07.04.2016   von rowohlt

Das Lebensabenteuer der Holly Sykes

«Die Knochenuhren», David Mitchells sechster Roman – ein tollkühnes literarisches Mammutprojekt

© Illustrationen aus: David Mitchell, The Bone Clocks, 2014
© Illustrationen aus: David Mitchell, The Bone Clocks, 2014

Er ist ein literarischer Alleskönner, einer der größten Erzähler der Gegenwart: David Mitchell. Nach Belieben scheint er Tonlage und Genre wechseln zu können, zwischen Zeiten und >Perspektiven hin und ehr zu springen. Was sich nach einer labyrinthischen Anstrengung anhört, liest sich wie im Rausch.  Wie schon in seinem Welterfolg «Der Wolkenatlas» gelingt Mitchell in seinem neuen Buch «Die Knochenuhren» erneut das Kunststück, sechs Romane in einem unterzubringen. Und das auf so mitreißende, brillante Weise, dass die gut 800 Seiten dieses metaphysischen Thrillers wie im Flug vergehen. «Von der ersten Seite an ist man gefesselt. Denn die Geschichte, erzählt aus der Sicht der jugendlichen Heldin, entwickelt sich rasant mit so viel schrägem Witz und disparatem Charme …» (FAZ). 


«Offensichtlich hat David Mitchell noch nichts vom Tod des Romans gehört», konstatiert die New York Times Book Review. «Er schreibt mit unbändiger Intensität und Lust an der Sprache, stürzt sich hellwach und voller Leidenschaft in die schwarzen Löcher der Erfahrung.»


Das Prinzip 6 in 1


«Der Wolkenatlas», Mitchells 2006 bei Rowohlt erschienenes Großepos, ist die Blaupause eines modernen Textkunstwerks. Sechs Geschichten, sechs Textarten, sechs Tonlagen, sechs historische Szenarien – und alles zusammen eine einzige dichte Erzählung. Six in one, «ein Bravourstück ersten Ranges» (Cees Nooteboom). «Die ganz große Hoffnung für den modernen Roman. So virtuos und kurzweilig schreiben nur wenige.» (‹Stern›)  Bereits mit seinem Roman «Chaos» (Rowohlt, 2004), einer Komposition aus neun Erzählstimmen, war ihm eine überzeugende Umsetzung der chaostheoretischen Maxime gelungen, der zufolge der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der anderen Seite des Globus einen Wirbelsturm auslösen könne. 


«Die Knochenuhren», das sind: sechs Bücher in einem Buch, mit fünf Ich-Erzählern. Oder, in den Worten des Autors: sechs Novellen, «wie Duplo-Steine ineinander geschoben». Die Geschichte von Holly Sykes – als Mädchen, als Frau, als alte Dame – überspannt einen Zeitraum von fast sechzig Jahren, von 1984 bis zum dystopischen Finale im Westirland des Jahres 2043. «Man staunt über das fantastische Gewölbe, das Mitchell über unsere Welt spannt.» (Tages-Anzeiger)


1984– 2004 – «Die Zukunft ist schon da. Sie ist nur ungleich verteilt»


1984. Es ist das Jahr, als die britischen Minenarbeiter gegen Thatchers neoliberale Gewaltkur rebellieren; eine sommerliche Hitzewelle frisst sich durch London. Die 15-jährige Holly Sykes wächst in Gravesend an der Themsemündung auf: eine freche, verletzliche Göre mit paranormaler Begabung. Der rebellische Teenager möchte sich freimachen von allen und allem, was sie reglementiert und einengt: von ihren Eltern, der schmerzenden Enttäuschung mit dem ersten Freund, von der Welt überhaupt. Für Holly bleibt nur eins: weggehen, hinaus ins Neue, Unbekannte.


