19.10.2017   von rowohlt

Auf den Spuren meiner Erinnerung

Péter Nádas' Autobiografie einer Kindheit zwischen Krieg und Nachkrieg – «ein Meilenstein der Literatur» (NZZ)

© Gáspár Stekovics
© Gáspár Stekovics

Péter Nádas' Mutter fährt am 14. Oktober 1942 in Budapest mit der Straßenbahn zur Entbindung. Es ist ein Mittwoch, der Tag, an dem ein Einsatzkommando fast zweitausend Bewohner des Ghettos von Mizocz liquidiert. Der Tag, als Anne Frank das Gewicht jedes Familienmitglieds aufzeichnet, Jan Karski in den Pyrenäen der polnischen Exilregierung Nachrichten des Widerstands überbringt und Viktor Klemperer sich in Dresden vergeblich um Brot anstellt. Jedes Ereignis, so Nádas in seinem autobiografischen «Riesenroman», wirkt auf alle anderen Ereignisse ein – ob in der Politik oder der privaten Lebensgeschichte. Es sind jene Momente, jene «aufleuchtenden Details», die Geschichte fassbar machen und Erinnerung konstituieren. 

Stimmen zum Buch


NZZ: «Was für ein Berg von einem Buch – 1278 Seiten hoch, Jahrhunderte dick, Generationen tief. (…) Péter Nádas' monumentale Kindheitserinnerungen sind eine Enzyklopädie des perversen 20. Jahrhunderts.»
F.A.Z. Woche: «Wenn Sie ein Buch lesen wollen, das höchsten literarischen Ansprüchen genügt, das neues Licht auf dunkle Jahre wirft und das die Summa einer ganzen Existenz zieht, dann gibt es in diesem Herbst nur dieses.»
Die Zeit: «Die finale Raffinesse eines großartigen Erzählers …, der ein letztes unüberbietbares Kunstwerk schafft, in dem er sich von aller Kunstfertigkeit befreit.»
Die Presse: «Ein literarisches Elementarereignis.»
NDR: «Mit dem Instrumentarium eines herausragenden Schriftstellers und der Präzision eines bis ins kleinste Detail fühlenden Menschen hat Péter Nádas nicht einfach eine Autobiografie geschrieben, sondern auf assoziative Erinnerungen basierende große Literatur.»
Stuttgarter Zeitung: «Ein gewaltiges Erinnerungsbuch. (...) Weit greift der Erzähler aus in Raum und Zeit und kehrt dann stets zu sich zurück. Es ist ein Erzählen wie Atmen.»

«Stumm stürzen sie ins Nichts ...»


Für die 1947 jüdischen Bewohner des Ghettos Mizocz in der Westukraine ist der 14. Oktober 1942, als Péter Nádas geboren wurde, der letzte Tag ihres Lebens. Sie werden am frühen Morgen in einen nahen Talkessel getrieben und von Männern des Einsatzkommandos 9 niedergemäht. Immer wieder fragt sich Nádas, warum er in diese Grausamkeit überhaupt hineinggeboren werden musste: «Wieso verhedderte ich mich nicht in die Nabelschnur. Und warum hatte ich gezeugt werden müssen. Meine Mutter hätte doch sehen können, in was für eine Welt sie mich hinausstieß. Sie war nicht blind, nicht uninformiert, schon gar nicht unintelligent, nicht einmal unvorbereitet oder hilflos. Wieso steckte sie nicht eine Stricknadel hoch. Wieso bat sie nicht Imre Hirschler, mich wegzumachen. Jetzt mit vierundsiebzig sage ich, dass ich mich im weggemachten Zustand viel besser gefühlt hätte denn als Überlebender.» Eine erste bittere Lektion fürs Leben: «Noch bevor wir geboren werden, schaffen andere die Grundlagen unserer Existenz.»


Wie er es liebt, wenn ihn sein Großvater in die Luft schleudert – wie gern würde der Junge Tänzer werden! Es kostet Péter ungeheure Überwindung, den Eltern seinen sehnlichsten Wunsch zu gestehen: Ein Ballettkurs in der Schule – und er möchte unbedingt dabei sein. «Gebt mir bitte Geld, ich möchte mich für den Ballettkurs einschreiben. Mehr brachte ich nicht heraus. Sie schauten sich an, lachten, was heißt lachen, sie wieherten (…)  Im Chor, aber auch gegenseitig riefen sich meine Eltern zu, das sie das garantiert nicht wollten, nein. Garantiert nicht wollten, dass ihr Sohn garantiert schwul würde. Das wäre keine gute Investition. Sie wollen doch nicht mein Schwulsein finanzieren. Ich solle mir das Geld dafür mit Schneeschaufeln verdienen.» 


Früh weiß der Junge, dass er die Welt, wie sie ist, nicht begreift – und die Welt ihn, wie er ist, erst recht nicht. Mit acht erfährt er, der protestantisch getauft wurde, von seiner jüdischen Herkunft – eine der eindringlichsten Stellen des Buches. Mit sechzehn ist Péter Nádas Vollwaise. Seine Eltern hatten in Ungarn zur kommunistischen Nomenklatura gehört, ebenso wie seine Tante Magda und sein Onkel Pál Aranyossi. Und doch geraten Nádas' Eltern, wie so viele andere Genossen, unter die Räder des Rákosi-Regimes. Trotz aller Verdienste im antifaschistischen Kampf wird Lászlo Nádas während der brutalen Stalinisierung des Landes als «Abweichler» und «Renegat» kaltgestellt. Nádas' Mutter Klári stirbt an Krebs, als Péter vierzehn ist; sein Vater nimmt sich, verzweifelt und desillusioniert, 1956 das Leben. Für beide, ein Leben lang überzeugte Parteigänger der kommunistischen Idee und unter Einsatz ihres Lebens im Widerstand gegen die Horthy-Diktatur aktiv, ist die Degradierung eine Katastrophe. Ein Todesurteil.

