28.05.2017   von rowohlt

Anarchie und Irrsinn

«Gegenwärtiger und radikaler kann ein Roman kaum sein» – Denis Johnsons Roadmovie «Die lachenden Ungeheuer»

© Cindy Lee Johnson
© Cindy Lee Johnson

Roland Nair, Däne mit amerikanischem Pass, nimmt in Sierra Leones Hauptstadt Freetown Kontakt mit Michael Adriko auf, mit dem er während des Bürgerkriegs eine Menge Geld verdiente. Zu Nairs Überraschung bringt der alte Weggefährte seine Verlobte Davidia St. Claire mit, eine schwarze Collegestudentin aus Colorado. Die beiden wollen irgendwo im Grenzland zwischen Uganda und dem Kongo heiraten, und Nair soll die beiden begleiten.  Aber weshalb werden die drei von Interpol, Mossad und MI6 gejagt? Die Reise durch ein geheimnisvolles, beklemmendes Afrika führt geradewegs ins Herz der Finsternis … Ein aufwühlender, dunkler Abenteuer- und Spionageroman in der Tradition von Joseph Conrad und Graham Greene von einem der herausragenden amerikanischen Gegenwartsautoren.

Stimmen zu Denis Johnsons Roman


NDR Kultur: «‹Die lachenden Ungeheuer› ist literarisch dicht, verstörend und vielleicht die einzig mögliche Form in diesem Genre, die unsere chaotische Gegenwart abzubilden vermag.»
Berner Zeitung: «Ein fiebriger Thriller, in dem nichts ist, wie es scheint.»
Zeit Online: «Denis Johnsons Roadmovie spielt in einer Welt, die keine Gnade kennt und keinen Halt. Gegenwärtiger und radikaler kann ein Roman nicht sein.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Wie ein Malariafiebertraum … Der Roman schenkt einem lauter solche Sätze, die man sich einrahmen könnte.»
Badische Zeitung: «Die Atmosphäre ist dicht, die Dialoge sind hartgesotten wie im Film noir, und die Geschichte ist imprägniert mit Humor und bitterer Ironie.»

«Vielleicht nach Senegal. Und es gibt immer noch Kamerun»


In seinem Vietnam-Roman «Ein gerade Rauch» hat Denis Johnson den Wahnsinn kriegerischer Auseinandersetzungen brillant eingefangen (Die Zeit: «Brisante, wunderbar wüste Literatur», ausgezeichnet mit dem National Book Award 2007). Dass Johnson ein Faible für unübersichtliche Gemengelagen, diffuse Frontverläufe und brüchige Loyalitäten hat, zeigt auch sein Afrika-Roman «Die lachenden Ungeheuer». Seine Protagonisten, den Ich-Erzähler Nair und dessen Kumpel Adriko, schickt er nach Freetown, Sierra Leone.


Beide sind Typen mit Söldnermoral, am Krieg interessiert sie nichts als die Möglichkeit, schnelles Geld zu machen – Gold, Diamanten, Drogen, egal. Nair, der Halb-Däne, der kein Wort Dänisch spricht, ist ein zynischer Abenteurer. Kein höheres Ziel, keine Moral, kein Patriotismus treibt ihn an; er will alles, nur nicht gelangweilt werden. Deshalb sind Chaos, Irrsinn und Verfall seine natürliche Umgebung und Alkohol sein bester Freund.


Nair und Adriko – wer hier wen beschattet, wer am Ende den anderen abkocht, bleibt unklar. Klar ist nur, dass beide sich aus Einsätzen in Sierra Leone und Afghanistan kennen – und dass beide auf der Gehaltsliste von Geheimdiensten stehen. Von Roland Nair erfahren wir, dass er, der offiziell für den NATO-Geheimdienst NIIA unterwegs ist, in Afrika Geheiminformationen über das Glasfaserkabelnetz der US Army gewinnbringend an den Mann bringen will. Landesverrat – who cares? Der aus der Idi-Amin-Sippe stammende US-Army-Angehörige Adriko hat auch etwas zu verhökern: Er versucht, dem Mossad angereichertes Uran aus russischen Sprengköpfen zu verkaufen. Ein Fake, versteht sich. Kein Fake ist dagegen die Reise von Freetown in Sierra Leone nach Entebbe in Uganda und von dort über die grüne Grenze in den Kongo, wo Adriko Davidia heiraten will. Auf dem Weg dorthin fällt das Trio in die Hände kongolesischer Bewaffneter …

«Endspiel unter westafrikanischer Sonne»


«Mein Ideal besteht aus drei Maximen: Schreib nackt, schreib aus dem Exil, schreib mit Blut.» Was zunächst recht pathetisch klingt, trifft seine Schreibhaltung exakt. Keine Spielchen, keine Kompromisse, kein Geschwätz. Mit Blut schreiben – jedes Wort zählt. Denis Johnson ist «der schwarze Romantiker unter Amerikas Apokalyptikern» (Profil). «Schreiben ist, wie wenn man eine Skulptur meißelt. Man folgt einer Ader im Stein, die in eine bestimmte Richtung führt. Meine führen immer ins Schmerzhafte.»


Westafrika kennt Denis Johnson aus eigenem Erleben. Mehrfach war er als Reporter in Liberia und Somalia unterwegs. Anfang der 90er Jahre schickte ihn der New Yorker nach Westafrika, mitten hinein in die Bürgerkriegswirren Westafrikas. Sein Buch «In die Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt» enthält Reportagen über afrikanische Kriegsschauplätze, Exkursionen in Länder, in denen Folter, Massaker und eine unfassbare Verrohung herrschten «Das Schreckliche, das er gesehen und gehört hat, verwandelte Johnson in lakonische Prosastücke von rauer Anmut und Klarheit.» (Deutschlandradio) Johnson, 1949 als Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers in München geboren und in Tokio und Manila aufgewachsen, hat in seinem Leben viel gesehen und viel erlebt. Sein legendärer Erzählungsband «Jesus' Sohn» und Romane wie «Engel», «Trains Dreams», «Der Name der Welt» oder «Ein gerade Rauch» brachten ihm den Ruf eines zornigen Apokalyptikers ein. Wer «Die lachenden Ungeheuer» liest, wird verstehen, warum.


«Kritiker haben Johnson seine angebliche politische und psychologische Uneindeutigkeit vorgeworfen», schreibt Christoph Schröder auf Zeit Online. «Es kann sich dabei nur um ein Missverständnis von Johnsons Radikalität handeln: Eine Welt ohne metaphysischen halt und ohne Gnade findet in seinen Roman ihre raffinierte Entsprechung.» Wo es keine Illusionen gibt, bedarf es auch keiner Desillusionierung. Denis Johnson: «Weshalb sollen meine Bücher gut ausgehen? Das Leben geht doch auch nicht gut aus. Wir altern, unsere Freunde sterben, und am Ende müssen wir selbst dran glauben. Was ist daran positiv?» 

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