22.08.2018   von rowohlt

Traue niemandem. Nur dir selbst.

Packend, rasant und hochaktuell: Anna Tells Thrillerdebüt «Vier Tage in Kabul»

© Privat
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Die schwedische Kriminalkommissarin Amanda Lund ist für ein Jahr in Afghanistan stationiert, sie bildet lokale Sicherheitskräfte aus. Gerade erst hat die 35-Jährige einen Angriff der Taliban überlebt, da erhält sie einen neuen heiklen Auftrag: In Kabul ist ein schwedisches Diplomatenpaar verschwunden. Die Botschaft geht von einer Entführung aus. Amanda ist Verhandlungsspezialistin, sie soll als Unterhändlerin in dem Fall vermitteln. Jede Stunde zählt. Bei der Reichskriminalpolizei in Stockholm koordiniert derweil Bill Ekman Amandas Einsatz. Die Sache muss unter Verschluss bleiben, nur ein kleiner Kreis ist eingeweiht. Der Druck ist immens, denn in Schweden erwartet man afghanischen Staatsbesuch …

Stimmen zu «Vier Tage in Kabul»


Tara:
«Was für ein Buch! Anna Tell weiß, wie man eine spannende Story erzählt.»
Dagens Nyheter: «Anna Tell hat genügend Hintergrundwissen, um bessere Kriminalromane zu schreiben als die meisten. Und das Talent, perfekt zu dosieren; genaue Beschreibungen, elegant eingefügte Details zum Privatleben der Hauptfiguren und keine unnötigen Übertreibungen.»
Kristianstadsbladet: «Ein großartiges Krimidebüt!» Amelia: «Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite.»
DAST Magazine: «Glaubwürdig und spannend. Ein in vielerlei Hinsicht interessanter und provokanter Roman.»


Anna Tell ist Politologin und Kriminalkommissarin. Sie verfügt über zwanzig Jahre praktische Erfahrung in der operativen Arbeit im Rahmen von nationalen und internationalen Einsätzen, u. a. in Afghanistan und auf dem Balkan. «Vier Tage in Kabul» ist der Auftakt zu einer Reihe um die schwedische Unterhändlerin Amanda Lund. Im Interview erzählt Anna Tell, was sie mit ihrer Protagonistin teilt – und worin sie sich unterscheiden.

DAS INTERVIEW


Du hast für die schwedischen Streitkräfte gearbeitet und warst sowohl in Afghanistan als auch in den Balkanländern im Einsatz. Wann warst du in diesen Ländern und wie lange?
1998/99 war ich für 8 Monate in Bosnien und Herzegowina, 2002/03 für 18 Monate im Kosovo und 2008 für 12 Monate in Afghanistan.


Warum hast du dich für diese hochgradig gefährlichen Militäreinsätze gemeldet?
Ich glaube, dabei geht es um einen inneren Antrieb. Jeder, der sich für diese Art Tätigkeit entscheidet, möchte etwas Gutes für die Gesellschaft bewirken. Man will Dinge geraderücken und spüren, dass das, was man tut, zählt und einen Nutzen hat.


Was war deine Aufgabe in Afghanistan? Hattest du während dieser Zeit die Möglichkeit, verschiedene Gegenden des Landes dir genauer anzuschauen?
2008 war ich für die schwedischen Streitkräfte im Auslandseinsatz in Afghanistan. Ich hatte den Dienstgrad einer Vorgesetzten und habe eine Gruppe koordiniert, die sowohl mit der lokalen Bevölkerung als auch mit Repräsentanten anderer Länder eng zusammengearbeitet hat. In dieser Funktion bin ich viel in Afghanistan herumgekommen. Natürlich habe ich Kabul sehr intensiv kennengelernt, aber auch die Provinzen nördlich von Kabul, Masar-e-Sharif. In Kabul waren die Tage lang, man stand morgens in aller Herrgottsfrühe auf und ging abends spät ins Bett. Mein Fokus lag hauptsächlich auf meinem Auftrag, aber man denkt zwangsläufig immer wieder über die Situation der Mädchen und Frauen in Afghanistan nach. Als Frau macht man sich, glaube ich, mehr Gedanken über die afghanische Zivilgesellschaft, als es Männer tun. Man muss sich das klarmachen: Die Hälfte der Bevölkerung hat im Prinzip kein Mitbestimmungsrecht, kann nicht über die eigene Zukunft entscheiden – das entrechtete Leben der Frauen ist furchtbar. Als Schwedin bekommt man vor Augen geführt, wie privilegiert wir sind, auch wenn es in Europa ebenfalls noch einiges zu tun gibt.


Was war das Wichtigste für dich in dieser Zeit beim Militär?
Im Zentrum der großen Politik zu sein. Dort zu sein, wohin alle Welt schaute, habe ich als unglaublich bereichernde Erfahrung empfunden. Eine Gruppe in einer Krisenregion zu leiten, in einer Umgebung mit einer nach wie vor hohen Gefahrenlage, war extrem lehrreich. Das Land hat eine enorme Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Afghanistan ist in vielerlei Hinsicht ein Land krasser Gegensätze: Reichtum und bittere Armut, extreme Hitze und exzessive Kälte. Und dann die unterschiedlichen Landschaften Afghanistans! Es gibt dort fruchtbare Täler, Gebirgsmassive, die einem das Gefühl vermitteln, in den Alpen zu sein, aber auch trockene, staubige Wüstenlandschaften mit feinem Sand, der durch die Luft wirbelt. Mit dem Auto von Kabul durch den Salangpass im Hindukusch in acht bis zehn Stunden in den Norden des Landes zu fahren, ist ein magisches Erlebnis, egal zu welcher Jahreszeit. Ein absolutes Muss, sofern es die Sicherheitslage zulässt.


