19.07.2019   von rowohlt

Camilleri lesen: ein Vergnügen!

Er war einer der Großen der italienischen Gegenwartsliteratur: Andrea Camilleri (1925–2019)

© Basso Cannarsa
© Basso Cannarsa

Auch wenn ihn viele am ehesten als Schöpfer der Commissario-Montalbano-Krimis kennen: Andrea Camilleri, 1925 im sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geboren, war als Schriftsteller ungeheuer produktiv. Historische Romane, Kindheitserinnerungen, Kriminalromane, Verwechslungskomödien, politische Essays: Mehr als 100 Bücher gehen auf sein Konto – und das, obwohl er sich erst sehr spät, nach dreißig Jahren in Diensten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Italiens (RAI), auf das belletristische Schreiben konzentrierte. Seine Leser*innen haben ihn verehrt: für seinen Scharfsinn und Charme, den menschenfreundlichen Humor, die Respektlosigkeit gegenüber den Mächtigen der italienischen Gesellschaft. In diesem Beitrag möchten wir einige von Andrea Camilleris schönsten und wichtigsten Texten vorstellen.

«Prickelnd wie Prosecco ist Camilleris Prosa.» (Corriere della Sera)


Denn es mag sie wohl geben: lesende Menschen, die noch nichts von diesem großen sizilianischen Römer gelesen haben. Wie wäre es, mit der wunderbaren Erzählung «Das Medaillon» zu beginnen? Ein bibliophiles Kleinod, kongenial illustriert von Roberto Innocenti. Es geht um Antonio Brancato, der als Kommandant der Carabinieri in dem Bergdorf Belcolle stationiert ist, nicht weit von Cefalù. Viel mehr gibt es von Belcolle auch nicht zu berichten. Bis zu jenem Tag, als Marta, die Frau des Schäfers Ciccino Barbaro, stirbt. Der alte Ciccino lässt seitdem niemanden mehr an sich heran; wer sich seiner Hütte nähert, dem pfeifen die Kugeln aus seiner Flinte um die Ohren. Der Einzige, dem er den Grund für seinen Schmerz anvertraut, ist Brancato. Nach der Hochzeit hatte Ciccino seiner Frau ein Medaillon geschenkt, mit einem Foto von sich. «Nach ihrem Tode wollte ich mein Gesicht von vor 43 Jahren betrachten» – aber er habe in das Gesicht eines jungen, ihm unbekannten Mannes geblickt. «Helfen Sie mir!», fleht Ciccino unter Tränen. Lieber wolle er sterben als in der Ungewissheit zu leben …


Sie ist jung, bildhübsch, wild wie ein Kind – Arianna, die Frau an der Seite des mehr als 25 Jahre älteren Immobilienmaklers Giulio. Weil der nach einem Autounfall impotent geworden ist, einigt sich das ungleiche Paar auf einen delikaten amourösen Deal. Bei den «Donnerstagstreffen» in der Badeanstalt am Strand von Canneto dürfen sorgfältig ausgesuchte Männer Sex mit der schönen Arianna haben. Giulio ist als Zuschauer der inszenierten Begegnungen immer dabei. Diese kurzen erotischen Episoden sind der Kitt für ihr Liebesbündnis der besonderen Art. Als Mario, ein siebzehnjähriger Gymnasiast, in Ariannas Leben tritt, zerbricht das klar definierte Arrangement, und eine unheilvolle Lawine setzt sich in Gang: Einer wird dieses Spiel nicht überleben. Nur wer – Arianna, Mario oder Giulio? «Mein Ein und Alles» ist ein kurzer, prickelnder Roman, ein Erotikthriller. Nicht dass es dort von Sexszenen wimmeln würde, nein, das nicht – die Sehnsucht, das Begehren, die Erotik selbst sind das Thema.


In welchem Leben gibt es sie nicht – jene gewissen Momente, in denen Dinge plötzlich klarwerden, die bis dahin im dichten Nebel lagen, Momente, in denen sich etwas Entscheidendes verändert? Von solchen Blitzen der Erkenntnis erzählt Andrea Camilleri in «Gewisse Momente», einem seiner schönsten Texte: Reflexionen über Menschen, Situationen, Erfahrungen, die ihn als Autor, als Familienmensch, als politischer Zeitgenosse geprägt haben. Zwei Dutzend hinreißender, kaleidoskopartiger Miniaturen über seine bewegten Jugendjahre auf Sizilien, die lähmende Ära des Faschismus, die Zeit als Theaterregisseur, bevor er ein weltberühmter Schriftsteller wurde. Und auf wen wir in diesen Erinnerungssplittern nicht alles treffen! Das Theatergenie Samuel Beckett, Pier Paolo Pasolini, den Rasenden Roland, Papst Johannes XXIII., Pinocchio und viele andere ...


