07.09.2015   von rowohlt

Alter, Tod und Abschied – Roz Chasts grandiose Comic-Kunst

«Großartig, abgrundtief ehrlich – das man ‹das› denken und fühlen darf!» (Ralf König)

© Roz Chast
© Roz Chast

Wie kann ein Buch über das Sterben todtraurig und lustig zugleich sein? Den langsamen Verfall der Eltern zu erleben, tut weh; ihn zum Gegenstand eines Comics zu machen, der ungeschminkt und respektvoll darüber berichtet, muss doppelt schmerzen. Das Lebensende, unser großes Tabu – Roz Chast hat sich ihm gestellt, menschlich und künstlerisch. «Können wir nicht über was Anderes reden?»  (Übersetzung: Marcus Gärtner, Lettering: Tex Rubinowitz) ist ein grafisches Gesamtkunst, erfüllt von schwarzem Humor, großer Weisheit, Verzweiflung und Liebe.


Die Autorin & Illustratorin: Roz Chast studierte an der renommierten Rhode Island School of Design; seit 1978 ist sie Cartoonistin des New Yorker. David Remnick, ihr Chefredakteur, nannte sie einmal «das einzig wahrnehmbare Genie des Magazins». «Können wir nicht über was Anderes reden?» war Nr. 1 der New-York-Times-Bestsellerliste, Finalist des National Book Award, gefeiert als eines der besten Sachbücher des Jahres. Roz Chast lebt mit ihrer Familie in Connecticut.

Stimmen zum Buch

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Wenn man schon über das Sterben seiner Eltern schreibt – dann so.»



Ralf König: «Roz Chast schreibt und zeichnet so schonungslos ehrlich über den  quälenden Abschied von ihren Eltern und ihre Gefühle dazu, dass ich es kaum aus der Hand legen mochte. Natürlich alles sehr tragisch, es hat aber auch einen wunderbaren, verzweifelten Humor … Wieso ist das nicht in den Literatur-Bestsellerlisten? Ach, ist ja nur ein Comic!»



Der Standard: «Roz Chasts Universum von Cartoons und Comics  ist ein auf den ersten Blick kindlich wirkendes, in Wirklichkeit raffiniertes, vielschichtiges Werk, das die Anachronismen, Ängsten und Absurditäten des Alltags auf die Spitze treibt.»



Tex Rubinowitz: «Dass sie ihre greisen, ihre sterbenden Eltern zu Figuren im Chast-Land macht, erzeugt einerseits Distanz, ist aber auf der anderen Seite auch sehr intim und voller Liebe, es nimmt dem Schrecken und dem Schmerz das Unbeschreibliche.»



Eine Kindheit im «verinnerlichten Schtetl»

Die Vorfahren der Chasts wurden mit der jüdischen Einwanderungswelle um 1900 aus dem Zarenreich nach Amerika gespült, arm wie Kirchenmäuse.  Roz Chast beschreibt ihre Kindheit als unglückliche, einsame Zeit. Ihre dominante, zu rabiater Rhetorik neigende Mutter Elizabeth ist das Energie- und Machtzentrum der Familie; fast ihr ganzes Arbeitsleben lang war sie stellvertretende Direktorin einer Grundschule. Wer Mist baute oder selbstbewusst eigene Ansichten vertrat, so hieß es stets, «der bekommt es mit der Chast zu tun».


Roz' Vater George ist ein freundlicher, durchsetzungsschwacher Mann mit einer frappierenden Unfähigkeit allem Technisch-Praktischen gegenüber (er kann weder Auto noch Rad fahren, weder schwimmen noch eine Glühbirne wechseln). Georges fortschreitende Demenz spürt Roz bei ihren Besuchen in Brooklyn immer deutlicher. Die alten Chasts sind wie Haken und Öse: symbiotisch bis in den Tod. Geredet wird bei ihnen über die wichtigen Dinge entweder gar nicht oder extrem zackig. «Ich bin Jüdin. Daddy ist Jude. Du bist Jüdin. Fertig.» Oder: «Nur Dummköpfe, Lügner und Irre glauben ernsthaft an etwas.»


Ihre Eltern, beide Jahrgang 1912, gehen auf die 90 zu, als Roz sich endlich entschließt, sie im «tiefsten Brooklyn» zu besuchen – zum ersten Mal nach 11 Jahren. Seit 1990 lebt sie mit ihrem Mann und den Kindern in Ridgefield, einer kleinen Stadt in Connecticut, eine Autostunde nordöstlich von New York. Es wird Zeit, mit ihren Eltern zu reden. Über das Altwerden, über die Zeit, die ihnen noch bleibt. Es ist der 9. September 2001, zwei Tage später fallen die Twin Towers an der Südspitze Manhattans.

Frieden schließen, endlich

«Das Taxi hielt. Ich stieg aus und ging hinein, erfüllt von Angst, schuld und Klaustrophobie.» Der erste Eindruck in der Wohnung: Schmutz, überall Schmutz. Berge von uralten Zeitschriften, Socken, Hemden, Werbegeschenken, Fotos, Andenken, Schnickschnack. Roz schnürt es die Luft ab. Sie weiß: Ab jetzt wird sie häufiger kommen müssen. «Da kam was ganz Dickes auf uns zu»: die letzte Runde, das bittere Ende.



Im Dezember 2005 stürzt Elizabeth von einer Leiter, kurz darauf wird sie in die Notaufnahme des Maimonides Hospital in Brooklyn eingeliefert. Von nun an, um mit Hildegard Knef zu sprechen, geht's  bergab. So richtig wird sich Roz' Mutter, mittlerweile 93, nicht mehr von dem Sturz erholen. Weil es nicht anders mehr geht, weil niemand mehr die Augen vor dem Unausweichlichen verschließen kann, kommen alle verdrängten Themen auf den Tisch: Seniorenanwalt, betreutes Wohnen, Patientenverfügung, Rente, Sparbücher, Sozialversicherung, Essen auf Rädern, Haushaltshilfe,  Pflegekosten (ein Wahnsinn!), Wohnungsauflösung etc.


Während Roz' Mutter über Ärzte, Krankenhäuser und Altersheime wütet («Da geht man hin, um zu sterben!»), um die Restkontrolle über ihr Leben zu bewahren, ist ihr Vater völlig überfordert. «Meisterns war er nur traurig. Ohne meine Mutter war er verloren, und außerhalb seiner gewohnten Umgebung fehlte ihm jegliche Orientierung.»


Für Roz Chast beginnt eine strapaziöse, schmerzhafte Zeit. «Ich habe Dad gesagt, er wird mit mir zusammen 100, und wenn ich ihn an den Haaren hinter mir herschleife!» Das hatte Roz' Mutter hoch und heilig geschworen, tough bis zum Ende.  Nein, so ist es nicht gekommen. George Chast stirbt am 17. Oktober 2007 im Alter von 95 Jahren, Elizabeth knapp zwei Jahre später, nach langem Dahindämmern in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod: «Der Teufel will sie nicht, und Gott ist noch nicht so weit …»  Am 30. September 2009 war er dann so weit.

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