04.10.2018   von rowohlt

«We're in Crazytown!»

Chaos, Intrigen, Missgunst, Willkür, Politik nach Bauchgefühl: Bob Woodwards Enthüllungs-Bestseller über US-Präsident Donald Trump

© BRENDAN SMIALOWSKI/AFP/Getty Images
© BRENDAN SMIALOWSKI/AFP/Getty Images

Bob Woodward, die Ikone des investigativen Journalismus in den USA, hat alle amerikanischen Präsidenten aus nächster Nähe beobachtet. Nun nimmt er sich den derzeitigen Präsidenten vor und enthüllt den erschütternden Zustand des Weißen Hauses unter Donald Trump. Woodward beschreibt, wie Entscheidungen getroffen werden, er berichtet von eskalierenden Debatten im Oval Office und in der Air Force One, dem volatilen Charakter Trumps und dessen Obsessionen und Komplexen. Woodwards Buch ist ein Dokument der Zeitgeschichte: Hunderte Stunden von Interviews mit direkt Beteiligten, Gesprächsprotokolle, Tagebücher, Notizen – auch von Trump selbst – bieten einen dramatischen Einblick in die Machtzentrale der westlichen Welt, in der vor allem eines herrscht: Furcht.


In den USA hat Woodwards Buch alle Kassenrekorde gebrochen. Kein Wunder: Das, was wir hier aus dem Treiben im Weißen Haus erfahren, ist brisant. Und demoralisierend für alle, die in den USA noch immer einen Hort ungebrochener demokratischer Zivilisiertheit sehen. Als die ersten pikanten Details bekannt wurden, ließ der Verlag Simon & Schuster gleich das Siebenfache der ursprünglichen Erstauflage drucken: über eine Million Exemplare.

Willkommen im Irrenhaus!


Darf man Woodwards Quellen glauben, dann erfahren wir hier tatsächlich jede Menge «Neues aus dem Irrenhaus» (Frankfurter Allgemeine Woche). In kleiner Runde wird Trump schon mal «Idiot» genannt. Ein Politikerdarsteller mit der mentalen Kapazität «eines Fünft- oder Sechstklässlers». Einer, dem man, um Schlimmeres zu verhindern, schon mal eine Beschlussvorlage vom Schreibtisch nimmt und heikle Memos einfach nicht weiterleitet. Man könnte das einen schleichenden Coup d'État nennen – in militärischer Diktion erfüllt solche Quertreiberei den Tatbestand der Sabotage. «Es geht nicht darum, was wir für das Land taten. Es geht darum, woran wir ihn hindern konnten» – so Gary Cohn, damals der ranghöchste Wirtschaftsberater des Präsidenten (und vormals Chef der Wall-Street-Bank Goldman Sachs).


Mit beziehungsweise unter Trump zu arbeiten – das bedeutet, einen Hire-and-Fire-Job zu haben. Unter den Angestellten im Schatten der Macht herrscht eine feindselige Atmosphäre, keiner traut dem anderen über den Weg. Niemand weiß, wer als nächster gedemütigt, isoliert, geschasst wird. Wie viele andere vor ihm musste auch Stabschef John Kelly gehen. Die Trennungsgründe sind so wirr und diffus wie fast alles, was aus der Regierungspraxis des Egomanen auf dem Präsidentensessel bekannt ist. Kelly – und nicht nur er – wusste, worauf er sich einließ, als er den Job im Trump-Stab annahm. Sein Vorgänger Reince Priebus hat das Willkürregime im Weißen Haus einmal so beschrieben: «Wenn man eine Schlange, eine Ratte, einen Falken, einen Hasen, einen Hai und eine Robbe in einen Zoo ohne Trennwände packt, dann fließt irgendwann Blut.»


Auch wenn Trump tönt, Woodward sei «ein Lügner», klar ist: Bob Woodwards Renommee als kritischer politischer Journalist ist immens. Er ist eine Ikone des amerikanischen Enthüllungsjournalismus; er ist der Mann, der Anfang der 70er Jahre mit seinem Reporter-Kollegen Carl Bernstein für die Washington Post den Watergate-Skandal aufdeckte, der US-Präsident Richard Nixon zu Fall brachte. Seit 40 Jahren arbeitet Woodward in Washington. In diesen Jahren verfasste er 19 Bücher über die wichtigsten Exponenten der amerikanischen Politik, u.a. über alle Präsidenten von Nixon bis Obama. Für sein Trump-Buch führte er Hunderte von Interviews mit Informanten; für Fake News ist Woodward definitiv nicht bekannt.

