02.03.2018   von rowohlt

Auf nach Ostfriesland!

Über Nord und Ost, Neuharlingersiel und Teheran, Max Frisch und das Fluten von Rattengängen im Hühnerstall

Cornelia Kuhnert (links), Christiane Franke (rechts); © Privat
Cornelia Kuhnert (links), Christiane Franke (rechts); © Privat

In seinem fünften Fall ermittelt das Kulttrio der Krimi-Autorinnen Christiane Franke und Cornelia Kuhnert nach einem Großbrand im ostfriesischen Neuharlingersiel. Bei einem Feuer auf der Baustelle des neuen Entspannungszentrums «Meeresrauschen» ist ein polnischer Arbeiter ums Leben gekommen. Der Investor Johann Gehrken tönt auf der Jahresversammlung des Boßelvereins laut herum, er wisse, wer den Brand gelegt hat. Nur wenige Stunden später ist er tot. Die Kripo in Wittmund verdächtigt den örtlichen Bauunternehmer, doch Lehrerin und Hobby-Detektivin Rosa Moll hat einen anderen Verdacht. Gemeinsam mit ihren Freunden, Dorfpolizist Rudi und Postbote Henner, krempelt sie die Ärmel hoch und macht sich daran, auch diesen Fall zu lösen. 

DAS INTERVIEW


Tatort Neuharlingersiel – dort, wo Ostfriesland sowas von an der Nordsee liegt … Was sagen eigentlich die Kollegen (und/oder Kolleginnen) der zuständigen Kripodienststelle Wittmund dazu, dass Mordermittlungen vor Ort federführend von einem mehr oder minder fachfremden Trio ausgeübt werden – vom Dorfpolizisten Rudi, der Lehrerin Rosa und dem Postboten Henner?
Natürlich haben wir uns im Vorfeld beim Polizeikommissariat Wittmund und in der Polizeistation Esens informiert und umgesehen, um so authentisch wie möglich schreiben zu können. So hängt zum Beispiel das Pappschild mit der Notrufnummer in Esens tatsächlich hinter der Tür, wenn es nicht benutzt wird. Nach dem, was wir gehört haben, nehmen die Polizeibeamten unsere Serie mit Humor, und sogar dem Polizeipräsidenten in Hannover gefällt sie. 


Ihre Krimis sind beeindruckend gut recherchiert. Mal schöpfen Sie Plot-Ideen aus Gesprächen, die sie mit Menschen in Neuharlingersiel führen (zum Beispiel mit dem Fischer Willi Jakobs) – und mal erklären Sie Ihren Leser*innen die nicht unkomplizierten ökonomischen Hintergründe der Krabbenfangindustrie samt Investitionsbetrug. Machen Sie eigentlich beide alles gemeinsam: die Recherche, das Schreiben, das Marketing? Irgendeine Arbeitsteilung muss es in Zeiten des Optimierens und Spezialisierens doch geben, oder?
Für die Recherche teilen wir uns tatsächlich auf: Das, was hier vor Ort zu erledigen ist, übernehme ich, anderes – z. B. Internetrecherche – übernimmt Cornelia Kuhnert. In Sachen Marketing teilen wir uns ebenfalls auf. Sie kümmert sich um Lovelybooks und Guide-Writers, ich bin unsere Facebook-Beauftragte. Die Lesungsakquise teilen wir uns ebenfalls: Cornelia übernimmt den Bereich um Hannover, ich den ostfriesischen.


Wie wichtig ist für Sie der Austausch in Vereinigungen wie z.B. den «Mörderischen Schwestern»?
Dieser Austausch, genau wie generell mit Kollegen bei Autorentreffen, ist uns durchaus wichtig. So sind wir bei einem der Ostfriesischen Mörderboßel-Treffen (alles Krimi-Kollegen) auf die Idee gekommen, gemeinsam eine humorvolle Krimiserie zu schreiben, die in Ostfriesland spielt. Als Antwort auf den Allgäu-Krimi, sozusagen.


Es gibt die Möglichkeit, über eine GuideWriters App die Tatorte Ihrer Nordseekrimis aufzuspüren. Eigentlich müssten die Tourismusämter zwischen Wittmund, Bensersiel und Neuharlingersiel Sie beide auf Händen tragen – oder zumindest die ewig kostenlose Versorgung mit friesischen Spezialitäten wie Krabben un braden Tuffels, falschem rotem Heringssalat oder Grünkohlpesto mit Baguette garantieren , auch wenn Letzteres wie ein Anschlag auf Leib und Leben klingt …
Ach, wissen Sie,  auf Händen tragen … Wir laufen lieber selber durch Ostfriesland und entdecken spannende Dinge für unsere Bücher.  Auf jeden Fall freuen wir uns, wenn wir in den Tourismusbüros unsere Bücher sehen! 


Zum Abschluss noch eine kleine Runde Shortcuts: kurze Frage, schnelle Antwort (C. K. = Cornelia Kuhnert, Ch. F. = Christiane Franke):


Ihre drei liebsten TATORT-Teams …
C. K.: Münster, Weimar, München.
Ch. F.: Münster, Weimar, Dresden (solange Alwara Höfels mitspielte, leider scheidet sie jetzt aus).


