06.01.2016   von rowohlt

Oleg, sechs Jahre alt, spurlos verschwunden

Ein kleiner Junge, unter dramatischen Umständen von zu Hause entführt. Osteuropäische Prostituierte, in ihrer Heimat verschleppt und nie wieder gesehen. Illegal gezüchtete Hunde, zu Dumpingpreisen ins Land geschmuggelt. Für Hauptkommissar Henry Conroy und seine neue Kollegin Manuela Sperling passt hier nichts zusammen. Bis sie auf eine Spur stoßen, die die Fälle auf grausige Weise verbindet ...

© iStockphoto.com
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Verschleppt im Maisfeld

Alles fängt mit dem Verschwinden von Oleg an. Eben noch spielte der sechsjährige Junge mit Hund Pedro am Sandkasten vor dem einsam gelegenen Haus seiner Eltern. Dann ist er fort. Verschwunden in dem riesigen Maisfeld. Dem grünen Labyrinth, das sich bis zum Waldrand erstreckt und das Helga Schwabe, Olegs Mutter, immer schon unheimlich war. Da, wo sich die Spur des Jungen verliert, entdecken Conroy und seine Kollegen einen toten Hund, dem der Kopf abgerissen wurde – ein grausiger Anblick.


Es ist die erste von vielen Irritationen, die der Fall für Henry Conroy und seine Leute mit sich bringt. Der erste Hund, den die Schwabes hatten, war von ihrem Nachbarn, dem Bauunternehmer und Jäger Buhrmann, erschossen worden. Der Unternehmer ist bekannt dafür, in Sachen schneller Sex nichts anbrennen zu lassen, ob bei seinen Ausflügen auf den Babystrich hinter der Grenze zu Tschechien oder bei seinen regelmäßigen Abstechern nach Thailand. Olegs Vater Arthur ist überzeugt, dass Buhrmann und sein brutaler Polier Carl Theiß hinter der Entführung Olegs stecken – und bricht zu einem blutigen Rachefeldzug auf.


Hauptkommissar Conroy ist genervt vom forschen Ton seiner jungen Kollegin. Manuela Sperling ist alles andere als auf den Mund gefallen; Conroys Machogehabe und Platzhirschposen kontert sie mit frecher Unbekümmertheit. Was sie als Ermittlerin drauf hat, wird ihr mürrischer Vorgesetzter aber bald erfahren. Sie ist es, die als Erste realisiert fällt auf, dass in diesem Fall immer irgendwo Hunde auftauchen, ob Welpen oder Kampfhunde, Kuscheltiere oder Kampfmaschinen – Hunde, das ist die heiße Spur.

«Es wimmelt hier nur so von Hunden. Fällt Ihnen das nicht auf?»

Und Manuela Sperling recherchiert noch etwas: Oleg ist der fünfte Junge dieses Alters, der in den vergangenen Jahren verschleppt wurde. Aus Familien, die eines gemeinsam hatten: dass sie für ihr Kind billig einen Welpen gekauft hatten. «Deutschland ist Hundeland. Nicht jeder, der sich einen Hund wünscht, kann sich einen leisten, deshalb boomt das Geschäft mit den illegalen Tieren aus dem Osten. Diese Tiere stammen aus regelrechten Zuchtfabriken.»


Was Conroy und Sperling nicht wissen: Auch radikale Tierschützer der Gruppe FreeDogs stecken irgendwie in der Geschichte mit drin. Rieke, eine von ihnen, verfolgt auf eigene Faust einen abgerissenen Typen, der im Tierfachmarkt, in dem sie jobbt, Würgehalsbänder kaufen wollte. Sie folgt seinem alten blauen Kastenwagen bis in ein finsteres Waldstück, zu einem heruntergekommenen Einödhof mit riesigen Hundezwingern. Hätte sie geahnt, was sie dort sieht – sie wäre niemals allein zu dieser wahnwitzigen Mission aufgebrochen.

Der Schrecken hat ein Gesicht

Winkelmanns Geschichten sind Hardcore. Wer seinen letzten Thriller, das multimedial inszenierte Deathbook kennt, weiß das. Die Zucht arbeitet mit kurzen Kapiteln, schnellen Schnitten, rasanten Perspektivwechseln. Und zieht uns so in die Geschichte hinein, von der ersten Seite an. Man ist erschreckt, angewidert, gebannt – und liest weiter und weiter.


Andreas Winkelmann arbeitet mit archetypischen Ängsten seiner Leser. Mit der Angst vor menschlichen Wesen, die jedes menschliche Maß verloren haben und Dinge tun, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen. Vor blutrünstigen Tieren, die zu Mordmaschinen abgerichtet werden und alles fressen, was man ihnen hinwirft, Tierfleisch, Menschenfleisch, egal. Samojeden, eine robuste, extrem widerstandsfähige russische Rasse, Hunde, die Oblomov und Olumuk, Odin, Caligula und Jurij heißen. Und weshalb eine Peitsche als «Großvaters Haut» bezeichnet wird, auch das ahnen wir längst …

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