02.08.2017   von rowohlt

C'est la vie in Germany

Klug, charmant, humorvoll: Pascale Hugues über zwei große Nationen und ihre kleinen Eigenheiten

© iStockphoto.com
© iStockphoto.com

Pascale Hugues ist Französin und lebt seit vielen Jahren in Berlin. In «Deutschland à la française» schreibt sie über den Alltag, die Sprache und die Mentalität in diesem Land, das ihr nahe und zugleich immer noch ein bisschen fremd ist. Neugierig flaniert sie durch die Straßen und Parks, lauscht den Gesprächen und erforscht die Eigenheiten beiderseits des Rheins. Alles ist interessant, vom Präsidentenpalast bis zum Müllkeller, das seltsame Wort «Brustwarze», wie man zu Abend isst, sich am Telefon meldet, wie man streikt und ab wann Politiker als korrupt gelten. Stimmt es eigentlich, dass die Deutschen wirklich so ordentlich und die Franzosen so locker sind? Und: Wo offenbart sich die deutsche Seele – und wann der französische Esprit? 

Eine Französin in Berlin


Pascale Hugues hat mehr als einen Koffer in Berlin. Sie hat ihr Herz an die Stadt verloren, in der sie seit zwanzig Jahren lebt und arbeitet, für Libération und Le Point, auch als freie Autorin für Die Zeit und den Tagesspiegel. Hierzulande kennen viele Hugues vor allem durch ihren Bestseller «Marthe und Mathilde» – die Geschichte ihrer beiden Großmütter, Französin die eine, Deutsche die andere und Freundinnen über alle Grenzen und Gräben ein Leben lang. Zuletzt hat Pascale Hugues mit «Ruhige Straße in guter Wohnlage» für Aufsehen gesorgt, einem Porträt ihrer Schöneberger Straße: den Lebensgeschichten ehemaliger und früherer Nachbarn: Geschichten von Vertreibung und Deportation, vom kleinen Glück und großen Hoffnungen – und von Stars, ja Weltstars, die dort zeitweise zu Hause waren (Otto Waalkes, die Kultband Tangerine Dream, David Bowie). «Ein kleines Wunder von Buch.» (NZZ) 


Frankreich und Deutschland, Berlin und Paris: In 29 kurzen, prägnanten Kapiteln setzt sich Pascale Hugues in «Deutschland à la française» mit ihren beiden Heimaten auseinander. Damit Sie wissen, um was es im Einzelnen in diesem hinreißenden Text geht, haben wir eine Art kommentiertes Inhaltsverzeichnis gebastelt. Hier für einige der wichtigsten, lustigsten, bizarrsten Kapitel je ein Zitat …

Über erotische Warzen, Korruption und 140 Quadratmeter Pragmatismus


Der Blick von außen. «Zwischen zwei Ländern zu leben heißt, zwei empfindliche kleine Antennen auf dem Kopf zu haben. Ständig registrieren sie die Unterschiede, was hier anders ist als dort. Da ich kein echtes Zuhause mehr habe, sind diese Antennen in beiden Ländern pausenlos aktiv.»


Offene Türen. «Die Büros beider Staatsoberhäupter, in Frankreich wie in Deutschland, spiegeln völlig verschiedene Vorstellungen von Macht wider. Das Arbeitszimmer des Präsidenten? Ein Schmuckstück, 1861 für Eugénie entworfen, die Frau Napoleons III. (…) Dagegen das Büro der Kanzlerin: 140 Quadratmeter Pragmatismus.»


Die Kochtöpfe der Republik. «Vom kleinsten Beamten bis zum Präsidenten der Republik, sie sind alle korrupt. (…) Jahrelang sorgte Francois Mitterand dafür, dass der französische Steuerzahler für die Wohnung seiner zweiten Familie und deren Leibwächter aufkam. Um sein Doppelleben zu schützen, ließ er halb Paris abhören. Nur die britischen Abgeordneten, die die Windeln für das Baby und die Pornos für den Herrn auf Staatskosten finanzieren, können mit den Franzosen mithalten.»


Wohin mit den Joghurtbechern? «Ich hatte mir geschworen: Mülltrennung – niemals. Nichts ist für einen Ausländer einfacher, als über die Mülltrennung in Deutschland zu lästern. (…) Jeden Tag beweise ich meinem Willen zur Integration in meinem Adoptivland. Inzwischen habe ich selbst die pingeligsten Regeln im Griff. Ich weiß, wie man einen Bio-Joghurtbecher entkleidet. Der nackte Becher in den rechten Mülleimer. Der Pappmantel links. Die gammelige Petersilie in die Biotonne, das Gummiband aber wandert allein zu den Plastikabfällen. Schon lange kommen die Batterien nicht mehr in den Hausmüll. Mit diesen giftigen Zwergen muss die Drogerie um die Ecke fertigwerden …»


