29.07.2019   von rowohlt

Totgeschlagen. Totgeschwiegen.

Packend und eminent politisch: der neue Roman von Max Annas, mehrfacher Gewinner des Deutschen Krimipreises

An einer Bahnstrecke nahe Jena wird im Oktober 1983 eine grausam entstellte Leiche gefunden. Wie ist der junge Mosambikaner Teo Macamo zu Tode gekommen? Oberleutnant Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission Gera sucht Zeugen. Und stößt auf Schweigen. Die Indizien sprechen für ein rassistisch motiviertes Verbrechen. Als sich dies nicht länger übersehen lässt, werden die Ermittlungen auf Weisung von oben eingestellt. Denn ein solcher Mord ist in der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorstellbar. Also ermittelt Otto Castorp auf eigene Faust weiter ...  


Max Annas’ fesselnder Kriminalroman über einen historischen Mordfall ist der Auftakt einer Serie – ein Buch, das weit über die achtziger Jahre und die DDR hinausweist.

Stimmen zu Max Annas


«Knapp, schnell, lakonisch, auf den Punkt und brisant.»  (Thomas Wörtche)
«Großes Kino! Annas guckt literarisch unter die Haut.» (taz)
«Max Annas hat eine beeindruckende Fähigkeit, schlaue Plots in konzentrierte, schlanke, fesselnde Thriller zu packen.» (Ulrich Moeller)
«Lange nicht hat ein deutscher Autor so furios, so gewalttätig und so entschieden mit den Bestandteilen des Genres jongliert. Lange nicht ist ein derart radikaler Krimi auf Deutsch erschienen.» (Deutschlandfunk)

Samstag, 1.10.1983


Sie sind die Morduntersuchungskommission (MUK) in Gera: Heinz, der Dienststellenleiter, Rolf, Günter, Konnie und Otto. Ihre Fälle mögen sich auf den ersten Blick kaum von dem unterscheiden, womit sich ihre Kollegen in der Bundesrepublik herumschlagen müssen. Auf den zweiten Blick aber ist alles anders. Aus kriminalistischer Perspektive ist zum Beispiel der Fall Radunek klar: Ein Mann hat seine Frau die Treppe heruntergestoßen, sie stirbt; in der Nacht darauf erhängt sich der Täter. So weit, so eindeutig.

Aber im SED-Staat kann nicht sein, was nicht sein darf. Das offizielle Ermittlungsergebnis: Frau Radunek hat sich wegen häuslicher Probleme in den Tod gestürzt; aus Gram nimmt sich ihr Mann, der verdiente Betriebsgewerkschaftsleiter des VEB Schott & Genossen, das Leben. Dass der Täter vor Zeugen gesagt hatte: «Ich hätte es viel früher tun sollen»? Spielt keine Rolle. Dass die Radunek-Kinder nun zu Verwandten oder ins Kinderheim kommen? Spielt auch keine Rolle. «Jedenfalls würden sie nicht damit leben müssen, dass ihr Vater die Mutter getötet hatte. Vielleicht machte das einiges in ihrem Leben einfacher.»

Tatsache ist: Die Akte Radunek wird geschlossen. Weil, so heißt es von oben, man solch einen Fall mit klarem Kopf betrachten müsse. Strategisch, um nicht zu sagen: dialektisch. «Wie sollen wir das denn vermitteln? Der Genosse Radunek war ein verdienter Arbeiter und ein langjähriges Parteimitglied. Weißt du, wie das nach außen wirkt? (...) Und du willst doch auch nicht, dass der Klassenfeind das ausnutzt. Was meinst du, wie schnell das drüben die Runde macht?» Während mancher Kollege der Geraer Morduntersuchungskommission mit dem gnadenlosen Zurechtbiegen der Realität gut leben kann, leidet Oberleutnant Otto Castorp wie ein Hund darunter. Er stürzt sich in die Arbeit. Geht mit seinen Freunden zum Fußball. Tankt Kraft in seiner Familie, bei Birgit und den drei Kindern – und trifft, wann immer es möglich ist, seine heimliche Geliebte, die Jenaer Buchhändlerin Marion. 

«Alle sollen es mitkriegen. Ihr könnt nicht alles verschweigen ...»


