31.07.2017   von rowohlt

«Bloß kein Bild mit Döner!»

Sollten Sie zur Bundestagswahl im September 2017 ein intelligentes politisches Buch lesen wollen: Nehmen Sie dieses!

Dieses Buch handelt von Hosenanzügen, Aufsitzrasenmähern, Milbenkäse, Inkontinenzwindeln sowie von Zwergschnauzern mit seidenweichem Haarschleier. Außerdem noch von zu viel Gel in den Haaren, von Sherry mit geschlagenem Ei, den Tücken elektronischer Abstimmungssysteme und vielem anderen mehr. Kurz: Dieses Buch handelt von der Demokratie. Genauer gesagt: von den Nebensächlichkeiten der Demokratie, über die man jede Menge Wesentliches über die Demokratie erfährt. Und dass das sogar sehr unterhaltsam sein kann, ist die zentrale These dieses Buches. Philip Manow, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Bremen, versammelt von A wie Applausminuten über F wie Flechtslipper bis Z wie Zehnpunkteplan scheinbar Abseitiges – und doch so Aussagekräftiges – aus dem Politikbetrieb. 


F.A.Z.: «Überaus vergnüglich zu lesen ... Philip Manows Buch ist zugleich eine lässige und eben darum treffende Verteidigung der professionellen, institutionell verfassten und geordneten Politik gegen ihre zeitgenössischen Verächter, eine abgeklärte Liebeserklärung an die repräsentative Demokratie westlichen Zuschnitts.»

A, B, C, D, mokratie


Man kann Politikerbiografien lesen. Und ist am Ende des Tages in der Regel doch genauso schlau wie zuvor. Man kann aber auch eine originelle Studie wie die von Philip Manow zur Hand nehmen – und hat am Ende viel gelernt über die Funktionsweise der Demokratie. Wieso soll die Außenseite, der repräsentative Schein der Demokratie nicht ähnlich wichtig für das Funktionieren oder Nichtfunktionieren unserer gesellschaftlichen Ordnung sein wie die hehren, durch das Grundgesetz umrissenen Werte und Normen der repräsentativen Demokratie. 


Philip Manow schaut genau hin: «Wie sprechen Politiker und warum sprechen sie so, wie sie es tun? Wie gehen Politiker? Was ziehen sie an – und warum? Wer darf wann und wo wie lange zu wem reden? Welche politische Topographie präsentiert sich uns, im Parlament mit seiner Sitzordnung (unter einer Parlamentskuppel und einer vorgelagerten Bannmeile), im Wahllokal mit Wahlkabine und Urne, in den internationalen Verhandlungen mit ihren festgelegten Sequenzen aus Auskunftsstatement, dem formellen und informellen Zusammenstehen, der Verhandlung ‹hinter verschlossenen Türen›, der Verkündigung und Bewertung der Ergebnisse vor der Presse und schließlich dem Abtritt in die Kulisse?»


In dieser Perspektive werden aus vielen vermeintlichen Nebensächlichkeiten Hauptsachen, aus Schein Sein, aus Politdekor demokratische Substanz. Wer bekommt wann wie viel Applaus; was sagt das Tragen von Flechtslippern über die Führungsqualitäten des SPD- Politikers Kurt Beck; Ludwig Erhards Pichelsteiner Eintopf, Helmut Kohls Saumagen, Gerhard Schröders Currywurst – ist der Mann, was er isst?  Und was ist mit Christian Lindners Haartransplantation, von Anton Hofreiters wehender Langhaarpracht mal ganz abgesehen – ist nicht auch der «Imperativ des Unprätentiösen» irgendwie politisch.


Gehen wir der Sache mal an einem ästhetisch markanten Beispiel nach. Buchstabe B wie Burg Wulffenstein (mit einer der geilsten taz-Überschriften aller Zeiten). Es geht, Sie ahnen es längst , um das nicht unschmucke, aber architektonisch doch arg unbedarfte Anwesen des Ex-Bundespräsidenten in Burgwedel bei Hannover:

Burg Wulffenstein («die Gaube des Grauens»)


«Es entspricht der Ästhetik des Mittelmaßes, die unsere Demokratie dominiert (>> Flechtslipper), dass auch die Häuser unserer Politiker die elementaren Prinzipien architektonischer Spießigkeit berücksichtigen. Oggersheim, Burgwedel, Goslar, schon die Standorte sind Versprechen auf gediegene Provinzialität. Hannover, Zooviertel: Schröders Reihenhaus, nebenan die Edeka-Filiale und ein «Getränkemarkt, dessen Gebäude der Talstation einer Seilbahn ähnelt». Und Sigmar Gabriel fährt zu Hause Aufsitzrasenmäher. Dass sich das Haus, für das Christian Wulff jenen Kredit aufnahm, dessen Bekanntwerden das Ende seiner Bundespräsidentschaft einleitete, als «x-beliebiges Herr-Mustermann-Haus im Burgwedeler Eigenheimbrei» qualifiziert, ist also nicht unbedingt einem persönlichen Stildefekt zuzurechnen – oder wenn doch, dann ist es ein politisch erfolgreicher, weil repräsentativer Defekt, ein Defekt, für den es in der Demokratie Prämien gibt.


