05.07.2018   von rowohlt

Claude Lanzmann ist tot

«Ich bin von der Welt weder übersättigt noch ermattet, und hundert Leben … würden mich nicht müde machen»

© Cathérine Hélie/Gallimard
© Cathérine Hélie/Gallimard

Widerstandskämpfer, Wegbegleiter von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Regisseur, Schriftsteller: Claude Lanzmann, einer der wichtigsten europäischen Intellektuellen der Gegenwart, ist tot. Sein filmisches Mammutwerk «Shoah» (1985) über den Massenmord an den europäischen Juden machte ihn weltberühmt. Seine Autobiografie «Der patagonische Hase» ist eine Fundgrube für alle, die sich mit den Tumulten und Tragödien des 20. Jahrhunderts befassen. 2015 erschien «Das Grab des göttlichen Tauchers», ein Band mit den Höhepunkte seines journalistischen Schaffens – eine tour de force durch die großen europäischen Debatten der letzten 60 Jahre. Am 5. Juli 2018 ist Claude Lanzmann im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben.

«Shoah» – ein einzigartiges Werk


«Shoah», Lanzmanns Auseinandersetzung mit dem Holocaust
, ist in jeder Hinsicht ein Solitär. Aus 350 Stunden Bildmaterial wurde ein zweiteiliger Dokumentarfilm, eine neuneinhalbstündige unerbittliche Konfrontation mit dem «Unaussprechlichen». Kein Archivmaterial, ausschließlich Gespräche mit Opfern, Tätern und die Vergegenwärtigung von Orten der Vernichtung. Zwölf Jahre hatte er auf Recherchereisen nach Holocaust-Überlebenden gesucht – und nach Tätern, die bereit waren, mit ihm zu sprechen. «Mit ‹Shoah› hatte Lanzmann ein Denkmal aufgerichtet, das dauerhafter sein wird als Erz. Dieser Film wird Menschen auch noch in 500 Jahren – wenn wir uns bis dahin nicht gegenseitig mit Atombomben von der Erdkugel gepustet haben.» (Hannes Stein, Die Welt)


Finanziell unterstützt wurde Lanzmann dabei vom Westdeutschen Rundfunk in Köln; Wilfried Reinhart, der ehemalige Leiter der WDR-Filmredaktion, musste nicht lange von dem Mammutwerk überzeugt werden: «Wir kannten Lanzmanns ersten Film («Warum Israel?», 1973 – d.Red.) und haben sofort ja gesagt. Wir ließen ihm alle Freiheiten, denn uns war klar: Dies ist ein ganz großes Thema, und Lanzmann ist der richtige Mann dafür. ‹Shoah› ist ein Gegenfilm. Ein Gegenmittel gegen Museen und Mahnmale, die Lanzmanns Meinung nach die Erinnerung verwalten.»


«Seine gnadenlose Unerbittlichkeit vermittelt den Opfern eine Identität», schrieb Jürg Altwegg im Herbst 2010 in der Rowohlt Revue. «Mit Aufarbeiten oder Bewältigen hat das bei Lanzmann nichts zu tun. Er strebt den Sieg über die Zeit an, die «bei ‹Shoah› nie aufgehört hat, nicht zu vergehen».

«Der patagonische Hase»: ein Stück Weltliteratur


«Ein epochales Meisterwerk»
nannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung Lanzmanns Autobiographie. «Es beschwört das vergangene Jahrhundert mit unvergleichlicher suggestiver Kraft.» 1925 als Kind jüdischer Eltern in Paris geboren, war sein Weg in die Résistance familiär vorgezeichnet. Den schwelenden Antisemitismus hatte er als Schüler am Lycée Condorcet am eigenen Leib erfahren. Vom Vater im Sinne eines militanten Antifaschismus erzogen, warf sich Lanzmann als 18-Jähriger in den Widerstand in Clermont-Ferrand und später in den Partisanenkampf in der Auvergne.


Im «Patagonischen Hasen» erzählt Lanzmann von seinen beiden prägenden deutschen Nachkriegsstationen: Wie er als junger Philosophiestudent der Pariser Sorbonne durch die Vermittlung des Schriftstellers Michel Tournier ein Stipendium in Tübingen erhielt, 60 Mahlzeiten pro Monat und ein Zimmer in der Hegelstraße inklusive. Und wie es kam, dass er im Wintersemester 1948/49 an der neugegründeten Freien Universität Berlin Vorlesungen über Antisemitismus hielt – als 23-Jähriger.


In seiner 1977 publizierten Autobiografie hat Tournier den «Tübinger Lanzmann» prägnant beschrieben: «Mehr noch als durch seinen wachen Geist und seinen scharfen verstand wurde er in unserem Grünwiesel durch sein Wesen populär: Ganz der ewige Jude, jammernd, zynisch, mit Absicht ‹unmöglich› daherredend, baute er eine Theorie nach der andern um die großen Probleme seines Lebens: seine Gesundheit, das Geld und die Frauen.»


Apropos Frauen: Von 1952 bis 1959 unterhielt Lanzmann eine Liebesbeziehung mit Simone de Beauvoir, der er bis zu ihrem Tod 1986 eng verbunden blieb. Im Bunde mit «Castor und Pollux», mit Beauvoir und Sartre, war er der Dritte: privat, politisch, publizistisch. Nach dem Tod der beiden Freunde wurde er Herausgeber der Zeitschrift Les Temps Modernes – und ist es bis heute.

«Das Grab des göttlichen Tauchers» – das journalistische Werk


Nicht zufällig ziert das Cover
von Lanzmanns neuem Werk der Taucher auf dem berühmten Fresko im süditalienischen Paestum: ein wagemutiger Mann, der kopfüber von einer Säule ins Wasser springt. So hat Claude Lanzmann sich in die Abenteuer seines Lebens gestürzt: Kopfsprünge ins Ungewisse. Der Sammelband «Das Grab des göttlichen Tauchers» enthält eine Auswahl seiner wichtigen journalistischen Arbeiten (viele davon erschienen in Les Temps Modernes).


Die Themen sind so vielfältig wie Lanzmanns Interessen und Passionen. Große Reportagen über die ersten Israel-Reise eines Papstes nach der Gründung des Staates Israel; die Flucht des jungen Dalai Lama 1959 nach Indien; das Verbrechen eines katholischen Priesters, der seine Geliebte und deren ungeborenes Kind tötete und aus Gründen der Kirchenraison nur mild bestraft wurde. Brillante Porträts: Jean-Paul Sartre, Jacques Tati, Marcel Marceau, Richard Burton, Soraya, Kaiserin des Iran, Charles Aznavour, Jean-Paul Belmondo, Serge Gainsbourg, Rainer Werner Fassbinder.


Außerdem: «Politische und polemische Kämpfe», u.a. zum Algerienkrieg, zu Arthur Koestler, Ariel Scharon, Mahmoud Abbas, Francois Mitterand, Steven Spielberg («Schindlers Liste»), Texte «rund um Shoah», Würdigungen, Grabreden – und fünf Erzählungen.

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