08.05.2017   von rowohlt

Cheers, Thomas Pynchon! Glückwunsch zum 80. Geburtstag des «großen Verschwinders»

«Es ist ein Witz, dass er den Nobelpreis nicht hat und ich habe ihn … Das ist gegen die Naturgesetze» (Elfriede Jelinek)

© Matrix Buchkonzepte
© Matrix Buchkonzepte

Irgendwann ist er einfach von der Bildfläche verschwunden: Thomas Pynchon der «berühmteste Abwesende der modernen Literatur» (FAZ). V. wie: verschanzt, verschollen, verschwunden. Undercover in eigener Sache. Er ist der Mann, den (fast) niemand kennt. Der sich vor einem halben Jahrhundert aus der Öffentlichkeit verabschiedete. Der älteste junge Mann der Gegenwartsliteratur – sein letztes veröffentlichtes Konterfei stammt von 1957. Immerhin seine Stimme kennt man, unter anderem von mehreren Gastauftritten bei den «Simpsons». Pynchon hat von jeher polarisiert – jeder seiner Romane hat feurige Bewunderer wie kalte Verächter im Schlepptau. Für viele ist er schlicht und ergreifend der beste Schriftsteller der Welt. Am 8. Mai 2017  ist Thomas Pynchon 80 geworden. Congratulations!

Über Thomas Pynchons Werk


Stern: «Pynchon lesen ist wie ein Sabbatical von all dem Müll, der uns umgibt.»
Fritz J. Raddatz: «Ein Wunderwerk moderner Prosa.»
Der Tagesspiegel: «Kein Autor hat die Idee Amerika gnadenloser und auf höherem literarischen Niveau demontiert als Thomas Pynchon – und damit die amerikanische Fähigkeit zu Selbstreflexion und Erneuerung grandios bewiesen.»
Die Welt: «Der Shakespeare der Popkultur.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Wer jetzt immer noch behauptet, Thomas Pynchon könne keine echten, liebens- und beschützenswerten Figuren entwerfen, der hat nicht alle Stecker in der Platine.» 
Süddeutsche Zeitung: «Eine Million Wörter soll das Englische umfassen. Wo stecken sie alle? Na, hier!» 
Die Zeit: «Poetisch explodiert die Sprache, grell leuchten die Sätze, es ist ein Gleiten und Schweben über Oberflächen, die aussehen wie unsere Welt und doch nach ganz anderen Gesetzen funktionieren.»
Berliner Zeitung: «Zu Trump ist Pynchon bisher noch nichts eingefallen. Er hat zwar viel über Erektionswinkel und Flugkurven von Hitlers V-2-Raketen spekuliert, aber einen Präsidenten, der wie Dr. Seltsam auf phallischen Riesenbomben reitet, hätte selbst Doc Sportello für einen schlechten LSD-Trip gehalten.»

Am Nasenring durch die Manege der Möglichkeiten geführt


Rasch ausgebreitet ist das gesicherte Wissen über den großen Unsichtbaren, den Großmeister des verschachtelten Erzählens und Liebhaber großer Mystifikationen. 1937 in Glen Cove, auf Long Island als Sohn eines Landvermessers geboren. Studium der  Physik und später der englischen Literatur an der Cornell-Universität (u.a. bei Vladimir Nabokov). Technischer Redakteur bei den Flugzeugwerken Boeing in Seattle. Werke: «V.» (1963), «Die Versteigerung von No. 49» (1966), «Die Enden der Parabel» (1973), «Spätzünder» (1984), «Vineland» (1990), «Mason & Dixon» (1997), «Gegen den Tag» (2006), «Natürliche Mängel» (2009), «Bleeding Edge» (2012).


