31.03.2016   von rowohlt

«Das Leben ist banal, katastrophal und schön»

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist tot

© Sebastian Hänel
© Sebastian Hänel

Er war einer der Großen der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts: Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, als Vierzehnjähriger über Auschwitz ins KZ Buchenwald verschleppt. Im April 1945 wurde er befreit und kehrte nach Budapest zurück. Mit Werken wie «Fiasko», «Kaddisch für ein nicht geborenes Kind», «Galeerentagebuch», «Ich – ein anderer», «Dossier K» und vor allem mit dem als Jahrhundertwerk gerühmten «Roman eines Schicksallosen» hinterlässt er ein bedeutendes Werk; 2002 wurde er, der ungarische Autor jüdischer Herkunft, mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Am 31. März 2016 ist Imre Kertész im Alter von 86 Jahren in Budapest nach schwerer Krankheit gestorben. 


«Im Alter von 86 Jahren ist Imre Kertész gestorben: Seine Bücher aber wollen wir aufbewahren für alle Zeit. Sie sind, wie weniges, was nach 1945 geschrieben wurde, ein Vermächtnis des grauenvollen 20. Jahrhunderts.» (Tilman Krause, Die Welt) – «Kertész neigte zum Grotesken, zur Farce, zur Ironie, zum Sarkasmus. So war die Welt ausgekleidet, in der er als Schriftsteller lebte. Im ‹echten› Leben .. hat er sich ganz einfache Gefühle erlaubt: Liebe, Zuneigung, Freude.» (Franziska Augstein, SZ) – «Wer das Glück hatte, Imre Kertész persönlich zu kennen, wusste auch um die heitere Seite seiner Person. Sein schallendes Lachen war legendär, groß war sein Witz und überwältigend seine Herzensgüte.» (Andreas Breitenstein, NZZ) – «Das Böse hielt er für erklärbar, das Gute blieb ihm ein Rätsel. Er war ein Gigant der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, der aus jener besonderen Form des Nichts kam, über die er sein Leben lang schreiben sollte.» (Hubert Spiegel, FAZ) 

ROMAN EINES SCHICKSALLOSEN

Ende 2012 war Imre Kertész mit seiner Frau Magda nach Ungarn zurückgekehrt, nach zwölf Jahren in Berlin. Seine Budapester Wohnung hat er danach kaum mehr verlassen, die Parkinson-Erkrankung machte ihm schwer zu schaffen. Von diesen schweren Jahren erzählt «Letzte Einkehr», die Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009 – ein intimes Journal, ein erschütterndes Alterswerk, schonungslos offen und direkt – «ein großes Testament zu Lebzeiten» (Der Tagesspiegel). «Selten sind Krankheit, körperlicher Verfall und Sehnsucht nach dem Tod und der Liebe so radikal beschrieben worden.» (Südkurier)


Kertész sei immer schon ein radikaler Autor gewesen, schreibt die Literaturkritikerin Sigrid Löffler. «Doch nie radikaler als in diesen nun veröffentlichten Tagebüchern aus den Jahren 2001 bis 2009, die eigentlich nicht für die Veröffentlichung gedacht waren.» Imre Kertész war der Mann, der im Gespräch mit Johanna Adjoran (F.A.S., 15.9.2013) von sich sagte: «Was wäre ich ohne Auschwitz?», um dann zu ergänzen: «Wenn ich mich von mir selbst und meinen Schmerzen distanziere, dann habe ich das Gefühl, ich hatte ein wunderbares Leben. Ich habe die Welt erlebt und verstanden, und deswegen bereue ich überhaupt nichts.»


1944 war Kertész nach Auschwitz deportiert worden. Nach der Befreiung lebte er jahrzehntelang mit seiner Frau in einer winzigen, 28 Quadratmeter großen Wohnung in Budapest. «Eine Existenz im Nullzustand, der Mensch so verkleinert, als lebte er noch im Lager, dem er entkommen ist» (Iris Radisch). Als Journalist, Übersetzer (u.a. von Wittgenstein, Nietzsche, Freud, Joseph Roth) und Verfasser «leichter Texte» für Boulevardtheater hielt er sich mühsam über Wasser. 


Dreizehn Jahre seines Lebens, von 1960 bis 1973, arbeitete er am «Roman eines Schicksallosen» – in jeder Hinsicht ein Jahrhundertbuch, wie Hans Magnus Enzensberger notierte: «Noch nie ist der verzweifelte Versuch, den großen Mord zu verstehen, so weit getrieben worden.» Der epochale Roman schildert die Hölle von Auschwitz aus dem Blickwinkel des jüdischen Jungen György Köves. Das unschuldige Staunen des Jungen, sein Wunsch, das Unverstehbare zu verstehen, die Suche nach dem kleinen Glück im großen Sterben, «die fast heiteren Pastellfarben, mit denen er die KZ-Welt ausstattet» (Ulrich Weinzierl) – welchen Leser stößt das nicht in ein bodenloses moralisches Dilemma?


LETZTE EINKEHR

Mit illusionsloser Schärfe setzte sich Kertész mit der «Glückskatastrophe» auseinander, die der Literaturnobelpreis für ihn bedeutete. Ein Glücksfall war er, das auch, ohne Frage. Er brachte ihm endlich die Anerkennung, die Bewunderung der literarischen Welt für sein großes Werk, dazu die Annehmlichkeiten plötzlichen Wohlstands, mit Einladungen in alle Welt, Aufenthalten in Luxushotels, mit Preisen, Orden, Ehrendoktorwürden usw. Aber die Ehrung durch die Schwedische Akademie bedeutete mehr für ihn: der Nobelpreis – eine Katastrophe, ein Verhängnis. 


«Ich bin es maßlos leid, zur Institution geworden zu sein. Fast täglich bekomme ich Bücher über Auschwitz. Was für eine Perversität! Man sollte mir lieber Witzesammlungen schicken.» Zermürbt von den «erwürgenden Anforderungen des Ruhms», die nicht enden wollenden öffentlichen Ansprüche an ihn, den Holocaust-Überlebenden, empfinde er am Ende nur noch Widerwillen, ja Selbstekel vor der «Marke Kertész», zu der seine ganze Existenz degeneriert sei. Es gebe Momente, schrieb Kertész, in denen er sich in die Tristesse der dunkelsten Kádár-Jahre zurücksehne, als er in seiner winzigen Wohnung in Budapest saß und an Sätzen feilte, von denen er wusste, dass sie in seiner Heimat wohl niemals veröffentlicht würden.


Die 2013 veröffentlichten Tagebücher der Jahre 2001 bis 2009  sind ein erschütterndes Alterswerk. Überschrieben sind die drei Teile  mit «Geheimdatei» (inkl. dem Fragment «Die letzte Einkehr»), «Garten der Trivialitäten» und «Exit-Tagebuch». Teil 3 ist gerade einmal zwei Seiten lang und endet so: «Es gibt keinen anderen Ausweg für mich als den Abgang (Exit) …» 


Die Tagebücher zeigen  in schonungsloser Offenheit den Niedergang eines Menschen durch die Krankheit Parkinson, durch Ängste, tiefste Verzweiflung und die Konfrontation mit der Option Selbstmord. Dass er am Ende auch aus familiären Gründen sein geliebtes Berlin-Charlottenburg verließ, um in das Land zurückzukehren, das ihm niemals Heimat war – «Fatalität Ungarn»–, verschärfte Kertész düstere Stimmung. Sein größter Trost blieb bis zuletzt die Musik, Gustav Mahler, Beethoven, Bela Bartók, Arnold Schönberg. 

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