«Er ist außer Kontrolle. Es ist der Wahnsinn …»


Für Stephen K. Bannon, Chef der Breitbart-Nachrichten-Website, war Trump die politische Chance, auf die er lange spekuliert hatte. Bannon erklärte laut Woodward dem Milliardär und Präsidentschaftskandidaten Trump den Status quo – Hillary Clinton ante portas – damals so: «Machen Sie sich keine Gedanken wegen irgendwelcher Zahlen. Machen Sie sich keine Gedanken wegen dieser 12 bis 16 Punkte, oder wie auch immer die Umfrageergebnisse lauten. Machen Sie sich keine Gedanken wegen der Swing States. Es ist ganz einfach. (…) Ich sage Ihnen, was der Unterschied ist: Wir werden uns einfach neben Clinton stellen und uns von ihr abheben. Sie dürfen eins nicht vergessen: Die Eliten geben sich damit zufrieden, den Untergang zu verwalten … Und die arbeitende Bevölkerung tut es eben nicht. Sie will Amerika wieder groß machen.»


Das ist genau die Sprache, die der Kandidat Trump verstand und versteht. «Stopp der illegalen Masseneinwanderung»; Rückgewinnung der «Volkshoheit» im eigenen Land; Rückführung von Arbeitsplätzen im Produktionssektor in die USA; «Rückzug aus diesen sinnlosen Auslandskriegen» – das war Bannons politisches Mantra, das ihn zum Leiter von Trumps Wahlkampfteam aufsteigen ließ: für Trump anfangs eine Idealbesetzung. Aber natürlich hat der militante Breitbart- Rechtspopulist diese Position längst wieder verloren. Zwei Super-Egos wie Trump und Bannon im Weißen Haus, das konnte auf Dauer nicht funktionieren.


Man kann Trump vieles vorwerfen, alles beinahe. Eines aber nicht: Furcht vor Selbst-Kompromittierung. Für ihn ist Politik eine reality show, sein liebstes Schlachtfeld liegt im Reiche Twitter. Mit seinen Tweets polemisiert und polarisiert er wie kein anderer Staatschef vor ihm – mit Kurznachrichten des Typs: «Ich will den Sumpf trocken legen, und der Sumpf wehrt sich. Macht euch keine Sorgen. Wir werden gewinnen.» Diskussionen über Sachthemen mit dem amtierenden US-Präsidenten sind für seine Mitarbeiter in der Regel eine Qual; Trump wird durchweg als unkonzentriert, desinteressiert und miserabel vorbereitet beschrieben. Er bringt Schwarze, Latinos und Minderheiten gegen sich auf, seine sexistische Weltsicht ist bekannt – entsprechend klingen auch seine Einlassungen: herablassend, cholerisch, paranoid.


Maßstäbe setzt er nur in Sachen Eigenlob: Make Donald great again. Am 31. März 2016 hatte sich Trump, damals noch Präsidentschaftsbewerber, im Old Post Office Pavillon des Trump International Hotels in Washington, D.C., den Interviewfragen von Bob Woodward und Robert Costa gestellt. In diesem Gespräch fiel der Satz, der das ganze politische Credo des heutigen US-Präsidenten enthält: «Wirkliche Macht ist – ich möchte dieses Wort eigentlich gar nicht benutzen – Furcht.»


Mit seiner Ignoranz und grandiosen Ahnungslosigkeit in Fragen der Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitiker löst Trump bei vielen Politikern und Experten, unabhängig von ihren Präferenzen für Republikaner oder Demokraten, Kopfschütteln aus. Für den Banker Gary Cohn pflegt der US-Präsident ein anachronistisches Weltbild – mit einem Amerika im Zentrum, das noch immer von seinen Fabriken und Stahlwerken lebt. Trump: «Ich habe diese Ansichten seit dreißig Jahren.» Cohn: «Und ich dachte 15 Jahre lang, dass ich professionell Fußball spielen könne.»

Furcht

Furcht

Bob Woodward, die Ikone des investigativen Journalismus in den USA, hat alle amerikanischen Präsidenten aus nächster Nähe beobachtet. Nun nimmt er sich den derzeitigen Präsidenten vor und enthüllt den erschütternden Zustand des Weißen Hauses unter Donald Trump.
Woodward beschreibt, wie dieser Präsident Entscheidungen trifft, er berichtet von ...  Weiterlesen

Preis: € 22,95
Seitenzahl: 512
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-07408-1
08.10.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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