Die drei Romane Ihres Lebens …
C. K.: Max Frisch (Homo Faber), Max Frisch (Stiller), Thomas Mann (Der Zauberberg).
Ch. F.: Benoite Groult (Salz auf unserer Haut), Jojo Moyes (Ein ganzes halbes Jahr), Antoine de Sanit-Exupéry (Der kleine Prinz).


Wie hoch würden Sie die eigene «kriminelle Energie»  einstufen? (Wir meinen natürlich «kleinkriminelle Energie» mit Delikten wie der steuerlichen Absetzbarkeit nicht existenter Arbeitszimmer, der korrekten Versicherung der Putzfrau etc. …)
C. K.:  Eigentlich habe ich nicht so eine großartige kriminelle Energie. Wenn man mal davon absieht, dass ich die Gänge, die die Ratten in unserem Hühnerstall gebuddelt haben, kurz vor Einsetzen des Frostes stundenlang mit Wasser geflutet habe.
Ch. F.:  Mit kleinkrimineller Energie kann ich leider auch nicht dienen, als gelernte Bankerin muss bei mir alles ganz ordentlich und akkurat zugehen. Lediglich bei Parkautomaten zücke ich nicht immer das Portemonnaie sondern vertraue darauf, dass in der Zeit, in der ich parke, keine Politesse kommt. Das klappt auch ganz gut.


Haben Sie beruflich schon mal eine falsche Abzweigung genommen?
C. K.: Nein, eins ging in das andere über. Ich habe Germanistik studiert, war Deutschlehrerin und habe dann angefangen zu schreiben.
Ch. F.: Na ja, wenn man es genau nimmt, habe ich damals den Beruf des Bankkaufmanns erlernt, weil ich argwöhnte, dass ich im kreativen Bereich nicht genügend Geld verdienen würde. Aber das Kreative ließ sich einfach nicht dauerhaft unterdrücken …


Mit welchem Autor, welcher Autorin würden Sie gern mal in dessen/deren Zuhause zu Abend essen?
C. K.:  Ich würde gerne bei Till Raether zu Hause zu Abend essen, wenn seine Frau Elisabeth kocht. Ich liebe ihre Rezepte im ZEIT-Magazin.
Ch. F.:  Ildikó von Kürthy – ich würde gern mit ihr über ihr neues Dasein als Hundefrauchen reden.


Was war Ihre rebellischste, aufsässigste Tat als junger Mensch?
C. K.:  Mit 18, ich hatte gerade den Führerschein gemacht, habe ich ein Auto als Überführung mit Freunden nach Teheran gefahren.
Ch. F.: Mit 21 habe ich nur die Hin- und Rückflüge nach Thailand gebucht und alles vor Ort ausgesucht. Das fanden meine Eltern schrecklich.


Ulrich Wickert kann in seinem Verlag jederzeit ein Turmzimmer zum Arbeiten nutzen. Bisschen neidisch?
Nö. Wir haben unsere eigenen Traumzimmer …


Was ist Ihre friesischste Seite?
C. K.: Ein Hang zur Einsilbigkeit.
Ch. F.: Meine Leidenschaft für die ostfriesische Küche.


Was ist Ihre attraktivste schwache Seite?
C. K.: Ganz eindeutig: Unkraut im Garten zu übersehen und als Wildpflanzen schönzureden.
Ch. F.: Dass ich jedes Kochrezept, das mir gefällt, gleich nachkochen muss.


Was ist das Beste am Älterwerden?
C. K.: Dass man noch lebt!
Ch. F.: Dass man sich mühelos von vielen Dingen trennen kann, die einem nicht guttun.


Wissen Sie vielleicht, ob das Trio Mortabella bereits zum Weltkulturerbe zählt?
Ch. F.: Ich glaube, es zählt eher zum alten Eisen …


Von welchem schönen Ding träumen Sie, das Sie sich unbedingt irgendwann zulegen möchten?
Wenn wir von Dingen reden …
C. K.: … von einem neuen Rasentraktor.  
Ch. F.: … von einem MAC-PC.


Facebook, Twitter, Instagram – eher Last oder Lust für Sie?
Beruflich beschränken wir uns auf Facebook und das ganz gerne, da wir auf diese Weise mit vielen unserer Fans in reger Verbindung stehen, zum Beispiel unserer Küstenkrimi-Fan-Gruppe.


Wenn Sie sich von heute auf morgen einen neuen Lifestyle zulegen können – eher vegan oder polyamourös?
Lieber polyglott.


Last but not least … Tori Amos sagt: «Mein Job ist es zu stören.» Wem würden Sie gern mal so richtig auf die Nerven gehen?
C. K.:  Wir haben alle lieb … Außerdem ist das Leben viel zu kurz um sich zu ärgern.
Ch. F.: Eigentlich niemandem. Im Gegenteil, wir möchten mit unseren Büchern unseren Leser*innen eine Zeit des Wohlfühlens bescheren.

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