18.07.2019   von rowohlt

Andrea Camilleri (1925–2019)

Aufklärer, «Ideenschmuggler», Menschenfreund: Andrea Camilleri, einer der Großen der italienischen Gegenwartsliteratur, ist am 17. Juli in Rom gestorben.

© Basso Cannarsa
© Basso Cannarsa

Er war klug, engagiert, charismatisch. Andrea Camilleri, 1925 im Küstenstädtchen Porto Empedocle in der Provinz Agrigento auf Sizilien geboren, war als Romancier, Regisseur, Drehbuchautor und Dozent an der Theaterhochschule in Rom ungeheuer produktiv. Alles in allem verfasste er mehr als 100 Bücher – und war doch fast schon 70 Jahre alt, als er mit seinen Kriminalromanen um Commissario Salvo Montalbano den großen literarischen Durchbruch erlebte. Die sicilianità durchzieht sein gesamtes literarisches Schaffen; den Menschen Siziliens blieb er immer verbunden, auch wenn sich sein Leben fast ausschließlich in Rom abspielte. Als politisch wacher Zeitgenosse legte er sich immer wieder mit der Kirche, den politisch Mächtigen, der Mafia an. Mit Andrea Camilleri hat Italien einen seiner scharfsinnigsten und liebenswertesten Schriftsteller verloren.

«Prickelnd wie Prosecco ist Camilleris Prosa.» (Corriere della Sera)


Dass Camilleri erst sehr spät als Schriftsteller
reüssierte, erklärt sich aus der Tatsache, dass seine berufliche Karriere bei der RAI begann, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Italiens. Dort hatte er einst eine auf sechs Monate befristete Stelle angetreten – er blieb dreißig Jahre. Und hinterließ Spuren: 120 Theaterinszenierungen, 80 Fernsehproduktionen, 1300 Regiearbeiten für das Radio. Als er sich schließlich von der Regiearbeit verabschiedete und sich auf literarische Bücher unterschiedlicher Genres verlegte, avancierte Andrea Camilleri zu einem der meistgelesenen Autoren Italiens.


Bereut habe er den «Umweg über die Regie» nie, verriet er in einem Interview mit Maike Albath im Deutschlandfunk: «Das Theater hat mich in meinem Schreiben sehr geprägt. Es war so, als hätten sich nach 25 Jahren als Regisseur so viele Geschichten in mir angesammelt, die erst dann ans Licht kommen konnten.» Als freier Autor eilte Camilleri von Erfolg zu Erfolg. Riesige Auflagen, Übersetzungen seiner Werke in viele Sprachen, Literaturpreise, Ehrendoktorhüte – der in Rom lebende Sizilianer war und ist einer der meistgelesenen Autoren Italiens.


Interviews mit Camilleri waren ein Vergnügen – für beide Seiten. Auf die Frage, weshalb sein Commissario Montalbano so ein sizilianischer Sturkopf sei, eigensinnig, kauzig und für nichts so entflammbar wie für gutes Essen, antwortete er: «Ich wollte nicht einen dieser amerikanischen Polizisten erfinden, die morgens um fünf einen Baseball an den Kopf kriegen, um sieben den ersten Schusswechsel überstehen, um acht jemanden verprügeln und um zehn mit einer Blonden ins Bett steigen – eine Uhrzeit, um die jeder normale Mensch sich am liebsten gar nicht bewegen würde. Mein Kommissar sollte jemand sein, den man gerne zu sich nach Hause einlädt, jemand, der seinen Kopf benutzt und der nach der Wahrheit sucht, nicht nach Gerechtigkeit, was etwas ganz anderes ist.»


Camilleri war ein Familienmensch. Als seinen größten Erfolg bezeichnete er die Tatsache, auch als Erfolgsschriftsteller mit seiner Frau und den drei Töchtern ein ganz normales, bescheidenes Leben geführt zu haben. Seine Lieblingsrolle sei die des «frechen Großvaters» gewesen. Er liebte es, beim Schreiben das volle Leben um sich zu haben, darin war er das krasse Gegenstück zu den mönchischen Schreibgepflogenheiten etwa eines Thomas Mann. Als er einmal in schönster toskanischer Abgeschiedenheit über einem Buch brütete, drehte er wegen der himmlischen Ruhe und des Gesangs der Vögel fast durch. Totale Schreibblockade – was tun? Camilleri rief seine Töchter an und bat sie, ihm die Enkel vorbeizuschicken, und zwar: alle. Als die laute, lustige Kinderschar eintraf und das Haus in Beschlag nahm, war es mit der Ruhe vorbei. Und endlich konnte er arbeiten.

«Zurück sind die Hunde der Nacht ...»


Camilleri war immer auch ein politischer Autor.
Zuletzt hatte er den rechtspopulistischen Innenminister Matteo Salvini vehement kritisiert: Wenn einer wie der Hardliner der Lega Nord sich bei öffentlichen Auftritten mit dem Rosenkranz zeige, rufe das Brechreiz in ihm hervor. «Der Schriftsteller muss das Chaos interpretieren», das war die Maxime des Aufklärers Camilleri.
Die Verrottung der politischen Moral, die Hartherzigkeit im Umgang mit Immigranten, die grenzenlose Korruption, die Allgegenwart des organisierten Verbrechens, all das war ihm zuwider. Kein Wunder, dass ihm eine Figur wie Silvio Berlusconi gegen den Strich ging: «Nach meinem Eindruck hat Berlusconi in Italien endgültig die Motorino-Moral durchgesetzt. Wissen Sie, was ein Motorino ist? Ein Mofa, heute fährt man damit über den Bürgersteig, schneidet anderen den Weg ab, leistet sich einfach alles – das ist die Motorino-Moral.»


Camilleris politisch avanciertester Text dürfte «M wie Mafia» sein: die Rekonstruktion der spektakulären Geschichte des Bernardo «Binnu» Provenzano, des capo di tutti i capi, des Bosses aller Bosse. Als Jungmafioso hatte Provenzano sich als gnadenloser Killer betätigt; später, als Chef des mächtigsten Mafia-Clans Siziliens, beendete er mit harter Hand die Massakerstrategie der «Firma» unter Führung von Totò Riina, weil diese sich schlicht als geschäftsschädigend erwies. Dreiundvierzig Jahre agierte er aus dem Untergrund: von Ort zu Ort, von Unterschlupf zu Unterschlupf weiterziehend – bis er im März 2006 in der Nähe seiner Heimatstadt Corleone verhaftet wurde.


«Du bist kein Schriftsteller. Du bist ein Kriegsberichterstatter, der mitten im Kugelhagel schreibt.» Dieser Ausspruch seiner Frau Rosetta könnte auch und vor allem diesem Projekt ihres Mannes gegolten haben. Sich mit der Mafia zu beschäftigen, mit den Strukturen, Techniken und Drahtziehern des organisierten Verbrechens in Italien, kann lebensgefährlich sein, wie man weiß. Aber wer wie Camilleri mit so leichter Hand, souverän und amüsant, scharfsinnig und sarkastisch, über die «ehrenwerte Gesellschaft» schreibt, der hat eines nicht: Angst.



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