27.06.2017   von rowohlt

Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone

Alles, was man über Outdoor wissen muss: Mit Fritz Meinecke raus aus dem Alltag und rein ins Abenteuer

© Fritz Meinecke (alle Abb.)
© Fritz Meinecke (alle Abb.)

Wie viel Risiko gehört zu einem echten Abenteuer? Was macht die Faszination von Lost Places aus? Und wie fit muss ich für eine Trekkingtour sein? Wenn jemand all diese Fragen beantworten kann, dann Fritz Meinecke. Ob Wandern durch den Harz, eine 550 Kilometer lange Alpenüberquerung zu Fuß, Urban-Exploring-Tour durch verlassene Bunker oder die Todeszone von Tschernobyl: Abenteuerlust und Freiheitssuche lassen den Outdoor-Profi immer wieder aus seiner Komfortzone ausbrechen. Hier erzählt er von seinen spannendsten Projekten und empfiehlt für jede Unternehmung das richtige Equipment (von Schlafsack und Kopflampe bis Bitkit und Wasserfilter). 


«Investiert euer Geld nicht in materielle Sachen, investiert in Erlebnisse!» Das ist ein kluger Satz von Dr.Eckart von Hirschhausen; er beschreibt ziemlich exakt das Credo von Outdoor-Freaks wie Fritz Meinecke. Nach seiner Ausbildung als Bankkaufmann war er zwei Jahre bei der Bundeswehr und studierte im Anschluss 3D-Graphik. Mittlerweile hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und ist selbständiger Medienproduzent. Seinem YouTube-Channel «Fritz Meinecke» folgen Tausende begeisterter Zuschauer, die seine Outdoortrips verfolgen und mit ihm die Leidenschaft für Orte aus längst vergessenen Zeiten teilen.


Fritz Meineckes Buch «Der Abenteurer» – das sind spannende Texte, spektakuläre Bilder und ein ganzes Arsenal wichtiger praktischer Tipps für alle, die lieber in unvergessliche Erlebnisse investieren wollen, als materielle Reichtümer zu akkumulieren.

Tough Mudder


«Meine Freunde und ich haben unseren ersten Tough Mudder (n Arnsberg, 18 km, d. Red.) dann tatsächlich irgendwie überstanden, gefinished, wie der Fachmann das nennt. Wir waren nicht die Schnellsten, vermutlich nicht mal unter den ersten 100, aber was soll’s – wir wollten da gemeinsam als Team durch und haben das auch geschafft. Erschöpft, entkräftet, schmutzig wie Bergleute nach einer Doppelschicht, aber glücklich. Und irgendwann später, am brennenden Lagerfeuer, mit Schürfwunden an den Armen, Knien aus Pudding und Schmutzpartikeln in Ohren und Nase, verstand ich auch den ersten Teil des Satzes, der mich den ganzen Tag verfolgt hatte: «Life begins at the end of your comfort zone.» Es stimmte. So lebendig hatte ich mich seit Monaten, ach was, seit Jahren nicht mehr gefühlt. Ich kapierte plötzlich, was der Arzt und Bestsellerautor Eckart von Hirschhausen gemeint haben könnte, als er schrieb: «Investiert euer Geld nicht in materielle Sachen, investiert in Erlebnisse!» Es ist ja wirklich so: Das dritte Paar Sneakers macht auch nicht hipper, das Cabrio in der Garage nicht glücklicher, jedenfalls nicht lange. Zu Hause auf dem Sofa wird man keine Abenteuer erleben – selbst, wenn es ein teures Designerstück ist. Abenteuer erlebt man, wenn man an seine Grenzen geht, Neues entdeckt, andere Menschen, fremde Länder, sich selbst besser kennenlernt. Und das kann man nur da draußen, außerhalb der eigenen Komfortzone.»