Nicht jedes Wort lässt sich exportieren. «Die deutsche Sprache wimmelt von raffinierten Wortverbindungen und gewitzten Metaphern. Für komplexe Gefühle gibt es Ausdrücke, die klar, einfach und unübersetzbar sind. Diese nicht exportierbaren Wörter sagen viel über die Seele dieses Volkes. Ganz oben auf die Liste meiner Lieblingswörter setze ich, ohne zu zögern: Donnerwetter


Das Geschlecht der Städte. «Ich habe gehört, dass sich die Gleichstellungsbeauftragten mehrerer deutscher Städte in einen neuen Kampf gestürzt haben: Die Ampelmännchen sollen durch Ampelfrauen ersetzt werden. Schon lange rätselt man, welchem Geschlecht die Engel angehören. (…) Die Deutschen sind Weltmeister, wenn es darum geht, den Dogmatismus bis ins Groteske zu treiben. Das nüchterne ‹Walk. Don't walk› der Amerikaner dagegen gilt für die Geschlechter mit all ihren Facetten, seien sie auch noch so ausgefallen.»


Die Erotik der Warze. «Brustwarze. Von allen Wörtern der deutschen Sprache ist mir dieses am unbegreiflichsten. (…) Selbst dem hungrigsten Säugling oder dem leidenschaftlichsten Liebhaber würde bei dem Wort Brustwarze der Appetit vergehen.» 

Über Mademoiselles, Macarons und ein Restaurantverbot für die Piaf


Mit Niveau. «Aber nirgends ist mit Niveau schöner als auf der Website von ElitePartner: Partnersuche für Akademiker mit Niveau. (…) Mit Niveau schützt vor dem gesellschaftlichen Abstieg und garantiert eine gewisse Symmetrie. So läuft die Professorin in Kunstgeschichte, mit Spezialgebiet Florenz des Quattrocento, nicht Gefahr, sich in den Automechaniker, Spezialgebiet Getriebe, zu vergucken!» 


Das Botox-Schloss. «Kein Wort mehr übers Schloss! Nicht zum ersten Mal ermahnt mich mein Gastgeber, bevor wir uns zum Abendessen setzen. Das Berliner Stadtschloss explodiert immer noch wie ein Knallfrosch mitten im kultivierten Smalltalk, eine Garantie, dass der Abend schiefgeht – zwischen Lammbraten und Roter Grütze werden sich die Gäste zerfleischen.»


Mademoiselle und junge Frau. «Eine Spezies der großen europäischen Artenvielfalt ist am Aussterben. Immer seltener, immer stärker bedroht. (…) Auf die Gefahr hin, gelyncht zu werden, muss ich Ihnen gestehen, dass ich das Wort Mademoiselle liebe. Es ist so luftig mit seinen endlosen ll. Eine Höflichkeitsbezeugung, auf die auch viele emanzipierte Frauen nicht verzichten wollen. Coco Chanel ließ sich ihr Leben lang als Mademoiselle ansprechen …»


Macarons XXL. «Schluss mit Madeleines, Croissants, Baguettes … heute wird Frankreich in Deutschland durch ein kleines rundes Gebäck verkörpert, glatt und fein wie Perlmutt. Pastellfarbene Haut, lindgrün, altrosa, zitronengelb. Ein Herz aus weicher Buttercreme. Das Macaron ist so hübsch, dass man sich beinahe schuldig fühlt, wenn man es im Mund zermalmt. (…) Stellen Sie eine Schwarzwälder Kirschtorte und ein Macaron nebeneinander, und schon haben Sie Kohl und Mitterand händchenhaltend in Verdun. Der massive Kanzler und unser kleiner Präsident.»


Zwei Spatzen aus Paris. «Ich gebe zu: Ich leider an einer chronischen Allergie gegen Piaf im Restaurant. Ich ertrage ihr gerolltes ‹R› nicht mehr, die schluchzenden Geigen, das Knistern der alten Aufnahmen. Zu viel Gefühl, zu viel Drama, zu viel unglückliche Liebe. Ich müsste mich eigentlich schämen, schließlich ist Piaf eine französische Heilige. Trotzdem: Ich mag sie nicht. Was an Hochverrat grenzt. Egal: Bitte, bitte, nie wieder Piaf in einem Lokal!»


DDR, mon amour. «Ich liebte die Landschaften direkt vor der Stadt, die entlegenen Dörfer, die Oder-Auen, die hellen Birkenwälder in Brandenburg. Der Osten beschenkte den Westen mit einer Natur im Urzustand. Mir kam es so vor, als sei ich ins Europa der fünfziger Jahre gereist. Und ich verliebte mich in die DDR.»


Das Schaffen-Chromosom. «Für mich ist schaffen das deutsche Verb par excellence. (…) In diesem Verb liegt ein erlösender Elan. Nach allem, was uns passiert ist, oder sagen wir, nach all den Katastrophen, die wir ausgelöst haben, wollen wir es schaffen. Ich war überzeugt, die Deutschen hatten ein Chromosom mehr als die Franzosen: das Chromosom der Tüchtigkeit, des Fleißes, der unerschöpflichen Energie. Das Schaffen-Chromosom.»

Top