27.07.2016   von Benjamin Monferat

Benjamin Monferat und die Pariser Weltausstellung von 1889

Paris 1889 und Paris heute, nach den Anschlägen vom 13. November 2015 – Ein Werkstattbericht

© Gil Jouin/Agentur M. Hubauer e. K.
© Gil Jouin/Agentur M. Hubauer e. K.

Zeit und räumliche Distanz sind in der Sprache der nordamerikanischen Lakota identische Begriffe. Was sich von selbst versteht in einer Kultur, in der ein Geschehen, das sich drei Tagesmärsche entfernt zugetragen hat, erst dann bekannt wird, wenn ein Bote diese Entfernung zurückgelegt hat. Eine solche Kultur war bis vor vier oder fünf Generationen auch die europäische – bis die Entfernungen zu schrumpfen begannen, das Dampfschiff, die Eisenbahn, die elektrische Telegrafie ihren Siegeszug antraten, ein fotografisches Abbild der Wirklichkeit möglich wurde und eine Aufzeichnung von Worten und Klängen. Seitdem ist es uns zur Selbstverständlichkeit geworden, dass lang Verstorbene zu unseren Zeitgenossen werden, die in Bild und Ton gegenwärtig sind, wie auch wir über Funk, Fernsehen und Livestreams an allen Orten der Welt zugegen sein können.


Am Anfang war eine Idee. Der Zeitpunkt, an dem man den Versuch unternahm, die ganze immer enger zusammenrückende Welt mit ihren neuesten grandiosen Erfindungen an einem Ort zu versammeln, lässt sich exakt bestimmen. Es ist die Epoche der großen Weltausstellungen, speziell der berühmtesten von ihnen, der Pariser exposition universelle des Jahres 1889 mit dem eindrucksvollsten Monument des Fortschritts überhaupt, dem Eiffelturm. Dreihundert Meter hoch, über zehn Millionen Tonnen schwer, die Konstruktion von zweieinhalb Millionen Nieten in Position gehalten: ein stählernes Manifest für den Erfindungsgeist des Menschen. Wenn sich das, was wir geworden sind, an einem Punkt fassen lässt, dann ist es dieser Punkt: Eine Weile her, gewiss, doch nicht in grauer Vorzeit; fünf, sechs Jahre nur vor der Geburt meiner Großeltern. Was wäre, wenn …


Es ist dieser Satz, mit dem im Grunde jeder Roman ansetzt. Das Szenario ist verführerisch: bizarre technische Entwicklungen, die erste «Völkerschau» mit Bewohnern sämtlicher Kontinente. All das in einem Europa, in dem sich Armeen der verfeindeten Nationen mit aufgepflanztem Bajonett an den Grenzen gegenüberstehen, und gleichzeitig treffen sich Millionen von Menschen in der faszinierendsten Stadt der Welt, der Stadt von Baudelaire, Proust und Henri de Toulouse-Lautrec. Ja, den will ich unbedingt dabeihaben, als ich anfange, mich mit meinen Figuren vertraut zu machen. Irgendwann werden sie lebendig werden, und die Geschichte wird beginnen, sich selbst zu schreiben. Meine Absicht aber ist es, eine ganze Zeit, eine ganze Welt in diesen Figuren zu fassen, und dazu muss ich Aspekte dieser Welt in ihnen konzentrieren, unser kollektives Unterbewusstsein anzapfen, das, was wir mit «Paris 1889» verbinden, ohne es recht zu wissen.

Recherche, Figuren, Plot. Und immer neue Fragen


Eine faszinierende Kurtisane, ein etwas unbedarfter junger Fotograf. Eine dünkelhafte Adelige gehört unbedingt dazu. Ein blitzgescheiter Ermittler darf nicht fehlen, denn das Fest des Friedens ist in Gefahr, ein Funke wird genügen, um das Pulverfass Europa zur Explosion zu bringen. Und ich gebe unserem Sherlock Holmes einen leutseligen Dr. Watson an die Seite. Auf die Nachbarn von jenseits des Kanals können wir auf keinen Fall verzichten. In «Welt in Flammen» haben wir den schrulligen britischen Agenten Basil Fitz-Edwards kennengelernt. Jetzt, ein halbes Jahrhundert zuvor, muss er ein ganz junger Mann sein. Das wird spannend. Eine resolute Hotelwirtin, um auch das Leben der einfachen Leute einzufangen, dazu ein undurchschaubarer deutscher Militär … Ich kann dabei zusehen, wie die Geschichte Konturen gewinnt. Jetzt muss ich sie nur noch schreiben, und um sie überzeugend schreiben zu können, muss ich mich in Ort und Zeit hineingraben.


Und das ist ein Abenteuer für sich. Die Recherchen nehmen überraschende Formen an. Schöngeistige Lektüre natürlich, Baudelaire rauf und runter, Oscar Wilde, ein paar tausend Seiten Proust. Das Studium alten Kartenmaterials, denn das Paris des Jahres 1889 ist eine gigantische Baustelle, auf der an den grandiosen Straßenzügen nach den Plänen Haussmanns noch immer gewerkelt wird, während die Elendsquartiere am Montmartre oder dem Montrouge eher in der Rückschau pittoresk erscheinen. Tausend Fragen, von denen sich der Autor nicht hat vorstellen können, dass sie überhaupt zu Fragen werden könnten. 


