21.01.2016   von rowohlt

Chaos, Pickel und Hormone

«Als Autorität bin ich ein Witz»: Jan Weiler weiß, wie Pubertiere ticken

© Till Hafenbrak
© Till Hafenbrak

Nun ist es passiert! Hat Jan Weiler in seinem Bestseller «Das Pubertier» mit Witz und Verve vom Leben mit Carla, der Älteren, erzählt, ist nun auch Sohnemann Nick im «Reich der Pubertiere» eingetroffen. Wie man weiß, gibt es diese Spezies ja in zwei verschiedenen Ausführungen. In der Regel heißt das: doppelter Stress, aber manchmal auch: doppelter Spaß! Wie sich die Pubertiermädels und -jungs unterscheiden und worin sie sich nervigerweise absolut gleichen, davon erzählt dieser hinreißend geschriebene  (und von Till Hafenbrak kongenial illustrierte) Band. 

Die Tyrannei der Jugend

Als Vater von zwei Pubertieren macht man was durch! Um einigermaßen schadlos den häuslichen Alltag mit Heranwachsenden wie Carla und Nick zu überstehen, benötigt man ein robustes Nervenkostüm, eine Prise konfuzianische Gelassenheit und jede Menge Lernfähigkeit. Und nicht zuletzt eine gewisse olfaktorische Indifferenz: Je unempfindlicher die eigene Nase geruchstechnisch auf die Herausforderungen der Pubertät reagiert, umso besser.
Eltern sind für Pubertiere vor allem eins: alt. Also endspießig. Und meist krass peinlich – speziell wenn sie sich am Jugendslang versuchen («Yo, Papa Checker is in da house») oder öffentlich das Tanzbein schwingen – dann windet sich das Jungvolk in Fremdschäm-Krämpfen. Dafür bringt es mitunter spektakulär viel Energie für bizarre Projekte auf. Nick etwa hat mit einem Kumpel eine Partei gegründet, die SPD. Auf den klugscheißerischen Hinweis seines Vaters, eine Partei dieses Namens gebe es bereits, antwortet er: «Stimmt, aber bei uns steht SPD für Snowboard-Partei Deutschlands.» Eine klassische Ein-Programmpunkt-Partei: Bau einer Snowboard-Anlage auf dem Schulgelände plus Garantie einer ganzjährigen Beschneiung (Ausnahme: der August, weil dann eh keine Sau da ist). Und siehe da: Bei den Wahlen in der Schule gewinnt die SPD tatsächlich; allerdings handelt es sich um Madeleines SPD, die Süßigkeiten-Partei Deutschlands
Leicht ist das Leben wirklich nicht, wenn das Pubertier gleich als Doppelpack im Familienverbund auftritt. «Als Berater tauge ich nicht mehr, als Autorität bin ich ein Witz, gelte jedoch immerhin als astreiner Chauffeur, besonders nachts gegen vier Uhr, wenn kein anderer Vater mehr ans Telefon geht. Ich transportiere dann angeheiterte Nasskämmer bis in entlegene Teile des Bundesgebiets, weil meine Tochter Carla ihnen das so versprochen hat. Sie ist sechzehn Jahre alt und hat mich fest im Griff.» Und klaut ihrem Vater so manches weg, vom Zweithandy bis zum Rasierschaum für ihre Pubertierbeinchen.
«Das Anstrengende an Jugendlichen ist, dass sich ihre Weltsicht doch sehr stark durch Ablehnung auszeichnet. Wobei ich verstehen kann, wenn ein Pubertier dröhnend postuliert, dass es Fußpilz und Zitronat nicht leiden kann. Häufig bezieht sich die Abscheu jedoch auf Dinge und Personen, die einem nicht im Traum als besonders negierungswürdig eingefallen wären. Ich weiß zum Beispiel absolut nicht, was gegen meine Person einzuwenden ist.»

Pralinen, Pommes, Kinderschänder

Kurzer Blick auf Nick, 13 Jahre alt, voll in der Pubertät. Ein Draufgänger und gefürchteter Witzeerzähler. Darüber hinaus mit allem gesegnet, was eine anständige Pubertät bei Jungs so ausmacht: «Er klingt momentan wie ein Dudelsack, wächst wie ein Schnittlauchhalm und futtert wie ein Maurer nach der Doppelschicht. Wenn Carla und er gleichzeitig zu Hause sind, entschleunigen sie in dramatischem Tempo und verbringen große Teile des Tages auf der Wohnzimmercouch. Sie erinnern dann sehr an Bradypus variegatus, ein Dreifingerfaultier, das eigentlich in Südamerika wohnt und seinen Baum nur ein Mal pro Woche verlässt, um im Erdgeschoss aufs Klo zu gehen.»
Zu den Highlights des Bändchens gehört die Notfall-Episode. Es geht um etwas, was Jan Weiler von Herzen hasst: das Telefonieren in vollbesetzten Zügen. «Mein Beruf besteht hauptsächlich darin, irgendwo zu sitzen. Ganz besonders viel sitze ich in Zügen. Und dort telefoniere ich äußerst ungern. In Zügen telefonieren nur Idioten, Volltrottel und ich. Mit Carla.»
Carla ruft mehrmals am Tag an, immer sind es absolute Notfälle. So auch diesmal, als ihr Vater auf der Strecke zwischen Stuttgart und München unterwegs ist, in einem Abteil voller emsig vor sich hinarbeitender Mitmenschen. In diese meditative Stille hinein platzt Carla. Sie braucht Hilfe, und zwar: pronto. Ein Referat über Belgien. Papa muss helfen. Weshalb? Weil Carla sich dringend um Emma kümmern muss; die hat sich internetmäßig schwer verliebt in einen Typen namens Pussylover2005, hinter dem sich nur der supersüße Matthias Schweighöfer verstecken kann, da ist sich Emma ganz sicher. Ist auch egal. Carla jedenfalls hat keine Zeit, ein Belgien-Referat muss her, und den Wikipedia-Eintrage will sie auch nicht einfach kopieren.
«Drei Stichworte zu Belgien? Jetzt hier so auf die Schnelle? Ja, weiß ich auch nicht, ähhh, Pralinen, Pommes, Kinderschänder …» Irgendwann ist das endlos lange Gespräch dann beendet, Herr Weiler schaut sich entschuldigend im Abteil um. «Fünf Minuten später beugte sich die Dame von gegenüber nach vorne, guckte über ihren Laptop und sagte: ‹Meins geht über den Amazonas.›»

«Pubertät ist ein Arschloch»

Was man hier alles so erfährt! Dass Punica ein extrem textlastiges Getränk ist (und deshalb ausgesprochen  segensreiche Auswirkungen auf die schulischen Leistungen von Carlas Pubertier-Clique hat). Worin sich weibliche und männliche Pubertiere unterscheiden (Mädels: Schimpfen, Feiern, Schlafen. Jungs: Schweigen, Eitern, Stinken). Aber das ist längst nicht alles, auch weltpolitisch Brisantes wird hier verhandelt:
Sollten Sie sich zufälligerweise gelegentlich fragen, was Kim Jong-un, der nordkoreanische «Universaldiktator», so treibt, wenn er für Wochen oder Monate von der Bildfläche verschwindet (und die Welt sich fragt: Hat er Liebeskummer, Herpes, Schönheitsschlaf? Macht er Diät? Oder ist er gar tot?) – hier erfahren Sie es! Hammer, absoluter Hammer!
Kurze Bilanz: 1. «Pubertät ist ein Arschloch»! 2.  Wie öde, trist und leer wäre das Leben ohne unsere geliebten Pubertiere!

Top