31.05.2016   von rowohlt

Babylon, Ninive, Konstantinopel, New York

Dirk van Gunsterens glänzende Neuübersetzung von John Dos Passos' Meisterwerk «Manhattan Transfer»

© The Estate of David Gahr / Kontributor / Getty Images
© The Estate of David Gahr / Kontributor / Getty Images

«Manhattan Transfer», der Großstadtroman schlechthin, gehört zu den revolutionären Büchern des 20. Jahrhunderts. Nach seiner Erstpublikation 1925 rückte John Dos Passos mit einem Schlag in die Riege der wichtigsten international einflussreichen Autoren. Naturalismus und Modernismus vermischen sich in diesem Roman zu einem vibrierenden, atemlos rhythmischen und damals gänzlich neuen Stil, der bis heute nichts von seiner schillernden Farbigkeit und leuchtenden Intensität eingebüßt hat. Nun liegt «Manhattan Transfer» in einer kongenialen Neuübersetzung von Dirk van Gunsteren und mit einem Nachwort des Autors Clemens Meyer vor, dessen großer Leipzig-Roman «Im Stein» nicht zuletzt eine Hommage an John Dos Passos ist.


Der eigentliche Protagonist des Romans ist die Großstadt New York selbst: Manhattan, ein Moloch, chaotisch, wild, unüberschaubar, schnelllebig, Wer Dos Passos' Roman liest, ahnt, woher die Karriere der Metapher «Großstadtdschungel» rührt. Erzählt wird die Geschichte New Yorks in der Zeit von 1890 bis 1925. Neben einer Reihe von Hauptfiguren – wie dem durchtriebenen Gewerkschaftsführer Gus McNiel, dem jungen Einwanderer und Gelegenheitsjournalisten Jimmy Herf, dem Anwalt und Poltiker George Baldwin und seiner späteren Frau Ellen Thatcher – tauchen insgesamt rund hundert Figuren auf, viele nur ein einziges Mal. Alle sind sie irgendwie auf der Jagd: nach Arbeit, Geld, Liebe, Anerkennung, Ruhm, Macht. Und die meisten von ihnen gehen in dem Gewühl unter – kaum einer der Protagonisten verlässt die Stadt lebend.


In seinem Nachwort verweist Clemens Meyer auf die immense Wirkung von Dos Passos' Erzählexperiment auf Generationen von Schriftstellern – einer von ihnen ist zweifellos Uwe Johnson («Mutmaßungen über Jakob», «Jahrestage»). Wer aus den engen Schemata eines klassisch literarischen Erzählens herauswollte, fand (und findet) in der filmischen Montagstechnik von «Manhattan Transfer» ein glanzvolles Muster.

CLEMENS MEYER: Dos Passos und die Wild Bunch oder Die Erfindung der Moderne

«John Dos Passos begegnete mir erstmals Mitte der neunziger Jahre in einer Hemingway-Biographie. Befreundet waren die beiden Schriftsteller, wanderten zusammen durch Spanien, tranken mit Joyce und Gertrude Stein in Paris, bis sie sich später, während des spanischen Bürgerkrieges, böse zerstritten, was vor allem an Papa Hem lag; aber trotzdem vereinte ich sie in meiner ‹Wild Bunch›, meiner wilden Horde


amerikanischer Schriftsteller, die, so glaubte ich es damals, die Moderne erfanden. 


John Dos Passos, Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner, E. E. Cummings. Ich glaube, dass ich auch den großen Thomas Wolfe eine Zeitlang zur Wild Bunch zählte, die ich dann ‹Die glorreichen Sechs› nannte; Thomas Wolfe, der große apokalyptische, sprachmächtige Weltenerschaffer, der mit den Engeln heimwärts schaute und viel zu früh starb, aber eigentlich wie die steinerne Statue seines Romans Look Homeward, Angel ganz für sich allein stand in der amerikanischen Literatur. So wie eigentlich auch Dos Passos. ‹Der große DOS›, wie ich ihn nur noch nannte, nachdem ich sein Manhattan Transfer staunend gelesen hatte.


In einem kleinen Dorf in der Nähe von Güstrow, im Uwe- Johnson-Land, las ich Manhattan Transfer und begriff, dass es nicht nur William Faulkner war, der Johnsons Roman Mutmaßungen über Jakob beeinflusst haben musste, sondern eben auch der große DOS, der Meister der Montage, der Urvater der Montage. Und immer wieder dachte ich und denke es heute noch: SOS, we need more DOS!


II


Alles resultierte aus dem Großen Knall, dem BIG BANG, dem großen Krieg der weißen Männer, wie das der heute fast vergessene Arnold Zweig (einstmals weltbekannt durch Romane wie Erziehung vor Verdun, Das Beil von Wandsbek oder Der Streit um den Sergeanten Grischa) nannte. 


Hemingway suchte die Klarheit, suchte eine neue frische Sprache, undidaktisch, unverbraucht, für eine neue Zeit, wie schnell man das heute vergisst, DER URSPRUNG nach dem großen Fall, aber da waren ja noch die anderen, die ganz andere Wege beschritten im großen Mahlstrom der beginnenden Moderne: AM ANFANG WAR AMERIKA. 1998 hörte ich im Radio, dass eine Liste erstellt wurde, von englischen/ amerikanischen Kritikern/Literaturwissenschaftlern: die Top 20 der englischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.