Die Metro existiert noch nicht; stattdessen verkehren Pferdeomnibusse. Doch folgen sie festgelegten Routen? Welche Winkel der Stadt verfügen bereits über elektrische Beleuchtung? In welchem Maße pflegt die Dame von Welt ihr Hinterteil noch aufzupolstern – ein paar Jahre nachdem die monströsesten Auswüchse des cul de Paris überwunden wurden? Und nicht zuletzt: Wie hoch ist überhaupt der Eintritt zu einer Ausstellung, auf der sich Eiffel und Edison, Eingeborene aus dem Senegal und javanische Tempeltänzerinnen die Klinke in die Hand geben? Rätsel über Rätsel, und nur einem Teil dieser Rätsel ist im Lesesessel auf die Spur zu kommen. Die Lichterstadt will persönlich erspürt, erlebt und erlitten werden. Zu Fuß von Père Lachaise zum Eiffelturm: Wer den Spuren des Autors folgen möchte, ist herzlich eingeladen. Hühneraugenpflaster sind mitzuführen.


Um es auf einen Punkt zu bringen: Das Ganze macht einen Riesenspaß. Dieses gewaltige Szenario zu erforschen, eine haarsträubende, abgründige, blutrünstige Geschichte über einen drohenden Anschlag zu spinnen, der die Lichterstadt, den Kontinent, die ganze Welt ins Chaos zu stürzen droht und all das in einem doch beachtlich aufgeräumten Ton, wie das Lektorat wiederholt verlauten lässt. Und ob sich «Serge der Concierge» nicht doch eine Idee zu albern anhöre? Einwürfe, die dem Schreibvergnügen keinen Abbruch tun. Eher im Gegenteil.

Dann kommt der 13. November 2015 ...


Ich bin seit fast einem Jahr an der Arbeit. Wir haben ein grandioses Cover, einen Spitzenplatz im Wunderlich-Verlagsprogramm, und als besonderer Geniestreich aus dem Vertrieb wird «Der Turm der Welt» bereits mit dem Frühjahrskatalog angekündigt werden, damit sich der Handel frühzeitig mit dem Titel eindecken kann. Die Geschichte als eine Spiegelung unserer Zeit, die Geschichte eines drohenden Anschlags auf die Lichterstadt im Jahre 1889: Es wird eine große Geschichte werden.


Und dann geschieht es tatsächlich. Ich verfolge die Berichterstattung über die Anschläge, Anschläge in meinem Paris. Ich bin zu diesem Zeitpunkt nicht dort, doch einer der Tatorte mit vielen Opfern ist die Bar La Belle Équipe an der Rue de Charonne, fast unter den Fenstern unseres Quartiers, wenn wir in der Stadt sind. Ich bin paralysiert, unfähig zu begreifen. Natürlich bin ich in Paris, gefühlt bin ich seit Monaten jeden Augenblick dort, und ich komme mir vor wie eine Kassandra, weiß, dass das Unsinn ist und ertappe mich dennoch bei dem Gedanken, ob ich das, was in dieser Nacht geschieht auf eine gespenstische Weise heraufbeschworen haben könnte. – Unsinn! Und doch: Die verzweifelten Versuche der Verantwortlichen, der Panik Herr zu werden, die Befürchtung, dass sich die Wut der Einwohner auf eine ganze Bevölkerungsgruppe richten könnte, die Folgen, die unabsehbar sind. Ist es nicht genau das, worüber ich schreibe, versetzt in eine Vergangenheit, die mich, uns alle, in diesem Moment einholt? Genau darüber habe ich geschrieben.


Ist es denkbar, unter diesen Umständen weiterzuschreiben? Das ist ein Gedanke, der eigentlich erst als zweiter kommt. An erster Stelle kommt der Gedanke, wie ich mir überhaupt einen Kopf um mein Buch machen kann, wenn dort, in meinem Paris, Menschen unter diesen Umständen gestorben sind. Es ist eine grauenhafte Zeit. Und ich finde keine Antworten. Menschen, die wissen, woran ich arbeite, melden sich und wollen wissen, wie ich mit den Ereignissen zurechtkomme. Kann ich ihnen eine Antwort geben? Kann ich weiterschreiben?

«Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergehen»


Man rät mir zu. Natürlich müsse ich weiterschreiben. Gerade jetzt müsse ich weiterschreiben, da dieses Buch auf so unerwartete Weise mehr geworden ist als irgendjemand erwarten konnte. Und ich muss genau in diesem lockeren, aufgeräumten Ton weiterschreiben, weil es das ist, was ich in dieser schrecklichen Sache tun kann: Ein Zeichen setzen gegen die bösen Menschen mit den Kalaschnikows. Ein Zeichen gegen die anderen bösen Menschen, die die Gelegenheit sehen, auf dem Leid der Opfer ihr eigenes Süppchen zu kochen, und die zur Hetze gegen alle diejenigen anstimmen, die desselben Glaubens sind wie die Attentäter. Ich muss weiterschreiben, und ich werde das Buch den Opfern des 13. November widmen. Fluctuat nec mergitur, die Worte, die Haussmann dem Stadtwappen von Paris gegeben hat, werde ich dem Buch voranstellen: Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergehen.


Und das habe ich getan. Hat es sich anders angefühlt – hinterher? «Der Turm der Welt» ist mir noch wichtiger geworden, diese Geschichte, die im Gestern spielt und doch so sehr im Heute. Mit Menschen, die aus allen Teilen der Welt zusammenkommen und am Ende lernen müssen, dass es nur den einen Weg gibt: miteinander. Die französischen Ermittler, der Brite Basil Fitz-Edwards mit seinen hochfliegenden Plänen, der undurchsichtige deutsche Hauptmann. Menschen, die im Übrigen ganz nebenbei erfahren, dass die Welt weit größer ist als das heimische Europa. Anlässlich der Weltausstellung weilt Buffalo Bill mit seiner Wildwestshow in Paris, und er hat einen illustren Gast mitgebracht, den indianischen Häuptling Iron Tail. Natürlich ist er ein Lakota.  

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