«Willkommen in der Todeszone von Tschernobyl …»


…  sagt Alex lächelnd und so lakonisch, als erwarte er uns für eine Führung im Wuppertaler Zoo. Wow. Sechs Worte, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Ein Satz für die Ewigkeit, einer aus der Kategorie «Sir, Ihr Hubschrauber steht jetzt bereit» oder «Real Madrid am Telefon, haben Sie in den nächsten drei Jahren schon was vor?». Irgendwie surreal. Für mich war Tschernobyl bis vor ein paar Monaten – wie für viele von euch vermutlich auch – bloß der abstrakte Inbegriff einer nuklearen Katastrophe, eine formidable Schweinerei, die sich ein paar Jahre vor meiner Geburt ereignet hatte. Detailwissen? Überschaubar. Ich musste erst einmal nachschlagen, was damals passiert ist: Der Unfall vom 26. April 1986 im Kernkraftwerk von Tschernobyl gilt als die größte Katastrophe der Technik-Geschichte. Durch eine Verkettung von Bedienungsfehlern und miesem Krisenmanagement kam es vor 30 Jahren zu einem Brand in einem der Reaktoren des Kernkraftwerks und infolgedessen zu einer Kernschmelze, dem größten anzunehmenden Unfall in einem Atomkraftwerk.»

Keine Lust auf Hardcore-Extremsportaktivitäten


«Es ist mir auch wichtig, dass ich mich von bestimmten «Abenteurern» abgrenze. Ich bin beispielsweise ganz sicher kein Base-Jumper, Brückenspringer, S-Bahn-Surfer oder Roofer. Ich mache etwas anderes: Urban Exploring, Bushcrafting, Trekkingtouren, Survival – ja, das alles kommt hin, so sehe ich mich, damit kann ich mich identifizieren. Aber Roofer z. B. suchen in meinen Augen vor allem den Thrill und das Risiko. Sie klettern nicht auf Fabriken, Hochhäuser oder Baukräne, um von dort oben die Aussicht zu genießen, jedenfalls nicht in erster Linie. Roofern geht es um die Gefahr, darum, das Risiko zu steigern, immer spektakulärere Selfies zu machen. Das mag seinen Reiz haben und ist sicher auch extrem spannend, super gemacht, artistisch – aber eben nicht meins. Diese Extremsportarten haben schon Todesopfer gefordert.»

Produktive Angst, blockierende Angst


«‹Sag mal, Fritz, hast du denn nicht Angst so ganz alleine nachts im Wald?› Auch das ist eine Frage, die mir immer wieder mal gestellt wird. Das ist interessant, weil offenbar in den Köpfen der Menschen das Leben in der Natur gleichgesetzt wird mit Kontrollverlust und Gefahr. Vermutlich ist es ab 20 Uhr in jeder verlassenen Fußgängerzone einer deutschen Großstadt aber gefährlicher als im Wald. Klar gab es Momente, in denen ich mich gefürchtet habe, gerade bei meinen ersten Touren. Dagegen kann man sich vermutlich auch gar nicht wehren, wenn man – wie ich – mit Märchen groß geworden ist. «Hänsel und Gretel gehen durch den dunklen Wald …» – wer kennt das nicht? (…)  Rational betrachtet, ist diese Angst natürlich unbegründet. Die Wahrscheinlichkeit, im Wald einem Kettensägenmörder zu begegnen, dürfte relativ gering sein. Aber natürlich habe ich trotzdem manchmal ein ungutes Gefühl in bestimmten Situationen. Und sei es nur, dass ich vor Schreck zusammenzucke, wenn ich im Dunkel des Waldes von einem Eichhörnchen aufgeschreckt werde. Oder wenn ich durch eine düstere, verlassene Fabrik laufe und plötzlich eine Katze durch die Räume schleicht.»

Urban Exploring


«Im Schutz der Dunkelheit in die Unterwelt einer Stadt abzutauchen oder ein leerstehendes Hochhaus, eine alte Fabrik im Ruhrgebiet zu erforschen ist ein unbeschreibliches Gefühl für mich. Eine Mischung aus Freiheit, Abenteuerlust, Neugier und Nervenkitzel. (…) Manche Orte ziehen mich so stark in ihren Bann, dass ich jeden Winkel erkunden will. Felix Stephan schrieb 2012 in der Süddeutschen Zeitung über Urban Exploring, dass ihn allein die Namen an «eine andere, ferne Zeit» erinnerten, ‹eine Zeit, in der die Leute noch Pepita-Hüte trugen, in der das Wirtschaftswunder brummte und Deutschland geteilt war: Drahtwalzwerk Ruhrort, Kokerei Prosper, U-Bootsbunker Elbe II, Raketenbasis Psydna›.»

