner von ihnen ahnt, was (und wer) sie dort erwartet ….

Stimmen zu «Miakro»


Die Zeit: «So muss man Dystopien entwerfen: ‹Miakro› – ein meisterhafter Roman über eine Welt, die sich nur hauchzart von der unseren unterscheidet.»
NZZ: «Es gibt nur wenige Schriftsteller, die mit einer ähnlichen Kunstfertigkeit Verweisnetze zwischen dem Realen und dem Imaginären aufspannen können, ohne dabei berechenbar zu werden. Auch halluzinogene Prosa will gekonnt sein.»
BR/Bayern 2: «Dieses Buch führt vor, was Literatur eigentlich ausmacht, ob sie nun realistisch oder surrealistisch ist oder keins von beidem, nämlich: Eine Welt zu schaffen aus dem Werkstoff der Sprache.»
Frankfurter Rundschau: «‹Miakro› ist die prächtigste, bei aller Poesie und Sanftheit schaurigste Kopfgeburt des Frühjahrs.»
WDR 5: «Ein außergewöhnliches Stück Literatur.»
Spiegel Online: «‹Miakro› eröffnet ein undurchsichtiges Universum der Rätsel und Risse, das die Schädel der Leser knirschen lässt.»
Focus Online: «Fantastisch, unheimlich und gespenstisch …»
Badische Zeitung: «Ein meisterliches Werk des Manierismus (…) Man darf diesen Roman … als Persiflage auf das Zeitalter der digitalen Überreizungen lesen. als höhnischen Kommentar zur Selbstauslieferung an die Smartphone-Kultur, die unsere Wahrnehmung kolonisiert hat.» 

Radikal dystopisches Setting


Wer mit Georg Kleins Werk vertraut ist, kennt seine Vorliebe für das Spiel mit populären Genres: Elemente aus Thriller und Abenteuerroman, Horror- und Splatterversatzstücke, Fantasy- und Science-Fiction-Bezüge. In «Miakro» brennt Klein ein Feuer seiner kreativen Optionen ab – mit unfassbarer Detailgenauigkeit beschreibt er eine Welt, die uns frösteln lässt. In der Neuen Zürcher Zeitung verweist Philipp Theisohn auf den Stellenwert von Material und Materialien in Kleins Werk: «Alles, was in diesen Texten geschieht, findet seinen Ursprung in der Beschaffenheit der Stoffe, aus denen sich ihre Welten zusammensetzen: das Kühle, das Harte, das Süße, Glatte, Schwere, Flüssige.»


Die 45 Kapitel von «Miakro» tragen skurrile Titel (samt «erklärenden» Untertiteln), eine wahre Fundgrube für Freunde waghalsiger Neologismen und Komposita. Ein paar Kostproben? «Grundgepünktel. Wie ihre Spucke schmeckt» (Kap. 6), «Kerbchenkalender. Was weiterhin ein Vorteil bleibt» (Kap. 8), «Querwasser. Wer einfach unversehens zurückkommt» (Kap. 12), «Sonnenblumenbrummen. Wie viele es gewesen sein könnten» (Kap. 14), «Blaugezüngel. Was fast wie Fortschritt aussieht» (Kap. 15), «Glastiefenschleim. Wie wir uns alle täuschen können» (Kap. 19), «Stängelabzählen. Wer schlimm schießlüstern sein kann» (22), «Rübenheldgepurzel. Was quer in einen Mund passt» (Kap. 40), «Zeitspeckschwinden. Was zwischen Locken klopft» (Kap. 42).


Um einen kleinen Vorgeschmack zu geben, was uns in Georg Kleins für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nominiertem Roman erwartet, werfen wir einen Blick auf die handelnden Figuren, auf Innen- und Außenwelten, auf Mikro- und Makroperspektiven, auf Schockstöcke und Nährflure …

Drinnen und Draußen, äußere und innere Welt


Das Mittlere Büro. Ein merkwürdiger Ort, nicht gerade Lichtjahre entfernt von dem, was wir als «Realität» kennen, und doch so unglaublich anders, fremd, verstörend. Kein natürliches Licht dringt hierhin, tief unter der Erde. Woran in diesem labyrinthischen Komplex gearbeitet wird, wir erfahren es nicht. Ob es ein definiertes Ziel der gleichförmigen Tätigkeiten in den Bürowaben gibt, wir tappen im Dunkeln. Ob der immergleiche Alltag, die «Arbeit» an den bilddurchfluteten Glasplatten von Direktiven des Hohen Büros bestimmt wird? Könnte sein. Oder auch nicht.