Wie virtuos Camilleri auch als Autor historischer Stoffe agiert, zeigt neben vielen anderen sein Caravaggio-Roman «Die Farbe der Sonne» – ein fulminantes Kabinettstück, mit ihm selbst als literarischer Figur: Im Spätfrühling 2004 wird ihm, dem berühmten Autor, bei der Aufführung einer antiken Tragödie im Teatro Negro in Syrakus ein Kassiber zugesteckt. Die Anweisung ist klar: Rufe umgehend eine bestimmte Telefonnummer an! Camilleri, von Natur aus neugierig, tut es. Um am folgenden Tag, wie in einer Episode aus einem drittklassigen Gangsterfilm, auf verschlungenen Wegen in ein Landhaus gebracht zu werden, wo ihm ein von zwei dünnen Sperrholzbrettchen zusammengehaltenes Manuskriptkonvolut überreicht wird – angeblich die verschollenen Tagebuchaufzeichnungen des Malers Caravaggio. Nur ein paar Stunden Zeit bleiben ihm, die wichtigsten Passagen abzuschreiben. Sie handeln von einem Mord im Affekt, einer Flucht nach Malta. Und dem irritierenden Phänomen der Schwarzen Sonne ...


Immer wieder sind es autobiographische Splitter, Episoden aus dem eigenen Leben, die zu Literatur werden, etwa in dem schmalen Text «Von der Liebe zum Radfahren». Es geht um die Begegnung zweier Menschen, die später einmal ziemlich berühmt werden sollten. Andrea Camilleri, als er noch ein kleiner Junge im kriegsverwüsteten Sizilien war; und Robert Capa, im Zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter der US Army in Europa eingesetzt. Die dem Bändchen beigegebenen Fotos des späteren Gründers der Agentur Magnum Photos evozieren beim Lesen einen atmosphärisch dichten Film in Schwarz-Weiß. Bilder vom Bombenkrieg, von Hunger, Angst, wechselnden Frontverläufen – und mittendrin ein Junge, Andrea, der in wichtiger Mission unterwegs ist. Mit dem Fahrrad legt er inmitten der Kriegstrümmer die lange Strecke nach Agrigent zurück, um seinen Vater zu finden.


Obwohl in Camilleris Werk stets gesellschaftlich relevante Themen behandelt werden, überrascht er uns in seinen Romanen mit einer wunderbaren erzählerischen Leichtigkeit, einem abgeklärten, philosophisch grundierten Humor. Auch «Die Pension Eva» wird von diesem heiter-melancholischen Ton getragen. Es geht um die sexuelle Initiation des Jungen Nenè, der, welcher Zufall!, in jenem fiktiven (Montalbano-)Vigàta lebt, das Camilleris Heimatstadt Porto Empedocle so verblüffend ähnelt, aus der auch Luigi Pirandello, Siziliens berühmtester Dichter, stammt. Es sind die Jahre, als in Sizilien der Krieg zwischen den Mussolini-Faschisten und ihren deutschen Verbündeten einerseits und den alliierten Truppen hin und her wogt, als die Häuser, Kirchen und Plätze von Vigàta von den Bomberstaffeln ins Visier genommen werden und Straßenzüge sich in Trümmerlandschaften verwandeln. Als der Krieg vorbei ist, ist nichts mehr, wie es mal war. Aus grünen Jungs sind erwachsene Männer geworden. Und ein neues Leben beginnt.


«Liebe Matilda, ich habe wenig im Leben gelernt, und davon erzählte ich Dir jetzt.» So beginnt Camilleri seine erzählerische Autobiografie, die er in Briefform an seine Urenkelin Matilda richtet: «Brief an Matilda. Ein italienisches Leben». «Vielleicht wird Deine Mutter Dir von mir erzählen», schreibt er an Matilda, «aber es ist mir lieber, wenn ich Dir mit eigenen Worten von mir und meiner Zeit berichten kann.»
Camilleri spannt den Bogen von seiner Kindheit im faschistischen Sizilien über die Brigate Rosse, die Korruptionsaffäre «Mani pulite» und Berlusconi bis hin zum heutigen Italien mit seiner rabiaten Migrationspolitik. Und er kommt auf das Scheitern der Europäischen Gemeinschaft als Solidargemeinschaft zu sprechen. Aber auch persönliche Geständnisse enthält sein «Brief an Matilda»: wann (und weshalb) er gelogen hat, wann er sich vom Zorn übermannen ließ und ungerecht war. Und wie er seine Ehefrau Rosetta kennenlernte, wie sie heirateten, wie sein Eheleben aussah.
Ein zutiefst humanes, bewegendes Buch über ein italienisches Leben, das exemplarisch für ein Stück Zeitgeschichte steht.

