02.01.2016   von rowohlt

BTC – abtrünnige Bundesbehörde oder Terrortruppe?

Die Wirklichkeit in Daniel Suarez' Thrillern «ist aufregend und macht einem Angst» (Time Magazine)

© iStockphoto.com
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Mit einem kleinen Forscherteam gelingt dem Physiker Jon Grady ein bahnbrechender wissenschaftlicher Durchbruch: die Aufhebung der Schwerkraft – eine Entdeckung, die den Lauf der Welt verändern würde. Aber genau an dem Tag, als zwei Hedgefonds-Manager Gradys Hightech-Start-up inspizieren, wird das Gebäude von einer Terroristengruppe gestürmt. Die Bilanz des Überfalls: sieben Tote, darunter auch Grady.  So weit die von den Medien verbreitete Version. Tatsächlich wurde Grady von einer Spezialeinheit des Bureau of Technology Control gekidnappt. Er ist nicht der erste geniale Wissenschaftler, den das BTC «erntet» – angeblich zum Schutz der Menschheit …


Daniel Suarez' Romane kommen wie reine Science Fiction daher und lassen uns doch glauben, die futuristischen Szenarien könnten jeden Augenblick Wirklichkeit werden. Der gelernte Software-Entwickler denkt die Möglichkeiten und Risiken weltweiter Vernetzung radikal zu Ende und kombiniert sie mit abgefahrenen erzählerischen Ideen. «So schockierend aktuell, so frisch und auf dem neuesten Stand, dass noch förmlich Metallspäne und PVC-Staub daran kleben …» (Time Magazine) «Daemon», «Darknet», «Kill Decision» und «Control» sind Romane, an denen sich jeder zukünftige Cyberthriller messen lassen muss. 

Daniel Suarez – der «Jules Verne des digitalen Zeitalters» (Frank Schirrmacher)


Gemeinsam mit dem Plasmaphysiker Dr. Kulkarni stehen die beiden Portfolio-Manager vom Hedgefonds Sheraton-Bayers gebannt vor einem hohen, runden Gebilde. Was sie in den nächsten Minuten in den Räumen von Jon Gradys Hightech-Laboratorium erleben werden, sprengt alles Vorstellbare. Zum ersten Mal wurde erfolgreich mit Antigravitation experimentiert – die Konstruktion eines «Gravitationsspiegels» würde das Standardmodell der Physik zum Einsturz bringen. Eine Entdeckung, die «das Gewebe des Universums erkennbar machen» und «uns helfen (würde), die Struktur der Raumzeit selbst zu verstehen. Bislang ist die Gravitation die einzige Kraft, die sich nicht in das Standradmodell der Physik fügt. Nein, das hier ist potentiell die bedeutendste Entdeckung des Jahrhunderts …» Bye-bye, Schwerkraft!


Plötzlich bricht das Unheil in Gestalt von Typen in krokusgelben Overalls und schwarzen Gasmasken über die Männer herein. Blitzschnell haben Antitechnik-Terroristen, sog. «Winnovers», die Anlage unter Kontrolle und alle Anwesenden ausgeschaltet. Richard Louis Cotton, der charismatische Anführer der archaischen Miliz, verkündet die Beweggründe der Aktion. «Ihre Forschung beraubt uns unseres Menschseins – macht diese Erde zur Hölle. Wir sind hier, um den Menschen wieder in seinen Naturzustand zu versetzen. Uns wieder in Einklang mit Gottes Schöpfung zu bringen!» Und dann wird die Bombe gezündet, die das ganze Gebäude dem Erdboden gleichmacht. 


Das ist die offizielle Version. In Wahrheit wurde Grady von Schergen des Bureau of Technology Control (BTC) entführt. Dessen Direktor Graham Hedrick stellt ihn vor die Wahl: entweder Kooperation oder verschärfte Einzelhaft an einem der unwirtlichsten und unwirklichsten Orte der Welt. Ziel des BTC, so Hedrick, sei die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung durch Regulierung der technologischen Innovation. Im Klartext: «Disruptive Technologien» (Fusionsreaktoren, künstliche Intelligenz, revolutionäre Ansätze der Krebsheilung, Manipulation der Gravitation, Unsterblichkeits-DNA etc.) müssten um jeden Preis der Menschheit vorenthalten werden, um unkontrollierbare gesellschaftliche Erschütterungen zu verhindern. 

Roboter, Klone, Kampfdrohnen


Für Grady ist die «Kontrolle des wissenschaftlichen Fortschritts» nichts anderes als das hässliche Gesicht einer Wissensdiktatur; dass Richard Cottons Antitechnologie-Terrormiliz auch nur ein BTC-Fake ist, liegt auf der Hand. Grady verweigert jede Kooperation mit Hedricks «Behörde» – und findet sich kurz darauf in Hibernity wieder, einem Hochsicherheitsgefängnis, wie es kein zweites auf der Welt gibt. Mit Einzelzellen tief im Innern eines Berges auf einer winzigen, unerreichbaren Insel auf der Südhalbkugel der Erde. Hier sind die Gefangenen lebendig begraben.


Was Grady da noch nicht weiß: Außer ihm werden noch einige Dutzend «unkooperative Innovatoren» tief unter der Erde in hermetischen Zellen festgehalten: «Resistoren», allesamt «schwererziehbare Genies» diverser wissenschaftlicher Disziplinen. Weil auch sie nicht bereit sind, sich dem Diktat des BTC zu unterwerfen, keimt zum ersten Mal so etwas wie Hoffnung in Jon Grady auf …


Auch wenn man von den technischen Hintergründen von Suarez' Büchern vielleicht nur einen Bruchteil versteht oder erahnt, wird man in «Control» wie in einen Strudel hineingerissen. Was es hier nicht alles zu bestaunen gibt! Humanoide Roboter mit turmalinblauen Augen; Dinge, die zum Himmel fallen (negative Schwerkraft); perfekte Klone; Überwachungsstaub; Kommunikation in der fünften Dimension. Und doch richten sich Suarez' Science-Thriller nicht an Cyberfreaks und Tech-Nerds: eher an Menschen, die beunruhigt sind von den macht- und militärpolitischen Entwicklungen nach dem Ende der Kalten-Kriegs-Konfrontation, der bipolaren Welt in Zeiten der Globalisierung. Dass man dazu noch fantastisch unterhalten wird – umso besser.


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