Was sehen wir? Einen «Klinkeralbtraum […] Chiffre niedersächsischer Neogotik […] Hinter dem Zaun mit zinnenartigen Postamenten erhebt sich ein eingeschossiger Gebäuderiegel mit bunkerhafter Anmutung und vier kleinen, auf retro getrimmten Fenstern. Eine Garage und eine Pergola rahmen das Ensemble ein.» Die taz fragte: «Krüppelwalmdach, Sprossenfenster und Harzer Pfanne: Für dieses Haus lieh sich Bundespräsident Wulff eine halbe Million Euro. […] was sagt es uns über ihn?» Richtig hätte die Frage lauten müssen: Was sagt es über uns aus, über die Demokratie und ihre medialen Verwertungszwänge, über jene geschmacksprägende Kraft des Medianwählers mit seiner Ästhetik des Mittelmaßes? Im Vorwort von Zu Besuch bei Diktatoren, ein Band, der die Privathäuser der Despoten des 20. Jahrhunderts der Betrachtung unterzieht, wird notiert: «Man mag die Interieurs grässlich oder, insgeheim, eher inspirierend finden, eines ist sicher: die Farbe Beige taucht nirgends auf. Irgendwo darin steckt eine Lektion für uns alle».5 Die Farben der Demokratie sind gedeckt, ihr Auftritt ist langweilig, tendenziell spießig, aber wir haben eigentlich keinen Grund zur Klage.


Aber Trump, what’s the matter with Trump?, könnte man jetzt berechtigterweise fragen. Wie passt sein Großkotz-Protz, seine unnachahmliche Mischung aus Macht, Neureichtum und schlechtem Geschmack in dieses Bild?6 Nichts ist hier zurückgenommen, ganz bestimmt nicht sein 100-Millionen-Dollar-Penthouse im eigenen New Yorker Trump Tower: «Gold so weit das Auge reicht […] es funkelt, blitzt, glänzt und schillert überall.» Dazwischen cremefarbener Plüsch und rosa Marmor, Leder und falsches Holz, Wasserfälle über mehrere Etagen hinweg, viel Spiegelfläche und antike Möbel, die schrille Inszenierung des Überflusses, der Übertreibung, eine einzige Interieur-Rache an der dezenten Ostküsten-Ästhetik oder dem sachlich-kühlen, minimalistischen Design der globalen Elite. Trumps pompöser Stil der Maßlosigkeit, des demonstrativen too much, erinnert «verblüffend an Saddam Husseins Paläste» beziehungsweise an den «sogenannten Sankt-Moritz Russengeschmack». Oligarchen- oder eben Autokratenopulenz, wie sie auch im neuen türkischen Präsidentenpalast Gestalt gefunden hat, in Erdogans kitschiger Düznü-Wörld-Variante eines Sultanpalasts – pseudoosman, aber authentisch megaloman. 


Trump stammt ganz offensichtlich aus Vulgärien und ist unübersehbar das komplette Antiprogramm zur demokratischen Zier der Bescheidenheit und der Unauffälligkeit: Könnte man sich Angela Merkel «in einem Mini-Neuschwanstein vorstellen»? Hinsichtlich seines Zweitwohnsitzes Mar-a-Lago in Palm Springs ergibt sich im Wesentlichen derselbe Befund: ein Zuckerbäckerpalast, in dessen Innern die reinste Kitschorgie – «Louis Quatorze auf Acid». Wieder Marmor, Gold, Gold, Spiegel, Gold, noch mehr Spiegel, Deckengemälde, Barockmöbel und sonstiger dekorativer Exzess: «Hauptsache von allem viel, geteilt wird nichts».


Damit stellt sich die Frage, wie die schamlose Demonstration des teuren schlechten Geschmacks mehrheitsfähig werden konnte innerhalb einer sich abgehängt fühlenden unteren Mittelschicht, abgehängt von ebenjenem weitgehend regelfreien Kapitalismusmodell, für das ein Geschäftsrüpel wie Trump prototypisch zu stehen scheint? Zum einen findet man die Antwort wohl dort, wo man in seiner Person eine Mischung aus Aggression gegen und Über-Identifikation mit dem Establishment erkennt, und ein glaubhaftes Versprechen, jede Eliten-Nase, die sich da rümpft, auch gern noch persönlich platt zu hauen. Denn den Trump Tower wird man ja auch als einen dem Establishment unübersehbar entgegengestreckten «goldenen Mittelfinger» verstehen können, sein Penthouse als «die Rache des Typen, der immer als Bridge-and-Tunnel-Guy belächelt wurde», der eben nicht aus Manhattan, sondern nur aus Queens kam. Was hier als Signal an die Wähler wichtig ist, ist Ambivalenz. Einerseits: «Ich bin einer von ihnen» – der äußerst erfolgreiche Geschäftsmann. Und andererseits: «Ich bin keiner von denen» – ich mische diesen Laden mal ganz gewaltig auf, und ich habe meinen Erfolg ja sowieso nur als Außenseiter gemacht, der sich an keine Regeln hält.


Zum anderen korreliert der exzentrischen Politik die exzentrische Erscheinungsweise: Geert Wilders, Gianni Varoufakis, der bei seinen Interviews ja auch am liebsten immer den Motorradhelm aufbehalten hätte (>> Locken im Wind), Boris Johnson, Pablo Iglesias … dass man weit außerhalb steht, soll sich im Zweifelsfall wohl auch in der Erscheinung widerspiegeln.» 

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