Das Medaillon

Das Medaillon

Eine charmante Kriminalgeschichte von Andrea Camilleri – Einzigartig illustriert von Roberto Innocenti
Seit fünf Jahren ist Antonio Brancato Chef der Polizeistation in Belcolle, einem kleinen idyllischen Ort in den Bergen von Sizilien. Er weiß, Bergbewohner reden nicht viel und sind ein ganz eigener Menschenschlag. Aber so merkwürdig wie der alte ...  Weiterlesen

Preis: € 5,00
Seitenzahl: 72
rororo
ISBN: 978-3-499-24347-9
01.04.2008
Erhältlich als: Taschenbuch
Mein Ein und Alles

Mein Ein und Alles

Giulio ist wie verzaubert von der jungen Arianna. Sie ist wild wie ein Kind und wunderschön. Vom Tag ihrer Hochzeit an möchte er ihr zurückgeben, was sie ihm alles Gutes tut. Auch das, was er ihr infolge eines gravierenden Unfalls nicht mehr geben kann: Bei den «Donnerstags-Treffen», die Giulio persönlich organisiert, darf sie ausgewählte Männer ...  Weiterlesen

Preis: € 9,99
Seitenzahl: 176
rororo
ISBN: 978-3-499-26789-5
26.03.2016
Erhältlich als: Taschenbuch, Hardcover, e-Book
Gewisse Momente

Gewisse Momente

In diesem sehr persönlichen Buch fragt sich Italiens Bestsellerautor Andrea Camilleri, welche Menschen und Bücher ihm im Lauf seines Lebens zu innerer Klarheit verholfen haben. Als Antwort gibt er kurze, pointierte Geschichten: Über Camilleris bewegte Jugendjahre auf Sizilien, zur Zeit des Faschismus. Über seine Zeit als Theaterregisseur, bevor er ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 176
Kindler
ISBN: 978-3-463-40680-0
18.12.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
Die Farbe der Sonne

Die Farbe der Sonne

Das Leben des Caravaggio, so spannend wie ein Krimi.
Andrea Camilleri reist in seine Heimat Sizilien, um sich die Aufführung einer griechischen Tragödie anzusehen. Doch auf der Insel geschehen mysteriöse Dinge: Während der Vorstellung steckt ihm ein Fremder einen Zettel zu. Tags darauf wird der Schriftsteller mit verbundenen Augen in ein ...  Weiterlesen

Preis: € 10,00
Seitenzahl: 128
rororo
ISBN: 978-3-499-24690-6
01.07.2011
Erhältlich als: Taschenbuch
Von der Liebe zum Radfahren

Von der Liebe zum Radfahren

Mit dem Fahrrad durch den Krieg: eine wahre Geschichte!
Juli 1943: Auf Sizilien stehen sich deutsche und alliierte Truppen gegenüber. In dieser gefährlichen Situation flüchtet sich der junge Andrea Camilleri mit seiner Familie in die Villa einer Tante in Serradifalco. Nur den Vater müssen sie zurücklassen. Als Andrea es vor Sehnsucht nicht mehr ...  Weiterlesen

Preis: € 8,00
Seitenzahl: 96
rororo
ISBN: 978-3-499-24988-4
02.06.2009
Erhältlich als: Hardcover, e-Book

Die Pension Eva

Die Pension Eva

Leichfüßig. Erotisch. Sizilianisch.
«Pension Eva» - so heißt das Bordell in der sizilianischen Stadt Vigàta. Hier hat der junge Nenè schon viele Stunden verbracht. Aber nicht, um mit den Frauen zu schlafen, sondern um sich ihre Geschichten erzählen zu lassen. Denn sie lehren ihn, das Leben zu verstehen. Und es gibt viel zu lernen für einen Jungen ...  Weiterlesen

Preis: € 8,99
Seitenzahl: 176
rororo
ISBN: 978-3-499-24472-8
01.09.2009
Erhältlich als: Taschenbuch
Brief an Matilda

Brief an Matilda

“Liebe Matilda, ich habe wenig im Leben gelernt, und davon erzähle ich Dir jetzt.”
Andrea Camilleri ist über neunzig Jahre alt, seine jüngste Urenkelin fast vier. Während er schreibt, wuselt die kleine Matilda unter seinem Schreibtisch herum und spielt vor sich hin. Da beschließt er, ihr einen langen Brief zu schreiben. Sie soll ihn lesen, wenn sie ...  Weiterlesen

Preis: € 20,00
Seitenzahl: 128
Kindler
ISBN: 978-3-463-00002-2
19.11.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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