07.04.2016   von rowohlt

Brüten und futtern

Aus Virginia nach Bad Belzig und von dort in die ganze Welt: Vom plötzlichen Ruhm der Nell Zink

Eine Durchstarterin aus dem Nichts, ein literarischer Shootingstar – das ist Nell Zink. Was für eine Geschichte! Ganz im Sinne der legendären Sinatra-Songzeilen «If I can make it there / I'll make it anywhere / It's up to you / New York, New York» hat sie Big Apple literarisch erobert. Nell Zinks Roman «Der Mauerläufer» bringt auf furiose Weise scheinbar weit Auseinanderliegendes zusammen: Sex und Dubstep, Seitensprünge und Vogelbeobachtung, Kinderwunschdebatten und Öko-Aktivismus, Berlin und Albanien. Ein vor unerhörten Einfällen sprühendes kluges, wildes, melancholisches Buch.

Stimmen zum Roman

ZEIT Magazin: «Im Herbst 2014, sie war 50, wurde ihr Debüt The Wallcreeper in den USA von jenem ungläubigen Raunen begleitet, mit dem man sich anbahnende Literatursensationen begrüßt.» 

Brigitte:
«Zinks ungezähmte Prosa oszilliert  zwischen Beziehungsdrama mit expliziten Sexszenen und Öko-Aktivisten-Satire.» – «Ein Prosa-Naturereignis.» 

The Sunday Times:
«Ein schmales, eigentümliches Meisterwerk und eine dieser lakonischen, einzigartigen Romane, die einem um den Finger wickeln und die ich bis zu meinem Lebensende wieder und wieder lesen will.» 

SonntagsBlick:
«Ihre Sprache glänzt vor Klarheit. Ganz im Stil der großen amerikanischen Erzähler, zu denen sie ab sofort zu zählen ist.» 

«Leben ist das, was passiert, wenn du die Finger davon lässt»


Es gibt erste Sätze, in denen steckt verdammt viel Musik. «Ich schaute gerade auf die Karte, als Stephen plötzlich ausscherte, gegen den Felsen schrammte und die Fehlgeburt verursachte.» Wir sind im Berner Oberland, hierhin hat es Tiffany und Stephen, ein frisch verheiratetes amerikanisches Paar, verschlagen, hier arbeitet Stephen in der Forschung an einem medizinischen «Apparat», einer ominösen «kleinen Pumpe». Die Fehlgeburt, «das Ereignis», lässt Tiff nicht an sich heran: «Ich war nicht niedergeschlagen. Ich tat mir nicht einmal leid.» Jammerschade um das Baby, denkt sich Hobby-Ornithologe Stephen – aber zumindest haben sie durch den Crash einen der wunderbarsten Vögel überhaupt gefunden, selten und schön: den Mauerläufer, Tichodroma muraria. Den ziehen die beiden fortan in ihrer kleinen Wohnung in Bern groß. 


Rudi nennen sie den Vogel, wie Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter. Weil das Federkleid des Mauerläufers in den Farben der Naziflagge schimmert, rot und weiß «und im Frühling mit dem Schwarz der SS am Kinn». Tiff verpasst dem neuen Familienmitglied  einen auch für Ökolinke passablen Nachnamen: Durruti, wie der Anarchosyndikalist Buenaventura Durruti, einen Helden der Linken im Spanischen Bürgerkrieg. 


Im «Mauerläufer» geht es (auf knapp 190 Seiten!) um eheliche Treue und außereheliche Affären, um guten und schlechten Sex, Drogen und die Kinderfrage, Dubstep und Literatur, Vögelbeobachtung und Öko-Aktivismus. Nell Zink schlägt von Anfang an ein hohes Tempo an, jagt uns von Bern nach Berlin, von Sachsen-Anhalt nach Albanien. Und wir lassen uns jagen, von Seite zu Seite mit größerem Vergnügen. Beispiel: die extravagante Episode mit «Elvis, dem Montenegriner» – Tankwart, Slavoj-Zizek-Jünger und Kurzzeit-Liebhaber von Tiff: «Elvis trug enge Hosen und hatte einen Abschluss in Überholter Theorie aus Ljubljana» …