Dann ein neuer Fall. Jenseits von Kahla,  an der Bahnstrecke von Jena nach Rudolstadt, wird die Leiche eines jungen Schwarzen gefunden. «Der Kopf war eigentlich keiner mehr. Eher ein Stumpf als etwas anderes. Da hatte niemand einfach nur zugeschlagen. Das war ein Werk totaler Raserei. Alles war blutig und dunkel.» Diese ungeheure Gewalt, die dem Opfer angetan wurde; das Gesicht, eine diffuse, blutige Masse; Schädelsplitter, über mehrere Kilometer an der Bahntrasse verstreut. Die Bilder des Schreckens verfolgen Otto bis in seine Träume. Wie groß muss der Hass auf das «Fremde», das «Nichtdeutsche» gewesen sein, das der Tote für seine Mörder verkörpert haben muss? 

Es dauert einige Tage, bis die MUK-Kollegen durch Befragungen in den Unterkünften der afrikanischen Vertragsarbeiter die Identität des Toten klären können. Teo Macamo, Mocambiquaner. Weil das Opfer weder von dem Zug mitgeschleift noch von ihm überrollt wurde, spricht Ottos Kollege Günter als Erster aus, was alle vermuten: Der Afrikaner wurde, an den Beinen gefesselt, von seinen Mördern mit dem Kopf voraus aus dem fahrenden Zug gehalten. So lange, bis von seinem Kopf nichts mehr übrig und alles Leben aus seinem jungen Körper entwichen war.

Nach wenigen Tagen wird der Morduntersuchungskommission Gera untersagt, weiter in diesem Fall zu ermitteln. Es darf einfach nicht sein, so die offiziöse Logik, dass es im real existierenden Sozialismus Menschen gibt, die aus Rassenhass schwarze Arbeiter aus «befreundeten Staaten» ermorden. Ottos ungeliebter Kollege Rolf bringt die Staatslogik auf den Punkt: «So was macht doch in der DDR keiner.» Nicht viel anders Bodo, Ottos MfS-Bruder: «Und wenn der Westen das mitkriegt ... Stell dir das vor. Das kannst du nicht wollen.» 

Der infame Mord an dem jungen Mann aus Mocambique lässt Otto Castorp nicht ruhen. Er ermittelt im Stillen weiter, allein, ohne Wissen seiner Kollegen. Ob er ahnt, dass das MfS über jeden seiner Ermittlungsschritte bestens informiert ist? Nach wochenlangem Suchen findet er endlich eine Tatzeugin. Als die alte Dame ihre Angst überwindet und zu erzählen beginnt, was an jenem fatalen Abend im 20.53-Uhr-Zug zwischen Saalfeld und Jena geschah, weiß Otto Castorp, wen er zu suchen hat ...

«Körper, die nicht dazugehören dürfen ...»


In einem Interview hat Max Annas einmal beschrieben, was sich wie ein roter Faden durch seine Bücher zieht: «Vielleicht ist der Fokus ...  das Drinnen/Draußen, das sich architektonisch artikulieren kann wie in Die Mauer oder sozial wie in Illegal oder eben gebündelt wie in Finsterwalde, wo das Dazugehören durch politischen Ein- wie Ausschluss formuliert wird und zu einer alten wie neuen Geschichte wird von Grenzen und dem, was man im Anglophonen to other nennt, das Konstruieren von Körpern, die nicht dazugehören dürfen.»

Dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens, das demoralisierende Wissen um das Drinnen und das Draußen, das Erleben von Anfeindung, Demütigung und offener Gewalt – das kannten die aus Vietnam, Kuba, Angola oder Mocambique angeworbenen Arbeitskräfte in der DDR nur zu gut. Wer wissen möchte, welcher historische Fall Annas inspirierte, der braucht nur dem Namen des Mannes zu folgen, dem sein Roman «Morduntersuchungskommission» gewidmet ist: «Für Manuel Diogo (1963–1986)».

Antonio Manuel Diogo war einer der gut 20.000 Mocambiquaner, die in den 1970-er und 1980-er Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren. Nach einem Wochenende in Berlin hatte ein Freund den 23-Jährigen am 30. Juni 1986 zum Berliner Ostbahnhof gebracht. Diogo ist niemals in Dessau angekommen. Über Kilometer verstreut wurden einzelne Körperteile von einer «Person mit dunkler Hautfarbe» gefunden. Manuel Diogo wurde das angetan, was in Annas‘ Kriminalroman Teo Macamo erleiden musste.

Ein barbarischer Mord, an dessen Aufklärung das Ministerium für Staatssicherheit  (MfS) kein Interesse hatte. (Historiker gehen von 800 rassistischen Übergriffen gegen ausländische Vertragsarbeiter aus; zwölf der Opfer wurden getötet, Tausende verletzt.) Wie weit es mit dem staatlich verordneten Antifaschismus und der proletarischen Solidarität her war, hat man dann später im sächsischen Hoyerswerda (1991), in Rostock-Lichtenhagen (1992) und anderswo sehen können. 

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