28.11.2018   von rowohlt

Gut gemacht, Frischling!

«Locker-leicht und fesselnd – Bridget Jones im Weißen Haus» (The New York Times): Beck Dorey-Stein über ihre Jahre im Stab von Präsident Obama

© Lawrence Jackson
© Lawrence Jackson

Was uns hier geboten wird, ist wirklich ein einzigartiger Blick hinter die Kulissen des Weißen Hauses: eine filmreife, wahre Geschichte mit Obama in der Nebenrolle. Beck Dorey-Stein bewirbt sich auf einen ganz normalen Schreibjob – und landet als Stenografin im Weißen Haus. Fünf Jahre ist sie Teil des «Zirkus» – des engen Kreises aus Männern und Frauen, der den US-Präsidenten ständig umgibt. Sie schreibt Geheimgespräche im Oval Office mit und fliegt in der Air Force One um die Welt. Morgens trifft sie Obama auf dem Laufband im Fitnessstudio, abends feiert sie mit Kollegen in Hotelbars – und sie verliebt sich, nicht nur ins Weiße Haus.

Dass Beck Dorey-Steins «Good Morning, Mr. President!» in den USA direkt nach Erscheinen auf der Bestsellerliste landet, verwundert nicht. Hier erfahren wir Dinge, die auch Leser*innen von Michael Wolff und Bob Woodward nicht kennen – der weibliche Blick auf die Akteure und Mechanismen der Macht ist eben ein anderer. Dazu kommt, dass Beck Dorey-Stein eine hinreißende Erzählerin ist. Mit Witz und Tempo, mit Spottlust und einer Menge Selbstironie erzählt sie von ihren Erlebnissen als Stenografin im Obama-Team.

Leise atmen oder gar nicht …


Im Oktober 2011 schreibt
Beck Dorey-Stein Bewerbung um Bewerbung. Nicht einmal Standardabsagen hat sie zuletzt bekommen, dabei hat sie mit ihrer Erfahrung als Englischlehrerin an verschiedenen Schulen im In- und Ausland nicht die schlechtesten Karten – sollte man meinen. Am elendsten sind die Pseudo-Kontaktgespräche in Bars, wo sie jemanden trifft, der vielleicht jemanden kennt, der einem Kontakt verschaffen kann zu Mr. oder Mrs. XY. «Die Happy Hours in D.C. sind dürftig verschleierte Gelegenheiten, um zu netzwerken oder abzuschleppen oder beides.» Gerade als Beck beschließt, aus diesem Zirkus auszusteigen («Ein arbeitsloses Mädchen, das am Tresen steht und sich volllaufen lässt, ist für niemanden von Wert»), passiert das Wunder.


Über eine Agentur zieht sie einen wahren Traumjob an Land. Okay, einen Job als Stenografin – aber hey, als Stenografin im Weißen Haus! Vielleicht war es doch von Vorteil, eine Zeitlang an der ziemlich exklusiven Quäkerschule Sidwell Friends in Washington D.C. gearbeitet zu haben, wo nicht nur Teddy Roosevelts Sohn und Chelsea Clinton zu den Ehemaligen zählen, sondern auch die beiden «First Töchter» Sasha und Malia ein und aus gehen. Sehr schnell lernt Beck, worauf es in diesem illustren Betätigungsfeld ankommt – neben der klaren Ansage: Finger weg von den Secret-Service-Typen (am besten: Finger weg von allen «D.C.-Kreaturen»).


Hier ein Blick in Becks selbstironische «Leitlinien für aufstrebende Stenografinnen:



  • Die Regeln einhalten, die grammatikalischen und alle anderen auch.

  • Vorzeitig da sein und die Klappe halten.

  • Diskret und gepflegt lautet die Devise – wie eine Bibliothekarin oder gutbezahlte Prostituierte.

  • Neutrale Töne bestimmen den Ton.

  • Leise atmen oder gar nicht.

  • Das Semikolon stets sparsam verwenden; die Konvention nie in Frage stellen.

  • Leben, um zu tippen, nicht tippen, um zu leben.

  • Niemals das böse «V-Wort» (Voice Recognition Technology – die Spracherkennungstechnologie) ansprechen.

  • Die Zuverlässigkeit des «V-Wortes» unbedingt bestreiten.

  • Weibliche Ausstrahlung ja, aber bitte strikt asexuell.

  • Kein Techtelmechtel am Arbeitsplatz – auch sonst nirgendwo; niemals.

  • Nicht nach Perfektion streben. Perfekt sein.

  • Und vor allem: Geheimnisse für sich behalten.»

Willkommen im Dorf!