Aus Erinnerungen wird Weltliteratur


Péter Nádas nutzt das große Format, die literarische Langstrecke wie kein anderer. Jahrzehntelang arbeitete er an seinen Romangiganten «Buch der Erinnerung» (dt. 1991; 1023 Seiten) und «Parallelgeschichten» (dt. 2012; 1723 Seiten). In beiden Werken erzählt er, wie tief sich das «Jahrhundert der Extreme» in die Körper und Seelen der Menschen eingeschrieben hat. «Wer sich auf die Nádas-Lektüre einlässt, kann lange Zeit kaum anderes lesen, weil ihm seine Bücher nach Länge und Dichte völlig in Beschlag nehmen. Wer Nádas liest, ist für eine Weile auch für andere Bücher und Autoren verloren. Zu mächtig und zu intensiv ist das Lektüreerlebnis.» (Christoph Bartmann, Die Presse)


«Aufleuchtende Details» nimmt, auch wenn es im Kern um die Jahre zwischen Nádas' Geburt 1942 und dem Ungarn-Aufstand 1956 geht, die Totale des Jahrhunderts in den Blick. Der hochgradig assoziative Erzählstrom fließt hin und her zwischen mikroskopischer Nahaufnahme und Ferneinstellung auf das kriegsversehrte Osteuropa; die Regeln von Raum und Zeit sind aufgebrochen, die Choreografie der Erinnerung entfaltet sich unabhängig von der Chronologie der Ereignisse. 


Nádas' Autobiografie einer Kindheit ist Familiengeschichte und ungarische Geschichte in einem: Die erste Erinnerung, als er, das zweijährige Kind, in der Nacht auf den 27. Juni 1944 mit seiner Mutter bei einem Bombenangriff verschüttet wird («ein im Dunkel eines Budapester Mietshauses aufleuchtender Treppenabsatz, während wir gegen eine kalt aufflammende Wand fliegen, hineinstürzen»). Die «agnostizistisch-modernistischen» Erziehungsanstrengungen des Vaters, die Geschichte der Familie bis weit ins 19. Jahrhundert zurück.  Das Wüten der faschistischen Pfeilkreuzler. Der Vormarsch der Roten Armee, die Schlacht um Budapest nach hunderttägiger Belagerung. Das Entsetzen im Angesicht des Holocausts. Die kommunistische Diktatur nach dem Krieg mit Verhaftungen, Schauprozessen und Geheimdienstterror – all das wird in unfassbar präziser Weise durchleuchtet. 


Am Ende dann, im Spätherbst 1956, rollen russische Panzer durch die Stadt und setzen dem Traum von einem «Kommunismus mit menschlichem Antlitz» ein brutales Ende.  «Es ist das Drama eines hochbegabten Kindes, dem der Glaube an die weltrevolutionäre Ideologie des Klassenkampfes als Sohnespflicht aufgetragen ist (…). Selten hat man ein schärferes Bild aus dem kafkaesken Innern der (kommunistischen) Bewegung gesehen», schreibt Andreas Breitenstein in der NZZ: «die Beseeltheit der Zukunftsgläubigen, die Euphorie der Konspiration, der Kult des Geheimnisses, das Opfer der Entselbstung, die Macht des Gehorsams, der Zwang zur Lüge, die Paranoia des Verdachts, die Logik der Selbstanklage und die Ubiquität des Verrats.»

«Mein Leben im Zeichen eines zweimaligen Verblutens»


Nádas Großwerk, herausragend übersetzt von Christina Viragh, ist eine Herausforderung. 1278 Seiten fortlaufender Text ohne Kapitel, ohne eine einzige Leerzeile. Eine unendliche Melodie: kein Ausrufezeichen, kein Fragezeichen. Und doch in seiner völlig unpathetischen Art des «wimpernlosen» Erzählens ohne Schwierigkeit zu lesen: eine schwebende Prosa, geschmeidig, plastisch, präzise. In ihrer Rigorosität erinnert sie von Ferne an ein anderes literarisches Großprojekt, Peter Weiss' «Ästhetik des Widerstands». 


Am Schluss heißt es: «Ich sage es ohne Pathos und ohne Trauer, dass mein Leben im Zeichen eines zweimaligen Verblutens gestanden hat. Seither hasse ich nicht nur jede Tyrannei, sondern kann auch vor den Schwächen, billigen Komödien und gefährlichen Voreingenommenheiten der Res Publica und der Demokratie den Kopf nicht abwenden. Tut mir leid.»


Es ist gut möglich, dass wir mit «Aufleuchtende Details» das letzte Buch des großen europäischen Erzählers in den Händen haben. Im Oktober 2017 wurde Péter Nádas' 75 Jahre alt. Er werde nun in Rente gehen, sagt er, der «Prozess der Entselbstung» sei mit diesem Werk abgeschlossen.

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