29.08.2016   von rowohlt

«Das ist Wahnsinn, Ahlam!»

Wie der Islamismus eine Gesellschaft auf der Schwelle zur Demokratie spaltet – Marc Trévidic im Interview

© Frédéric Stucin Pasco
© Frédéric Stucin Pasco

Als der französische Maler Paul im Jahr 2000 nach Kerkennah kommt, ist die tunesische Inselgruppe ein friedliches Paradies. Er schließt Freundschaft mit der Familie des Fischers Farhat, unterrichtet deren Kinder Ahlam und Issam in Musik und Malerei. Dann kommt 9/11, und Schritt für Schritt wird alles anders. Der Arabische Frühling zwingt Staatspräsident Ben Ali ins Exil, der Kampf zwischen demokratischen Reformern und religiösen Fanatikern verschärft sich. Auch durch die Familie Farhat zieht sich ein Riss: Während Ahlam in der tunesischen Revolution die Chance sieht, ein Leben als freie, unabhängige Frau zu führen, schließt sich ihr Bruder Issam einer salafistischen Zelle an … «Trévidic zeigt in seinem exzellenten Roman, wo die Hoffnung liegt.» (El País)


Marc Trévidic, 1965 in Bordeaux geboren, zählt zu Frankreichs berühmtesten Richtern. Früh setzte sich der Jurist mit der Genese islamistischer Radikalisierung auseinander; zehn Jahre arbeitete er als Anti-Terror-Richter in Paris (unter anderem verhörte er einen jungen Syrienheimnkehrer, der in Kontakt zu einem der Bataclan-Attentäter stand). Seit 2015 ist er Stellvertretender Präsident des Landgerichts in Paris. Im Interview erzählt er, was ihn zu seinem ersten Roman «Ahlam oder Der Traum von Freiheit» inspirierte. 

Das Interview


Sie gelten als Frankreichs berühmtester Richter und Terrorexperte. Weshalb haben Sie nun einen Roman geschrieben?
Ich hatte schon einige Sachbücher und Essays verfasst und war an die Grenzen dieser Gattung gestoßen. Ich wollte über Kunst und Fanatismus schreiben. Es gibt mehrere Stufen des Verstehens, doch wenn es um Einsicht in die Psyche eines Menschen geht, bringt es sehr viel mehr, ihn dabei zu zeigen, wie er handelt, wie er denkt, das Wechselspiel zwischen ihm und seinem Umfeld aufzuzeigen. Von welchen psychischen Triebfedern werden Menschen gesteuert? Anhand von Romanfiguren kann der Leser, über das rein rationale Verstehen hinaus, auch die abgrundtief menschlichen, mitunter irrationalen Seiten des Phänomens der Radikalisierung nachempfinden. Die Schönheit der Kunst lässt sich nicht erklären, nur nachempfinden. Dasselbe gilt für den Fanatismus.


Was wissen Sie darüber, wie die Dschihadisten vorgehen, um junge Leute anzuwerben? Sind die Szenen im Buch real?
Es gibt vielfältige Methoden der Anwerbung, abgestimmt auf die Persönlichkeit des Menschen, den man anwerben will. Einen orientierungslosen Jugendlichen, der bildungsfern und vor allem ohne religiöse Erziehung aufgewachsen ist, wirbt man anders an als einen gut integrierten Jugendlichen, der gelernt hat, seinen Verstand einzusetzen, und das auch in Sachen Religion. Dieser Roman beschäftigt sich also nur mit der Radikalisierung eines bestimmten Personentyps. Issam ist kein orientierungsloser Jugendlicher. Er ist Künstler, jemand, der die besten Voraussetzungen für ein erfülltes, erfolgreiches Leben mitbringt und sich am Ende trotzdem von dem lossagt, was ihm das Liebste ist: von der Malerei. Desgleichen wird er sich von den Menschen abwenden, die ihn lieben und unterstützen. Fernab aller Klischees konfrontiert uns Issams nicht endgültig geklärtes Abdriften in den Fanatismus mit der Frage: Wie konnte das nur passieren? Eine Frage, die ich mir im Verlauf meiner Verhöre immer wieder gestellt habe. Vor allem dann, wenn mein Gegenüber ein intelligenter junger Mensch war, gebildet und sozial gut integriert. Nicht immer habe ich eine Antwort gefunden. Und natürlich habe ich aus meiner Erfahrung geschöpft, um meine Charaktere und die eine oder andere Szene zu konstruieren. Mein Roman ist eine Fiktion auf dem Sockel  der Realität.


Warum haben Sie Ihren Roman auf den Kerkennah-Inseln angesiedelt?
Ich wollte, dass die Handlung in Tunesien spielt, jenem Land, in dem die Konfrontation zwischen einer nach Demokratie strebenden Zivilgesellschaft und dem religiösen Fanatismus einem sehr direkt ins Auge springt, wobei der Ausgang noch gänzlich ungewiss ist. Und ich habe, um den fulminanten Anstieg  des religiösen Fanatismus in Tunesien zu unterstreichen, bewusst eine heile, weltferne Insel gewählt, damit eines klar wird: dass heute niemand mehr auf einer Insel lebt und kein Mensch sicher vor den Fangarmen des Fanatismus ist.


Was können unsere Regierungen Ihrer Meinung nach besser machen im Kampf gegen den Terror?
Zwischen Ursache und Wirkung differenzieren: Denn der Terrorismus ist nur der nicht zu übersehende, brutale Kausaleffekt; Auslöser aber ist die Radikalisierung eines Teils der Bevölkerung. Bevor sie Maßnahmen ergreift, sollte eine Regierung sich fragen, ob die geplante Maßnahme geeignet ist, die Ursachen zu bekämpfen oder nur deren Auswirkungen. Man kann eine Ideologie nicht allein mit dem Strafgesetzbuch bekämpfen oder gar mit Waffen. Sicher kann man eine Terroristengruppe zu einem gegebenen Zeitpunkt vernichten, al-Qaida oder den Islamischen Staat, aber immer wird eine andere Gruppe unter einem anderen Namen neu erstehen.

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