21.09.2012   von rowohlt

Best of Titanic: alle Skandale, alle Geschmacklosigkeiten

Ein dreifach Hoch auf die TITANIC, «das kollektive Enthemmungsorgan, die letzte Bastion der Furchtlosigkeit» (Süddeutsche Zeitung)

© Titanic (Covermontagen)
© Titanic (Covermontagen)

Die TITANIC hat sich ihren Ruf als «endgültiges Satiremagazin» und als «verbotenste Zeitschrift Deutschlands» hart erkämpft und redlich verdient: mehr als 40 Gerichtsverfahren (achtmal klagte allein die katholische Kirche), 28 verbotene Ausgaben, das ist schon was. Die TITANIC ist und bleibt «komisch, widerständig, anarchisch» (Stern).

Deshalb wurde nach 30 Jahren TITANIC gefeiert: mit einem Prachtband! Großformatig, vollfarbig, vollanspruchsvoll, vollgut. Und vollbillig: jetzt als Sonderausgabe zum unschlagbaren Kampfpreis von € 14,95! Mit allen Skandalen, Geschmacklosigkeiten und gut platzierten Grenzüberschreitungen aus drei Jahrzehnten. Und mit den kompletten Drehbüchern zu den größten politischen Erfolgen der TITANIC-Crew: Wie sie einst Helmut Kohl als Birne zum Jahrhundertkanzler aufbaute. Und wie es ihr gelang, mit einem kleinen Bestechungsfax an die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees die Fußball-WM nach Deutschland zu holen. Chapeau und – weiter so!
 
1979 wurde bekanntlich gegründet, was das Zeug hielt: die Grünen, die taz, die TITANIC. Kein Wunder, denn die Stimmung war eher mies, und Witzrohstoff gab es mehr als genug: «Null Bock, no future, Berufsverbote, Nachrüstung, NATO-Doppelbeschluß, Kriegsangst, Terrorismus und die übliche Novembergrippe schlagen der geteilten Nation mächtig aufs Gemüt: Doch es geschehen noch Zeichen und Wunder: Knapp 68 (!) Jahre nach ihrem eisbergbedingten Verschwinden im Atlantik taucht im November 1979 die TITANIC auf. In Gestalt eines – von den vielen Schwarzweißseiten mal abgesehen – durchgehend farbigen Satiremagazins.» Seither schwimmt die TITANIC mit Volldampf und voller Inbrunst auf jeden Eisberg zu. Motto: Gegen die Grenzen von 1949 und die Grenzen des guten Geschmacks. 30 Jahre später muss man konzedieren: Kampfauftrag erfüllt!

I couldn’t have done any better …

Natürlich beginnt das große Jubiläumsjubelbuch der TITANIC mit einer Botschaft an die Leser (ganz in der Tradition ihrer berühmt-berüchtigten Briefe an die Leser). Sie lautet: «Egal, / woran Sie glauben, / was Sie gut finden, / wem Sie vertrauen / oder wen Sie bewundern – / wir sind dagegen! / (Und das seit 1979) / In Liebe, / Ihre TITANIC»
Nun, wo das geklärt ist, sollen in wenigen dürren Sätzen die Leistungen dieser deutschen Humorinstitution gewürdigt und vor allem an einige der legendären Figuren der Gründerjahre erinnert werden. Wann genau 1979 F. K. Waechter, Pit Knorr, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und Hans Traxler, später bekannt als die „Neue Frankfurter Schule“, sich in der Villa Claire im Hintertaunusdörfchen Lindschein zur Gründung des Satiremagazins trafen, ist nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Sicher ist, dass die fünf Herren, die sich allesamt als Texter und Zeichner aus guten alten PARDON-Zeiten kannten, bei der Namensfindung zwischen DEVOT und DIE SONNE schwankten, um dann glücklicherweise beim Namensvorschlag TITANIC laut «Bingo, das isses» zu rufen.
Es sind viele schlaue Köpfe und brillante Quertreiber, die es in all diesen Jahren in die Satirezentrale zieht: Hilde Raddatz, Bernd Pfarr, Bernd Eilert, Eckhard Henscheid, Marie Marcks, Max Goldt, Walter Moers etc.pp. Weshalb speziell Knorr, Eilert und Gernhardt die «schnellste, einfallsreichste und genialste Autorentruppe westlich von Laramie» war, hatte mit den ideell wie monetär reizvollen Geschäftskontakten mit Otto Waalkes zu tun (Robert Gernhardt: «Unser Sechser im Lotto war Otto»).

Ja, die TITANIC traut sich was!