Langeweile, Lust und Selbstachtung


Mit geradezu unverschämter Lässigkeit und hinreißend boshaften Sarkasmen – über Boden- und andere Brüter, «Schlunze Dread», die sexuell umtriebige Aktivistin, albanische Eseleien und Verpolderungsausgleichsmaßnahmen – treibt Zink die Geschichte der beiden Öko-Amerikaner voran. Während sich Stephen, mittlerweile in Berlin gelandet, immer mehr an seinen Lieblingssound Dubstep verliert, einen hypnotischen Mix aus Reggae, Dub und Garage, und zum DJ wird, schwimmt die flatterhafte Tiffany sich nach und nach frei. Sie erprobt sich an diversen Liebhabern («Er sagte, er heiße Olaf» ) und emanzipiert sich zur Umweltaktivistin (die eines Tages mit einer Schaufel am Elbufer steht, in der Absicht, den Steckby-Lödderitzer Forst durch Abtragung eines Natursteindamms zu fluten …)


Wie kommt es, dass man als 52-jährige Autorin eine «Entdeckung» genannt wird? Andere haben als Endzwanziger ihre ersten Bestseller platziert, hochdotierte Verlagsverträge abgeschlossen, sind bekannte Fernsehgesichter. Auf Nell Zink trifft all das nicht zu – bis vor kurzem. Dabei lebt sie nicht in L.A. oder Brooklyn, nicht einmal in Hamburg oder München, sondern in Bad Belzig irgendwo zwischen Magdeburg und Berlin, in einer äußerst karg möblierten Einzimmerwohnung. Bad Belzig in Brandenburg: Elftausend Einwohner, zwei Kirchen, eine Burg,  eine Therme (deshalb: Bad), eine polyamouröse Aussteigerkommune am Stadtrand namens ZEGG – ein Ort, in dem man mit 500 Euro im Monat ziemlich gut klarkommt (und sogar einen Küchenblick auf die St. Marienkirche spendiert bekommt und «gewaltige Ressourcen an Langeweile und Einsamkeit ausbeuten kann, um ungestört zu schreiben».


Eine Initialzündung für den plötzlichen Ruhm der Nell Zink muss es doch gegeben haben, oder? Ja, die gab es wirklich. Sie trägt den Namen Jonathan Franzen. Im New Yorker hatte Franzen 2010 einen vielbeachteten Artikel über die Abartigkeit des systematischen Vogeltötens in Mitteleuropa veröffentlicht. Zink schrieb ein paar Monate später einen Brief an den wohl bekanntesten «Ornie» der Welt. Schroff, aber offensichtlich geistreich und nicht uncharmant wollte sie wissen, weshalb er das brutale Abschlachten von Zugvögeln auf dem Balkan mit keinem Wort erwähnt habe. Zink, 1964 in Südkalifornien geboren und im ländlichen Virginia aufgewachsen, kennt sich bestens aus in der Materie, speziell mit der Arbeit des deutschen Naturschützers Martin Schneider-Jakoby, den sie ins Englische übersetzt hat. 


Irgendwann antwortete Franzen, angefixt durch den draufgängerischen, witzigen Ton der E-Mails seiner Landsfrau im fernen Bad Belzig.  Und erfuhr, dass Zink bereits «ganz nebenher», nur für sich und einige wenige Freunde literarische Texte verfasst hatte. Und die Sache nahm Fahrt auf … Binnen vier Tagen schrieb Zink einen Romananfang herunter, aus dem dann «Der Mauerläufer» wurde. Eigentlich habe sie den Roman ja nur für Franzen geschrieben. Um ihm zu zeigen, dass sie in kürzester Zeit ein «Qualitätsprodukt» abliefern könne. Spektakulär gelungen, muss man sagen.

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