Glasarbeit. Die Angestellten sitzen an Tischen, die sich organisch ihren Körpern anpassen. Sie starren auf Oberflächen aus weichem Glas. Die diffusen Bildströme, die auf bis zu fünf Ebenen von rechts nach links an ihnen vorbeiziehen, sind ihr einziger Kontakt zur Welt jenseits der klaustrophischen Kapsel. «Die Welt und jegliches Klima sind im Tisch zu Hause. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Hitze wie Kälte, Trockenheit und Niederschlag regeln sich im weichen Glas. Das Mittlere Büro kennt weder Regen noch Wind.» 


Nettler & Co. Die Männer, die tagein tagaus auf die Bildströme starren, haben  karge Namen wie Nettler, Axler, Schiller oder Guler. Sie tragen hellblaue Overalls und «Schockstöcke» (Hilfsmittel? Waffen?). Über ein Innenleben, differenzierte Gefühle verfügen die Akteure nicht – Georg Klein verweigert jede Erklärung und Psychologisierung: «Das klassische psychologische Erzählen hat sich erschöpft …» Auch wenn Frauen vorkommen, draußen in der «wilden Welt»: es gibt keine Sexualität, keine Liebe, keinen Tod, über den reflektiert wird. Und keinen Gott. Dinge passieren einfach.


Nährflure. Nein, auch eine Kantine gibt es für die Glasarbeit verrichtenden Kollegen nicht. Um sich zu ernähren, marschieren sie durch Sicherheitsschleusen zu einem jener Nährflure, die sich in unvorhersehbarem Rhythmus öffnen und schließen. Aus den Wänden stülpen sich Lebensmittel, auch Gegenstände des täglichen Bedarfs werden in Materialschächten «ausgewandet». Von ihrer tristen Tätigkeit erholen sie sich nachts in  den Gitternetzen ihrer Schlafkojen. Wer stirbt, wird rückstandslos eingesaugt – his job is done.


Organische Materie. Scheinbar stabile Gegenstände werden brüchig, zerfallen. Wände öffnen und schließen sich; in diesem Bioorganismus kann morgen verschwunden sein, was heute noch da ist, Dinge wie Menschen. Verschwunden ist zum Beispiel der kleine Wehler, jener «Könner in Sachen Leutseligkeit», der als einer der wenigen im Mittleren Büro mit den «Volksfrauen» und «Volkskerlen» umzugehen verstand – und von der «bleichen Wand» geschluckt wurde. Monate nach seinem Verschwinden bricht ein Vierertrupp auf, ihn zu suchen: Nettler, Axler, Guler und Schiller.


Außenwelt, zweite Welt. Ungefähr in der Mitte des Romans verändert sich die Perspektive, auf einmal sind wir nicht mehr im Inneren dieser albtraumhaften Bürowelt, sondern sehen diese aus der Außenperspektive. Dort versuchen Hauptmann Blank und die «Naturkontrollagentin» Xazy mit ihren Erkundungstrupps, jenes wuchernde «Ding» unter Kontrolle zu kriegen.


Antipoden und Antagonisten. Während Nettler, Axler, Guler und Schiller auf dem Weg von drinnen nach draußen sind, machen sich auf der anderen Seite die Akteure Nettmann, Achsmann, Guhl und Schill als Abgesandte des Belagerungskommandos auf den umgekehrten Weg, hinein in den rätselhaften unterirdischen Gebäudekomplex. 


Was ihnen dabei zustößt, wird hier natürlich nicht verraten. Ob sie heil zurückkehren werden? Eher nicht …

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