Entfremdung und Paranoia, Entropie und Utopieverlust, Raubtierkapitalismus und Revolte – das waren schon immer Pynchons Themen. Seine Romane sind Gespräche der USA mit sich selbst, gesampelt wie Musik aus Tausenden von Splittern: Politphrasen, Werbesprüche, Wissenschaftschinesisch, literarische Zitate, Modemarken, Songzeilen, Black-Metal-Gruppen, Jugendslang, Eiskremsorten, Figuren aus Filmen und TV-Soaps, Comic Strips. Computerspiele, Kugelblitze, vierdimensionale Landschaften. Nie hat jemand derart obsessiv-vergnügt über Paranoia und Verschwörungen geschrieben. Geheimbünde, Dunkelmänner, Illuminaten. Das amerikanische Postwesen: unterwandert. Die Machthaber: gefährliche Verrückte. Die Protagonisten seiner Geschichten: desolate Alt-Hippies, Spinner, Sektierer aller Art, traumatisierte Kriegsüberlebende, Hacker, CIA-Desperados, Fußfetischisten

«Paranoia ist der Knoblauch in der Küche des Lebens – man kann nie genug davon haben»


Zum Beispiel: «Gegen den Tag», Pynchons Nr. 6, ist eine aberwitzige Geschichte auf 1596 Seiten. Ein Backstein von einem Abenteuerroman, dünn und leicht gelbstichig wie Bibelpapier. Die Schrift auf dem Umschlag: gedoppelt. Das rote Siegel: kryptisch, vermutlich nur von professionellen Pynchonites zu entschlüsseln. Aber der Mann hat anderes im Sinn als simple Spielchen mit Spiegelungen, Doppelungen und parallelen Identitäten. Sein Konzept heißt Bilokation: Pynchons Romanfiguren können in zeitlich und räumlich getrennten Welten völlig unabhängige Leben führen. Derartige Zauberei ist exquisites Futter für die klandestin operierende Armee der Pynchon-Archäologen in aller Welt.  Der historische Hintergrund des Mega-Romans reicht von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Wir sind hier überall und nirgends unterwegs, in Chiapas und Irkutsk, Göttingen und New York, Hollywood und Paris. Über Zeiten und Kontinente hinweg geht die Reise mit dem wasserstoffgetriebenen Luftschiff INCONVENIENCE. An Bord: fünf Glücksritter der Lüfte, die «Freunde der Fährnis» – und der Henry James lesende Hund Pygnax … Let Zeppelin!


Zum Beispiel: «Bleeding Edge». Frühjahr 2001, die Dotcom-Blase ist geplatzt, viele Existenzen, Firmen und Visionen sind ruiniert. Maxine Tarnow führt auf New Yorks Upper West Side eine kleine Betrugsermittlungsagentur mit dem zupackenden Namen «Tail 'Em and Nail 'Em» (Jag' sie und erleg' sie). Die staatliche Detektivlizenz ist ihr entzogen worden, ein Glück – umso freier kann sie bei ihren Jobs agieren; auf eigene Faust ermitteln, die Damen-Beretta in der Handtasche, das ist ihr Ding. Nebenher kümmert sie sich als gute jüdische Mama um ihre beiden Jungs Otis und Ziggy, die an der Otto-Kugelblitz-Schule, einer «Klapsmühle mit Hausaufgaben», auf die Wechselfälle des Lebens vorbereitet werden. Als ein Computernerd Maxine von seltsamen Buchungen und Kontenbewegungen des Technologie-Startups hashlingrz berichtet, ahnt sie, dass sie einer großen Sache auf der Spur ist. Nur: welcher? Geldwäsche, Unterstützung arabischer Terroristen, Projekte der neuen Mafia, Geheimdienste aller Couleur – wer plant was, wer steckt mit wem unter welcher Decke? 


Willkommen im Pynchon-Kosmos! «Im Englischen gibt es ihn  ganz sicher – den Pynchon-Sound. Das Charakteristische, finde ich, ist die unglaubliche Virtuosität im Wechsel der Tonlage. Es gibt manchmal Parodien, die ungeheuer lustig sind, die dann  aber unvermittelt umkippen und einen ganz tief berühren. Großartig, wie er das macht.» (Pynchon-Überstzer Nikolaus Stingl)

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