21.05.2015   von rowohlt

Anna McPartlin schreibt an ihre deutschen Leserinnen

«Was in meinem Leben alles passierte und passieren musste, um diesen Roman schreiben zu können»

© Feliicitas Horstschäfer, www.felicitas-horstschaefer.de
© Feliicitas Horstschäfer, www.felicitas-horstschaefer.de

Stell dir vor, du hast nur noch neun Tage. Neun Tage, um über die Flüche deiner Mutter zu lachen. Um die Hand deines Vaters zu halten (wenn er dich lässt). Und deiner Schwester durch ihr Familienchaos zu helfen. Um deinem Bruder den Weg zurück in die Familie zu bahnen. Nur neun Tage, um Abschied zu nehmen von deiner Tochter, die noch nicht weiß, dass du nun gehen wirst ...
Anna McPartlins Roman «Die letzten Tage von Rabbit Hayes»: ungeheuer traurig. Ungeheuer tröstlich.
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Mein Weg zu Rabbit Hayes

«Zu diesem Roman hat mich meine humorvolle und tapfere Mutter inspiriert, eine großartige Band und ihr tragischer Verlust, außerdem liebevolle, unterstützende Familien und tiefe Freundschaften.
Meine Mutter hat meinen Vater in den späten siebziger Jahren verlassen. Im Irland dieser Zeit war das ein mutiger Schritt, aber sie war fest entschlossen, uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Wir sind zu meiner Großmutter nach Glasnevin im Norden Dublins gezogen. Mom war siebenunddreißig, ich war fünf. Kurz nach dem Umzug wurde bei meiner Mutter chronische, progressive multiple Sklerose diagnostiziert.
Innerhalb von fünf Jahren saß sie im Rollstuhl. Und während dieser fünf oder sechs Jahre, in denen Granny, Mom und ich zusammenlebten, lernte ich die Menschen aus Norddublin kennen und lieben, die auch diesen Roman bevölkern. Durch all die Nachbarn und Freunde konnten wir viel länger zusammenbleiben, als irgendjemand für möglich gehalten hätte. Sie kümmerten sich um uns, behüteten uns, und als klar wurde, dass es so nicht weitergehen würde, halfen sie uns, den nächsten Schritt zu gehen.

Die Dubliner – ein besonderer Menschenschlag

Mom war zweiundvierzig, als sie in ein Pflegeheim in Süddublin kam, und ich war elf, als mich meine geliebte Tante und mein Onkel neben ihren fünf Kindern aufnahmen, in einer kleinen Stadt namens Kenmare im County Kerry. All meine Ferien verbrachte ich bei meiner Mutter in Dublin und traf dort eine neue Sorte von Dublinern, die aber genauso zäh, entschlossen und humorvoll waren.
Es war nie schmerzhaft traurig, auch wenn Verlust und Traurigkeit Teil dieses Ortes waren. Unauslöschlich sind meine Erinnerungen an die Blödeleien, die Liebe und das Lachen, das wir trotz allem nicht verlernten. Mit neunundvierzig Jahren starb meine Mutter, friedlich, an einem sonnigen Nachmittag im Juli 1989. Ich war siebzehn, als ich für immer Abschied von ihr nahm.
Mit achtzehn zog ich wieder nach Dublin, und zwei Jahre später lernte ich Donal McPartlin kennen. Ich versuchte mich zu der Zeit als Schauspielerin und Stand-up-Comedienne. Er spielte Schlagzeug in einer Band. Wir traten am gleichen Tag der Gruppe ‹Best Medicine› bei, die dreimal die Woche vor kranken Kindern in drei Dubliner Krankenhäusern auftrat. Donal war ein schüchterner Musiker aus dem Norden der Stadt, ich war eine vorlaute Schauspielerin aus Kerry, aber als wir ins Gespräch kamen und herausfanden, dass ich mal um die Ecke von ihm gewohnt hatte, und als ich erzählte, warum ich von zu Hause wegmusste, traf es ihn wie ein Blitzschlag.

Für Mom. Und für Jimmy.

Sein bester Freund Jimmy, Sänger seiner ersten Band, hatte die Diagnose Multiple Sklerose bekommen. Er lag im Sterben. Donal und ich wurden kurz darauf ein Paar. Jimmy starb in einem Pflegeheim, nur achtundzwanzig Jahre alt. ‹Die letzten Tage von Rabbit Hayes› ist eine fiktive Geschichte, aber Moms, Jimmys und mein Innerstes und unsere Schicksale sind Teil jeder Seite des Romans.
Donals Eltern, meinen Schwiegereltern, danke ich für ihre Liebe, ihre Unterstützung, ihre Wärme und Weisheit. Sie sind waschechte Dubliner, die Art von Mensch, die man auf seiner Seite haben möchte. Mit ihnen weiß ich: Egal wie steinig der Weg ist, ich werde niemals aufgeben, ohne zu kämpfen – und zu lachen.
Ich habe dieses Buch geschrieben in Erinnerung an einen Rockstar, dessen Freunde ihn geliebt haben und gehen lassen mussten. Sie erinnern sich mit Freude an sein Talent und seine Schönheit und denken an alles, was hätte sein können …
Und ich habe es geschrieben in Erinnerung an meine Mutter, diese kluge, geistreiche, lustige, brillante Frau, die mir beigebracht hat, wie man in der tiefsten Dunkelheit ein Licht findet und wie wertvoll es ist, wenn man manchmal nicht anders kann, als Witze zu reißen.»

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