21.02.2015   von rowohlt

Atze - so watt von verliebt!

«Da passten alle Klischees: Namen tanzen, Nackttöpfern, das Gartenabitur mit Echtmooszertifikat ...»

© Stephan Pick; Silke Werzinger (Illustration)
© Stephan Pick; Silke Werzinger (Illustration)

Wer kennt ihn nicht, Atze Schröder – den Mann mit dem blonden Lockenkopf, der riesigen zartblau getönten Pilotenbrille und dem verschmitztesten Lächeln der westlichen Hemisphäre? Mit seinen Soloprogrammen untermauert der gebürtige Essener seinen Ruf als einer der besten deutschen Live-Comedians. Nun legt Atze mit Und dann kam Ute seinen ersten Roman vor: lässig, frech, sexy und schwer romantisch! Machomann trifft auf kultivierte, vegane, hochschwangere Waldorf-Pädagogin. Der männliche Held dieses denkwürdigen Aufeinandertreffens heißt, was für ein Zufall, Atze Schröder. Das kann ja heiter werden!


Atze Schröder hat seinem Debütroman eine Bedienungsanleitung vorangestellt – was nicht unwichtig ist, tauchen hier doch jede Menge bekannter Zeitgenossen prominent auf: Frauko Ludowig («Mein RTL!»), Mario Barth, Christine Neubauer, Dieter Thomas Heck, Bastian Pastewka, ZDF-Allzweckwaffe Markus Lanz usw. O-Ton Atze: «Und dann kam Ute ist ein satirischer Episodenroman, der von Gefühlen, Liebe, Sex, Räuberpistolen und Freundschaft handelt. Auch die Namen, Schauplätze und Erlebnisse wurden willkürlich gewählt. Allerdings haben alle Geschichten einen wahren Kern.» Dann mal her mit Ute!

Romeo & Julia, William & Kate, Ute & Atze

Essen, Kurt-Schumacher-Straße 10. Keine schlechte Bleibe, in der Atze seit zehn Jahren residiert. Ein Mietshaus und doch ein Prachtdomizil: «Verschwenderisch großzügig geschnittene Wohnungen, absurd hohe Decken, handgestanztes Eichenstabparkett und knarzende Ochsenbluttreppen in einem größenwahnsinnigen Treppenhaus». Atzes direkter Nachbar ist «Gomera-Gerd», «wahrscheinlich die faulste Sau des Planeten»; in der Wohnung darunter leben Hajo und Kati Deutschmann mit ihrem gefürchteten Jack-Russell-Terrier Flöcki. Neben den Flöckis zieht dann eines schönen Tages besagte Ute ein, nachdem die legendäre Friseurin Helga Wachowiak, genannt: «die Rundbürste», nach gut vier Jahrzehnten ihren Salon «Vier Haareszeiten» aufgegeben hat, um sich in den verdienten Altersruhestand auf Gran Canaria zu verabschieden.
Der erste Eindruck der neuen Mitbewohnerin fällt bei Atze eher zwiespältig aus. Ein hübsches Gesicht, das schon, aber am Bauch kommt sie dem notorischen Frauenchecker doch recht üppig vor. Ach, schwanger? So so, na dann, kannse nix machen. Und schon ist Atze, alter Porsche-Adel und Liebhaber schöner und schönster Frauen, voll im Geschäft. Was braucht ein «hochschwangeres Muttertier». Na klar, was zu essen. «Hömma, Prinzessin Doppelherz, wenn du versprichst, mich ab jetzt nur noch liebevoll Atze zu nennen, mach ich dir 'ne Pfanne von meinen legendären Bratkartoffeln. Handgeklöppelt, buttergebräunt und formvollendet in Landestracht serviert.»