1991. Ich-Erzähler Hugo Lamb ist das, was man ein Charakterschwein nennt – für einen gute Pointe würde er seine Großmutter verkaufen. Der Cambridge-Student treibt einen Studienkollegen durch Spielschulden erst in den Ruin, dann in den Tod. Ausgerechnet in diesen Typen, den sie in einem Schweizer Skiort trifft, verliebt sich Holly. Dass aus den beiden doch kein Paar wird, liegt daran, dass «Anachoreten» (siehe unten) dem Ehrgeizling Hugo einen Pakt anbieten, den er nicht ausschlagen kann. Sie bieten ihm Macht – und Unsterblichkeit.


2004. Holly ist mittlerweile mit dem Kriegsreporter Ed Brubeck verheiratet. Eine Künstlerehe, eine gemeinsame Tochter. Für das normale Leben ist Ed, Ich-Erzähler des dritten Romans im Roman, verloren – schon nach wenigen kriegsfreien Monaten schmeckt ihm ein Leben mit normalem Alltag wie «abgestandenes alkoholfreies Bier». Dafür hat er, wie kaum ein anderer, das Wesen des modernen Kriegs mit all seiner Brutalität und seinen perfiden Kalkülen begriffen. Eds Anschauungsmaterial: der Irakkrieg.


2015– 2043 – «Damit eine Reise beginnen kann, muss eine andere zu Ende gehen»

2015–2020. Diesen Part erzählt der Schriftsteller Crispin Hershey, in seinem Zynismus, seiner Abgebrühtheit nicht gerade eine sympathische Figur. Weil er literarisch seit langem  nichts mehr auf die Reihe kriegt und für seinen Verleger allenfalls noch ein Midlist-Autor ist, gilt sein Tun und Lassen nur noch dem Polieren des alten Ruhms, auf dass er nicht völlig verblasse. Dabei scheut Hershey vor keiner Boshaftigkeit zurück. (Ein Schelm, der dabei an Martin Amis denkt!) Längst haben andere, jüngere Autoren ihm den Rang abgelaufen, u.a. eine gewisse Holly Sykes, die das Esoterikgenre mit Übersinnlichkeits-Features aufmischt. Vielleicht, weil ist seit langem auf der Suche nach ihrem spurlos verschwundenen kleinen Bruder Jacko ist …


2025. Hier, in Teil 5, regiert das Paranormale: Fantasy-Freunde kommen voll auf ihre Kosten. Aus dem Munde der Psychiaterin Iris Marinus-Fenby erfahren wir, dass es neben der Masse der sterblichen Menschen zwei sektenartige Gruppen von «Überzeitlichen» gibt, die in der Lage sind, den Tod hinauszuschieben: die «Horologen»  (als Spezialisten der Reinkarnation) und die «Anachoreten» (durch den Verzehr von aus Kinderseelen gewonnenem «schwarzen Wein» gegen den Tod gefeit). Eine fantastische Variante des ewigen Kampfes Gut gegen Böse! «Mitchell kann das, auch das, so eine Fantasy-Schlacht. Er beherrscht den Thrill des wechselnden Schlachtenglücks. Und er nimmt auf raffinierte Weise alle Fährten wieder auf, die seit Beginn angelegt waren …» (Tages-Anzeiger)


2043. Eine Reihe von Naturkatastrophen hat die Welt verdüstert. Holly lebt mittlerweile mit ihrer Enkelin in Westirland, bis vor kurzem eine Art Reservat der Chinesen. Die Welt droht zu kollabieren, die dramatische Knappheit an beinahe allen lebenswichtigen Dingen (Lebensmittel, Rohstoffe, Elektrizitätsversorgung, Internet) beschwört bürgerkriegsähnliche Zustände herauf. Hunger, Flüchtlingsströme, marodierende Banden: ein dystopischer Überlebenskampf aller gegen alle. Die Zukunft der Welt, die Fortexistenz unserer Zivilisation ist ungewisser, unwahrscheinlicher denn je …


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