Auf Platz 1 und 3 James Joyce, Ulysses und Finnegans Wake. Okay. Auf Platz 2: The Great Gatsby von Fitzgerald. Hemingway kam glaube ich auf Platz 7 oder 8. Mit The Sun Also Rises. Hinter Faulkner, der war mit The Sound and the Fury vertreten und mit Light in August. Auch Dos Passos war mit Manhattan Transfer unter den Top Ten, muss unter den Top Ten gewesen sein, alles andere wäre ein Witz gewesen …


Ich wusste nicht, wen ich mehr verehren sollte, Hemingway, Dos Passos oder Faulkner … Mein erster Faulkner-Roman, den ich las, war Eine Legende (A Fable), der 1954 erschien, eins seiner weniger bekannten Werke, das im WK I spielt. In seiner Kryptik und Verweigerung von Klarheit war es etwas ganz anderes als mein Papa Hem. Jesus taucht auf im WK I, er schart 12 Jünger um sich, ist er’s oder ist er’s nicht? Tief beeindruckte mich dieses Graben in der Sprache, dieses mythologische Erzählen. Auf jeder Seite fragte ich mich: WO SIND WIR? Und verstand doch alles im langsamen SCHÜRFEN. Die Großinquisitoren sind die Generäle. Jesus wird, wieder einmal, standrechtlich erschossen.


Mythologie und Chronik, dachte ich damals, wie das zusammenbringen? Wie das MONTIEREN? Die Stadt, meine Stadt Leipzig, als realer Ort und als Babel zugleich (wie eben in Manhattan Transfer). Montage und Bewusstseinsstrom. Faulkner, dessen Bewusstseinsströme bis ins HEUTE dringen, er ließ sie ALLE in Gedanken fließen, in eigenen Tönen fließen, Mörder, Priester, geistig Zurückgebliebene, verlorene Frauen und Mädchen, Rednecks, Fanatiker, Pazifisten, Alkoholschmuggler, Südstaatenadel und sogar Jesus. Faulkner erzählte, und das ist elementar, die Tragödien Shakespeare’scher Ausmaße mit White-Trash-Personal, ohne dass jemand sagte: «Unterschichtenliteratur». Womit wir wieder bei Dos Passos sind … New York, New York, Heimatlose, Landstreicher, Alkoholschmuggler, Politiker, Kriegsgewinnler, Upperclass und Underclass dicht an dicht, Aufsteiger und Fallende …


III


Aber es war Dos Passos, der große John Dos Passos, der mir ein wirkliches Erweckungserlebnis bescherte. Manhattan Transfer.  Nein, so etwas hatte ich noch nicht gelesen. Nein, so etwas war mir noch nicht untergekommen. Der BIG BANG hatte Dos Passos’ Welt zerrissen. Der BIG BANG hatte seine Sprache zerrissen und geformt. DAS IST DIE MODERNE, dachte ich schon nach wenigen Seiten seines Manhattan Transfer


Die Großstadt zu Sprache machen, den Moloch versprachlichen, die Stimmen komponieren und wieder zerreißen, die Zerrissenheit der Welt formen, die FORM dekonstruieren, das war mir neu, trotz Berlin, Alexanderplatz, das mir, bei aller Bewunderung, nie ähnlich radikal vorkam. Und ja auch erst vier Jahre später erschien.


Ein Mann kommt in die große Stadt, eine Stadt verschlingt den Mann, der Mann bringt sich um, die Stadt bringt ihn um. Er verschwindet nach wenigen Seiten, als wir ihn weiter begleiten wollen, die Stadt reißt ihn aus unserer Lektüre, die Stadt zerstört unsere Lektüre. Und es ist ein Mann, wie ihn Faulkner hätte erschaffen können, ein Mann vom Land, der mit Schuld in die Stadt kommt, der als Mörder in die Stadt kommt, dessen innerer Stimme wir lauschen, dessen innere Stimme wir wieder verlieren in den Stimmen dieser Stadt. WERBUNG dringt ein in die Sprache Dos Passos’. Der Film dringt ein in die Sprache Dos Passos’. Die Bilder knistern und bekommen Risse.


Später, in seiner U.S.A-Trilogie, wird er dieses filmische Verfahren das Kamera-Auge nennen, the camera eye. Wird versuchen, das Prinzip des Manhattan Transfer von der Stadt, von New York City, auf das ganze Land auszuweiten, aber da war er schon, meine ich, nicht mehr ganz so radikal in der Zersplitterung von Bewusstsein und Wahrnehmung, obwohl auch diese drei Bücher beispiellos dastehen in der amerikanischen Literatur. The 42nd Parallel, 1919, The Big Money.


Dort trennte er die einzelnen Blöcke, ließ sie weniger in- und auseinanderfließen. Aber auch in U. S. A. ist die Flut der Stimmen und Biographien überwältigend. Norman Mailer, dessen gewaltiger Roman Die Nackten und die Toten die Stilmittel Dos Passos’ aufgreift, nennt die Lektüre von U. S. A. seine schriftstellerische Erweckung. Am Anfang war Amerika.


MONTAGE, MONTAGE!, rief es in mir, als mich Manhattan Transfer fortriss, mit sich riss. Und es war mir klar, dass das die MODERNE ist, dass so die Moderne aussah, aussehen musste. MONTAGE, MONTAGE, COLLAGE UND DEKONSTRUKTION! Die BIG BANGS rollen sich durch die Zeit, was WK I zerriss, wird heute wieder anders zerrissen bzw. zerreißt anderes anders, EUROPA ENDLOS, Kriege endlos, NETZE ZERREISSEN ENDLOS, für mich existierte nie eine POSTMODERNE, alles beginnt bei Dos Passos, bei Manhattan Transfer, wie soll man anders erzählen, dachte ich, wo ich doch kurz zuvor dasselbe noch bei Hemingway und dann bei Faulkner dachte (…)»

Top