«Ein junger Typ wie ich, Anfang dreißig, Ende vierzig»

Fast hätte Bratkartoffel-Atze den guten Eindruck gleich wieder ruiniert, als er sich bei Utes Einweihungsparty auf ein wildes Handgemenge mit ihrer besten Freundin «einlässt» («Rums!, fiel die Tür zu, und ihre Hand glitt ins Feingerippte»). – bis Ute in die vielversprechende Szene hineinplatzt und den triebgesteuerten Nachbarn zur Schnecke macht. Aber Atze wäre nicht Atze, würde er nicht mit einer Extraschippe Ruhrpottcharme bei Ute punkten können. Auch wenn ihm, ma ehrlich!, die voller Begeisterung vor die Nase gehaltenen Ultraschallbildchen von Ärmchen und Beinchen, Ohren und Nase wie «Satellitenfotos aus dem Golfkrieg» erscheinen.
Die Sache ist die: Atze beginnt sich langsam, aber rettungslos in Ute zu verlieben. Und das, obwohl sie so gut wie nichts an sich hat bzw. trägt, was ihm bei seinen üblichen scharfen Schnitten den Hormonhaushalt explodieren lässt, Keine High Heels, keine knallengen roten Lederhosen, kein bauchnabeltiefes Dekolleté. Dafür hat Ute im Übermaß, was den anderen Mädels fehlt: Herz, Hirn und freche Schnauze.
Aber irgendwas sitzt quer bei Atze und Ute, Missverständnisse, Grenzüberschreitungen, Reibereien, alles Nichtigkeiten. Laut Buch Atze hilft da nur eines: Ortswechsel, Luftveränderung, weg von Ute, Flöcki und Essen-Kray. «Zehn Tage Winterurlaub in St. Moritz. Aber nicht in so einem von Russen überlaufenen Fünf-Sterne-Frikadellenpuff, sondern exklusiver als exklusiv: im Grande Grand Hotel Le Chevalier du Chef». Hier wird das Mineralwasser in Silberkännchen, der Honig in geschliffenen Bernsteinkaraffen, das Rehrücken-Carpaccio auf Gletschereis und der Edel-Espresso auch als Lutschbonbon kredenzt. So wird Luxus buchstabiert! Aber kaum ist er in der Edelabsteige eingetroffen, muss er auch schon wieder zurück nach Essen: Adé, edles Stöckelwild. Wehen bei Ute. Ab in den Porsche, zurück in die Heimat. Zum Fehlalarm; Frühwehen, was sonst.

Und dann kam Ute!

Endlich ist der große Tag da, der Tag, an dem Philip Maria Peymann das Licht der Welt erblicken wird. Und Atze (wer sonst?) leidet Höllenqualen: «Ich habe schon viel gesehen und erlebt. Zivildienst, Splatter-Movies, angefahrene Kühe und Berti Vogts' unverhüllte Körperteile in einer Herrensauna. Ich dachte wirklich, dass ich schussfest wäre – aber so eine Geburt gehört meiner Ansicht nach in Den Haag vor das Kriegsverbrechertribunal. Mein Gott, hat diese Frau geschrien!» Aber das Geschrei hat sich gelohnt, findet Atze: «Noch nie hatte ich so ein schönes Kind gesehen!» Ist ja quasi sein Kind – wer sonst könnte dem Knirps echte Männerwerte beibringen? Philipp, der süße Fratz, wird Atzes neuer best buddy.
Leider sind Atzes Vorstellungen von ausgewogener Kleinkind-, pardon: Jungsernährung nicht ganz kompatibel mit dem Weltbild seiner Waldorfprinzessin. Atze: «Ein Schnitzelbrötchen und 'ne kalte Cola, da ist doch alles drin, was so'n kleiner Körper braucht, und gut is!» – «Bist du jetzt voll abgedreht, Atze?» Am liebsten möchte Atze hinschmeißen und einfach abhauen, «blind vor Schmerz, Alkohol und Buttercreme», wie er ist. Nach Berlin, nach Hamburg, egal wohin, Hauptsache nicht Essen-Kray.
Atze ist in der Midlife-Krise, keine Frage. Dagegen helfen auch keine Exzesse mit blondierten Tussen oder sonstige schrägen Sachen. Und die üblichen Atze-Sprüche à la «Mmh, Ute, der Vollkornsekt schmeckt so süffig. Pelzig im Schritt, fruchtig im Abgang. 93er Südlage, Chateau Migraine» funktionieren definitiv dann nicht, wenn es um die ernsthafte Klärung von Lebensentscheidungen geht. Plötzlich ist sie da, die bange Frage: Bin ich jetzt zu alt für die Hasenjagd? Muss ich jetzt tatsächlich einen auf Familie machen? Ist es vorbei mit dem Atze, der ich mal war?

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