Wie hast du Amanda Lund, die Hauptfigur deines Romans, entwickelt? Anders gefragt – wer war zuerst da, Amanda oder die Geschichte?
In den Büchern, die ich als Kind und Jugendliche gelesen habe, gab es so gut wie keine starke, autarke Frauenfigur, das hat mich gestört. Als ich beschloss, ein Buch zu schreiben, war mir klar, dass meine Protagonistin eine erfahrene Polizeibeamtin mit Durchsetzungskraft sein würde, die sich mit großer Selbstverständlichkeit in dieser klassischen Männerdomäne bewegt. Gleichzeitig wollte ich den Fokus nicht auf traditionelle Polizeiarbeit legen. Da hat es sich ganz von selbst ergeben, dass Amanda ihre Vermittlertätigkeit in Afghanistan ausführt. Der Wunsch, Neues auszuprobieren, hat mich zum Schreiben geführt. Und mein unerschütterlicher Optimismus und meine Beharrlichkeit sorgen dafür, dass ich nicht aufhören kann.
Während meines Militäreinsatzes in Afghanistan hatte ich das Gefühl, den Ort gefunden zu haben, an dem mein Buch spielen sollte: ein Land ist, über das es sich zu lesen lohnt, das gerade jetzt Aufmerksamkeit verdient, wo die internationale Militärpräsenz reduziert wurde und das Interesse der westlichen Welt an diesem Krisenherd am Hindukusch nachgelassen hat.


Wie ähnlich sind sich Amanda Lund und Anna Tell, was habt ihr gemeinsam, worin unterscheidet ihr euch? Du beschreibst Amanda in Afghanistan als einzige Frau unter Männern. Hast du diese Erfahrung ebenfalls gemacht?
Amanda bewegt sich in einer klassischen Männerdomäne, als Polizeibeamtin ebenso wie als Mitarbeiterin der schwedischen Streitkräfte. Das haben sie und ich gemeinsam, auch wenn sich 2018 die Lage etwas geändert haben mag. Amanda ist Unterhändlerin bei der Nationalen Eingreiftruppe. Das war ich nicht. Dort arbeiten nach wie vor keine Frauen; die wenigen, die sich dort beworben haben, sind an den Einstellungskriterien gescheitert. Früher oder später wird es dort auch Frauen geben, wenn gewisse Voraussetzungen stimmen, vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Amanda ist ein sehr zielstrebiger Mensch, sie will der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verhelfen und dazu beitragen, dass das Gute siegt. Auch durch meine Arbeit soll die Gesellschaft ein kleines bisschen besser wird. Amanda ist risikofreudig, aber kein «Adrenalinjunkie». In der Beziehung sind wir uns ebenfalls ähnlich, auch wenn ich mittlerweile zweifache Mutter bin und meine berufliche Basis in Stockholm habe. Der Privatmensch Amanda ist ziemlich einsam und steckt in einer schwierigen Beziehung, außerdem ist ihre Mutter krank. Hier gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen uns. Für mich ist wichtig, dass Amanda eine ganz gewöhnliche Frau ist, mit einem ungewöhnlichen Job zwar, aber ansonsten: normal, wie die meisten Menschen, die beruflich mit Kriminalitäts- und Verbrechensbekämpfung zu tun haben.
Aber natürlich ist mir bewusst, dass Leserinnen und Leser des Romans unwillkürlich Parallelen zu meinem eigenen Leben ziehen und sich fragen, was Fiktion und was aus meiner Realität entsprungen ist. Klar ist: Amanda ist eine fiktive Figur.


Inwiefern hat deine Tätigkeit als Drogenfahnderin zu Hause in Schweden die Handlung des Romans inspiriert?
Ich kenne die Dinge, über die ich schreibe. Die Handlung meiner Bücher fußt auf einer soliden Wissens- und Erfahrungsbasis. Ich war an fast allen Orten, die ich beschreibe, und weiß, wie es ist, in diesen Milieus zu arbeiten. Ich kenne die Herausforderungen, mit denen man konfrontiert wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie die Polizei arbeitet, was auf der Handlungsebene funktioniert und was nicht. Gleichzeitig muss ich die Wahrheit ab und zu frisieren, damit der Plot nicht an Tempo verliert. Wenn man Kriminalliteratur schreibt, müssen die Details an den richtigen Stellen sein, sonst verliert man das Vertrauen der Leser.


In einem Interview hast du gesagt, dass du jetzt, wo du Kinder hast, nicht mehr bei der Drogenfahndung arbeitest. Was machst du zurzeit beruflich? Und – vermisst du es hin und wieder, an vorderster Front zu sein?
Ja, ich vermisse es, im Ausland zu arbeiten, die Arbeit auf internationaler Ebene in Krisenregionen. Heute sitze ich überwiegend im Büro, plane Besprechungen und mache Computerarbeit. Ich liebe diese Arbeit auch, aber mein Leben hat sich verändert: Ich möchte nicht von meinen zwei kleinen Engeln getrennt sein …

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