TITANIC-Skandale gab es nicht zu knapp. Einige satirisch Attackierte klagten und bekamen recht (was die TITANIC fast in den Ruin trieb), andere entschieden sich für die schlaue Strategie: Aussitzen, Klappe halten, Vergessen. Zu ihnen zählte übrigens auch Altkanzler Helmut Kohl, den man als Saddam Hussein auf dem Titel gebracht hatte: «Endlich Ruhe in der Zone. Kohl setzt Giftgas ein!» Andere dagegen bemühten die Humorfähigkeit deutscher Gerichte, wie Björn Engholm (dessen Gesicht in Barschels Badewannenbild reinmontiert war), CDU-Finanzexperte Friedrich Merz (sah sich als «Fotzenfritz» verunglimpft). Auch Kurt Beck zeigte sich wenig erfreut über den Titel «Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!») – für TITANIC-Hofpoet Thomas Gsella nichts als ein bedauerliches Missverständnis: Natürlich sei es darum gegangen, den Abschuss von Braunbär Bruno in Bayern anzuprangern …
Dass man sich nicht nur Freunde macht im Dienste der Wahrheitspflege (oder wie die Süddeutsche charmant schrieb: «Nicht jeder versteht den Charme des TITANIC-Wahnsinns»), versteht sich von selbst. Reaktionen wie «Ihr gehört ausgewandert» oder «Im Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ» (sic!) sind nur zwei der kernigen Meinungsäußerungen, die sich die Titanicer nach ihrem vaterländischen Coup, die Fußball-WM 2006 nach Deutschland zu holen, von erbosten Radikalpatrioten anhören mussten. Versehentlich schnitten sie diese und andere Telefonate mit und veröffentlichten sie dann als CD – versehentlich, versteht sich.

«Hessen nimmt Abschied von Titanic»

Leider hat der Bundeswahlleiter nicht nur Horst Schlämmers Partei von der großen Septemberwahl 2009 ausgeschlossen, sondern auch die Partei mit dem auch für Nicht-TITANIC-Leser einprägsamen Namen Die Partei (korrekt: Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Eliteförderung und basisdemokratische Initiative), Parteichef: Ex-TITANIC-Chefredakteur Martin Sonneborn. Dabei verfolgt sie zwei programmatisch durchaus seriöse Ziele: Merkel verhindern («Darf das Kanzler werden?») und Rückgängigmachen der deutschen Einheit («Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen. Außer uns.»).
Schließlich hält die TITANIC bis heute tapfer und unverdrossen an ihrem Zwei-Deutschland-Politik fest; im Impressum des satirischen Kamfblatts heißt es ja nicht zufällig: «Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag.» Die TITANIC-Akzeptanz in Neufünfland hält sich komischerweise bis heute stark in Grenzen – warum eigentlich? «Die Zonis sind nur immer noch sauer, weil wir mal versucht haben, bei ihnen die GEZ-Gebühren für die Jahre 1980 bis 1990 einzutreiben; in der Zeit haben sie schließlich unser gutes Westfernsehen gesehen, aber nie was bezahlt!» (Martin Sonneborn)
Das Opus magnum Titanicum schließt – frech, wie auch sonst – mit einem Gedicht von Simon Borowiak mit dem schönen Titel: Hessen nimmt Abschied von TITANIC. Bis zur Buchmesse bitte alle auswendig lernen!
Kaum war damals des Heft gegründet
hatt’ auch schon die Idee gezündet:
des Heftschä wurd ein Dauäbrennä,
an alle Kioske der Rennä,
es wurd geliebt, zitiert, besproche
un auch väklagt ununuterbroche,
war üwwäall in allä Munde –
und ging am End doch vor die Hunde!
Es wurd millionefach vätriebe,
und nur die Crem hat mitgeschriebe
un mitgezeischnet! Es war Kult!
Dann plötzlich nimmä. Wer war schuld?
Warum wurd alles immä schleschtä?
Erst gingen Gernhardt, Poth un Wäschtä,
Boehlisch un Pfarr – die besten Männä.
Es blieb de Nachwuchs, diese Pennä.
Kaan Biss, kaan Witz, von nix ’ne Ahnung,
voll dorschenannä in de Planung.
der neue Chef heißt Joschka Fischä *
jetzt geht’s bergab, des is ma sischä.
Vorbei is eine tolle Zeit,
voll Häme un voll Heitäkeit.
Ihr Leut’! Isch muß es frei bekenne:
Isch zieh mich jetzt zurück zum Flenne.

(* nennt sich aber Leo und denkt, wir würden nix merken)

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