«Ist dir klar, dass ich dafür bezahlt werde,
die Klappe zu halten?» Was Beck im Scherz zu ihrem Vater sagt, als der seine Tochter zum neuen Job beglückwünscht, ist tatsächlich in ihrem Alltag das A & O: Diskretion! Stillschweigen über alles, was sie in ihrer Arbeit mitbekommt, egal ob im Oval Office, in der Air Force One oder bei den Treffen mit anderen Staatschefs! Dies tagein tagaus zu beherzigen ist nicht leicht, muss Beck über die Jahre doch die ein oder andere Liebschaft in ihrem stressigen Alltag unterbringen. Und Glückshormone lösen bekanntlich gern mal die Zunge …


Im EEOB, dem Eisenhower Executive Office Building, lernt sie alles, was eine Stenografin im Dienste der Weltmacht Nr. 1 wissen und können muss, um beim «Gaggle», dem täglichen Briefing mit den dreizehn akkreditierten Reportern und Fotografen des Pressekorps, nicht unangenehm aufzufallen. Vor allem muss sie sich den gewöhnungsbedürftigen West-Wing-Jargon draufschaffen: «RON» steht für «Remain Over Night», «the Beast» ist die schwarze gepanzerte Cadillac-Limousine des Präsidenten, «CAT» ist das «Counter Attack Team». Und, first of all, Potus und Flotus: Wer in Obamas Staff über den Präsidenten spricht, sagt «Potus» (wie «President of the United States»), seine Gattin Michelle ist folgerichtig «Flotus»: «First Lady of the United States».

«Sorry, meine Eltern waren Hippies»


Wer kann schon von sich sagen,
direkt neben einem Top-Alphatier wie Barack Obama sein Laufband-Workout gemacht zu haben, und das ziemlich regelmäßig? Oder zum eigenen 28. Geburtstag im Präsidentenhubschrauber Marine One mit Barack Obama mit Schampus anzustoßen? Zu den entzückendsten Episoden des Buches zählt die Beschreibung von Becks erstem Flug in der Air Force One, dem legendären Präsidenten-Flieger. Weil es ihr erstes RON ist (Sie erinnern sich: Übernachtung inklusive!), muss mit Bedacht gepackt werden. Dienstoutfit, Schlafzeug, Sportzeug usw. Herauskommt ein Auftritt mit Kultcharakter:


«Mein Kleiderschrank ist nicht halb so gut auf die Reise vorbereitet wie ich. Charlotte und Emma versuchen, mir zu helfen, aber ich befinde mich auf verlorenem Posten. Schließlich pfeffere ich meinen halben Kommodeninhalt in eine alte rote Sporttasche aus Fußballvereinszeiten … Am nächsten Morgen packe ich in blinder Panik noch diverse Outfits mit dazu und außerdem zwei paar Stiefel, nur falls wir in einen Hurrikan geraten oder in eine Flutkatastrophe oder einen Waldbrand. (…) Wir erreichen das Vorfeld, und die alten Hasen besteigen die Air Force One mit modischem Bordgepäck und federleichten Aktentaschen. Ich sehe ausschließlich schwarzes Gepäck. Meine rote Fußballtasche ist eine riesige Zielscheibe. ‹Sorry, meine Eltern waren Hippies›, sage ich entschuldigend.»


Mit Beck Dorey-Stein wandern wir noch einmal einige Stationen von Obamas zweiter Amtszeit (2012–2017) ab, die letzte Etappe vor Trump. Der Affordable Care Act; der Amoklauf in einer Grundschule in Newtown, Connecticut; die Bombe auf der Zielgeraden des Boston Marathon; Rassenunruhen in Ferguson, Missouri; IS-Terror, Atom-Abkommen mit Iran; nordkoreanische Raketentests. Und ganz am Ende, am 20. Januar 2017, als es heißt: Schickt die Clowns rein! –, wird «ein lebendiger Albtraum ins Amt eingeführt» – jener Mann, der aussieht, als habe er «die letzten zehn Jahre im Solarium übernachtet». Es wird Zeit zu gehen. Auch für Beck.

Good Morning, Mr. President!

Good Morning, Mr. President!

Ein einzigartiger Blick hinter die Kulissen des Weißen Hauses – und eine filmreife, wahre Geschichte mit Obama in der Nebenrolle.
Sie bewirbt sich auf einen ganz normalen Schreibjob – und landet als Stenografin im Weißen Haus. An ihrem ersten Arbeitstag rät eine Kollegin: «Halten Sie sich von den Secret-Service-Agenten fern!» Aber gilt das auch für ...  Weiterlesen

Preis: € 12,99
Seitenzahl: 480
rororo
ISBN: 978-3-499-63352-2
20.11.2018
Erhältlich als: Taschenbuch, e-Book
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