Survival


«Bei Survival geht es hauptsächlich darum, aus einer gewissen Notsituation heil herauszukommen, mit minimaler Ausrüstung in die Natur zu gehen und dort zu überleben. Hatten wir ja gerade. Der Unterschied zwischen Survival und Bushcraft verschwimmt bekanntlich immer ein bisschen. Während es beim Bushcraft für mich eher darum geht, die Natur zu genießen, eins mit ihr zu werden und einfach mal abzuschalten, steht beim Survival, wie das Wort schon sagt, das Überleben im Fokus. In meinem Verständnis gehören dazu drei elementare Punkte, die ich hier einmal konkreter erläutern möchte: Feuer, Wasser und Lagerbau.»

Lost Places


«Ich werde einige Fragen offenlassen. Das hat nichts mit Faulheit oder Geheimniskrämerei zu tun, sondern mit dem Ehrenkodex, der uns Lost-Places-Abenteurern sehr wichtig ist. Wir sprechen nicht öffentlich darüber, wo genau die Plätze zu finden sind, die wir aufgesucht haben. Ich vermeide es auch in meinen YouTube-Filmen, Hinweise auf den konkreten Ort des Geschehens zu liefern. Wir möchten einfach verhindern, dass zu viele Menschen von diesen Lost Places erfahren, und vor allem jene Leute von diesen Plätzen fernhalten, die ihnen nicht den notwendigen Respekt entgegenbringen.
Wir möchten die verlassenen Bunker, die unterirdischen Fabriken oder verwaisten Krankenhäuser aufspüren, um sie mit unseren Filmen und Fotos für die Ewigkeit zu dokumentieren – wir machen ihnen sozusagen unsere Aufwartung. Was wir aber sicher nicht wollen, ist, dass durch unsere Hinweise Leute angelockt werden, die dort bloß Verwüstung und Chaos hinterlassen und die Aura eines solchen Ortes nachhaltig zerstören. Selbstverständlich nehmen wir auch nichts mit von dem, was wir an den verlassenen Orten finden, und sei es auch noch so reizvoll. Auch das gehört zu unserem Ehrenkodex: Wir bilden ab, was wir sehen, aber wir verändern nichts.»

Law & Order


«Ich hätte natürlich damit rechnen müssen, dass es früher oder später einmal zu so einer Situation kommen würde. Lost-Places-Jäger, das weiß ich ja, bewegen sich rechtlich fast immer in einer gewissen Grauzone. Im Grunde war das, was wir da meistens machten, offiziell Hausfriedensbruch. Oder wie man im Österreichischen so putzig sagt: Besitzstörung. Auch wenn wir nachweislich nicht die Absicht haben, etwas mitgehen zu lassen oder einzubrechen, bleibt der Tatbestand bestehen: Wir nehmen es in Kauf, uns unbefugt auf fremdem Grund und Boden aufzuhalten. Zum Glück ist Hausfriedensbruch ein Antragsdelikt. Werde ich von der Polizei oder einem Wachdienst an einem Ort aufgegriffen, an dem ich nichts verloren habe, werden meine Personalien festgestellt, und an den Besitzer des jeweiligen Gebäudes geht eine Meldung darüber raus. Der müsste mich nun anzeigen, wenn das Delikt weiterverfolgt werden soll, was er in der Regel nicht macht. Warum auch? Ist ja nichts weggekommen, nichts zerstört worden. Und es ist ja doch lästig, seine Zeit mit so offensichtlich sinnlosen Klagen zu verplempern. Meistens kommen wir also ungeschoren davon – toi, toi, toi. Aber klar, rechtlich bewegen wir uns in einer Grauzone …»

Top